Neues, digitales Outfit statt alter Zöpfe

Wie die Transformation beschleunigen?

| Autor / Redakteur: Hadi Stiehl / Manfred Klein

Johannes Rosenbohm warnt davor, analoge Prozesse wegen des Zeitdrucks einfach zu elektrifizieren
Johannes Rosenbohm warnt davor, analoge Prozesse wegen des Zeitdrucks einfach zu elektrifizieren (© Materna GmbH)

Die Öffentliche Verwaltung in Deutschland hinkt, was die digitale Transformation betrifft, vielen europäischen Staaten hinterher. Dies hat viele Gründe. eGovernment Computing hat Johannes Rosenboom, eGovernment-Experte beim Beratungs- und Integrationshaus Materna, nach den Gründen befragt und mit ihm diskutiert, was Verwaltungen tun müssten, um diesen Rückstand schnellstmöglich aufzuholen.

Können Sie den Rückstand gegenüber anderen europäischen Staaten an Zahlen festmachen?

Rosenboom: Der EDPR (European Digital Progress Report) 2017 ist dem Stand der digitalen Transformation in den Öffentlichen Verwaltungen Europas auf den Grund gegangen. Für den Report wurde der Stand von eGovernment in ­allen Staaten der Europäischen Union analysiert und in Form eines DESI (Digital Economy and Society Index) wiedergegeben. Dazu wurden fünf maßgebliche Kriterien herangezogen: Konnektivität, Humanes Kapital, Grad der Nutzung des Internet, Integration digitaler Technologien und Anzahl der öffentlichen Online-Services.

Das Gesamtergebnis der Analyse: In der deutschen Verwaltung kommt die digitale Transformation im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Staaten schleppend voran. Danach rangiert Deutschland in punkto eGovernment von den 29 untersuchten Staaten lediglich im letzten Drittel der Rangliste auf Platz 20.

Was ist Ihrer Einschätzung nach der wichtigste Grund für das schlechte Abschneiden hierzulande auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene, trotz teils seit vielen Jahren laufender eGovernment-Projekte?

Rosenboom: Ein wesentlicher Grund dafür dürften genau diese komplexen Verwaltungsstrukturen sein. Die kleinen baltischen Staaten und die weniger bevölkerten skandinavischen Staaten haben eher zentralistische und dadurch schlankere Verwaltungsstrukturen. Anders ist dies in Deutschland mit einem föderalen Aufbau der Verwaltung. Dieser Aufbau erschwert eGovernment-Projekte. Zumal komplexe Verwaltungsstrukturen zwangsläufig komplexe Verfahrensabläufe, Regelungen und Vorschriften nach sich ziehen, was nochmals die Einführung neuer Online-Verfahren verkompliziert, erst recht mit behörden- und verwaltungsübergreifender Geltung.

Wie auch immer: Die deutsche Verwaltung kann sich diesen Digitalisierungsrückstand nicht leisten. Der Rückstand hat außerdem eine negative Rückwirkung auf Bürger und Unternehmen. So nutzt nach dem EDPR in Deutschland bisher nur jeder fünfte Bürger digitalisierte Verwaltungsservices. Umgekehrt gehen dem Bund, den Ländern und den Kommunen aufgrund mangelnder Akzeptanz bei Bürgern und Unternehmen intern viel Effizienz und Effektivität verloren. Mit mehr Mut und einer beschleunigten Umsetzung beim eGovernment könnten Bürger und Unternehmen schneller von den Vorteilen digitaler Services profitieren.

Womit also beginnen, um die Digitalisierung in der Verwaltung schneller voranzubringen?

Rosenboom: Dafür müsste der Hebel an vielen Stellen angesetzt werden: eine verbindliche behörden- und verwaltungsübergreifende Steuerung, hinreichende Investitionen in Personal- und Know-how-Aufbau, in neue Ausstattungen und Systeme sowie bei der Umgestaltung von bisher begrenzten behörden- und verwaltungsübergreifenden Prozessen.

Für dies alles sollten Bund, Länder und Kommunen enger und besser als in der Vergangenheit zusammenarbeiten. Weiter so wie bisher zu verfahren, ist für die Verwaltung auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene keine Alternative. So würden die vorherrschenden Insellösungen und fragmentarischen eGovernment-Dienste lediglich zementiert sowie Effizienz- und Effektivitätspotenziale buchstäblich verschenkt. Dadurch würden wir noch weiter in Rückstand gegenüber den anderen EU-Staaten geraten.

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Oft liegt es ja auch an komplexen und langwierigen Softwareprojekten. Software, die dann auch noch...  lesen
posted am 05.05.2018 um 15:00 von Unregistriert


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