Neue Wege in der IT-Ausbildung Wie die Stadt Köln qualifizierten IT-Nachwuchs rekrutiert

Redakteur: Gerald Viola

Der Bedarf an qualifizierten IT-Fachkräften steigt mit der zunehmenden Bedeutung der Informationstechnik für die Modernisierung der Verwaltung. Denn nur mit gut ausgebildetem und hoch motiviertem, eigenem Personal bleibt die Verwaltung ein kompetenter Auftraggeber und auf Dauer in der Lage, die immer anspruchsvolleren Projekte zu steuern und moderne IT-Infrastrukturen sicher und zuverlässig zu betreiben.

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Stadt Köln: Neue Wege in der IT-Ausbildung
Stadt Köln: Neue Wege in der IT-Ausbildung
( Archiv: Vogel Business Media )

Hinzu kommt, dass in den kommenden Jahren die „Gründergeneration“ der kommunalen Rechenzentren aus dem Öffentlichen Dienst ausscheidet und eine zusätzliche Personallücke reißt, die das Defizit an IT-Spezialisten verschärft. Vor allem in kommunalen IT-Betrieben, in denen nicht nur eigene Projekte, sondern auch die der Landes- und Bundesverwaltung umzusetzen sind, spitzt sich deshalb die Personalsituation dramatisch zu.

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Doch gerade im IT-Bereich tut sich die Verwaltung schwer, qualifizierten Nachwuchs zu rekrutieren. Dies trifft vor allem für kommunale IT-Dienstleister zu, deren Personal überwiegend im gehobenen Dienst beschäftigt ist. Sie können in vielen Fällen nicht mit den Gehaltsangeboten privater Mitbewerber um qualifizierte Fachkräfte mit Fachhochschulstudium und Hochschulstudium konkurrieren. Auf die kommt es aber immer mehr an. So wichtig Berufserfahrung und Verwaltungskenntnisse auch sind: Autodidaktisch erworbene IT-Kenntnisse von Quereinsteigern reichen immer weniger aus, um den hohen Anforderungen einer sich immer schneller wandelnden Informationstechnologie gewachsen zu sein.

In dieser Situation setzt die Stadt Köln sehr erfolgreich auf eigene Ausbildungsmaßnahmen, um qualifizierten IT-Nachwuchs zu rekrutieren. Sie hat dazu ein langfristig angelegtes Ausbildungskonzept entwickelt, das stärker noch als die traditionellen Ausbildungsangebote auf eine enge und dauerhafte Bindung an den Betrieb durch eine stufenweise Qualifizierung bis hin zum Hochschulabschluss zielt. Dies ist nicht nur für Berufsanfänger hoch attraktiv.

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Berufsbegleitende Studienangebot mit Bachelor-Abschluss in Wirtschaftsinformatik

Das IT-Ausbildungskonzept der Stadt Köln sieht zwei oder drei Stufen vor und erstreckt sich über einen Zeitraum von sechs oder neun Jahren. Es beginnt mit dem klassischen dreijährigen Angebot einer dualen Fachinformatik-Ausbildung nach den Rahmenvorgaben der Industrie- und Handelskammer. Pro Jahr bietet die Stadt fünf bis sieben dieser Ausbildungsplätze an. Doch die Übernahme in den Dienst beim Amt für Informationsverarbeitung ist (nach erfolgreichem Abschluss mit entsprechenden Noten) an die Bereitschaft und Befähigung geknüpft, im Anschluss zusätzlich ein in der Regel dreijähriges, berufsbegleitendes Studium in Wirtschafts- oder Verwaltungsinformatik zu absolvieren.

Für dieses berufsbegleitende Studienangebot mit Bachelor-Abschluss in Wirtschaftsinformatik ist die Stadt Köln eine Kooperation mit der privaten Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach (FHDW) eingegangen (www.fhdw.de), die dieses Angebot auch privaten Unternehmen unterbreitet.

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Die Präsenzveranstaltungen zum Studium finden überwiegend freitagnachmittags und samstags statt. Die Lehrveranstaltungen sind zeitlich verkürzt und erfordern einen hohen Anteil an Selbststudium. Der Vorteil für die Studierenden liegt vor allem darin, dass sie auf festen Planstellen (des mittleren Dienstes) geführt werden und mit Abschluss des Studiums die Befähigung zum gehobenen Dienst erwerben. Die Ausbildungskosten trägt die Stadt Köln in Form eines Stipendiums, das (anteilig) zurückgezahlt werden muss, wenn das Beschäftigungsverhältnis mit der Stadt nach der Ausbildung nicht fortgesetzt wird.

Für den Arbeitgeber hat dieses Ausbildungsmodell den großen Vorteil, dass die Kolleginnen und Kollegen aufgrund ihrer vorherigen Ausbildung bereits mit den Betriebsabläufen vertraut sind, parallel zum Studium weiterhin durchgängig zur Verfügung stehen und vor allem mit ihren Projekt- und Abschlussarbeiten einen unmittelbaren Wissenstransfer in die berufliche Praxis leisten.

Das berufsbegleitende Studium ist nicht nur ein Angebot für die eigenen Absolventen der Fachinformatik-Ausbildung. Es macht die Stadt auch attraktiv für berufserfahrene IT-Fachkräfte aus anderen Unternehmen, die eine neue Herausforderung in Verbindung mit einer fundierten Fachqualifikation mit anerkanntem Hochschulabschluss suchen.

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Jedes Jahr fünf Ausbildungsplätze

Für Berufsanfänger besteht außerdem die Möglichkeit, eine Erstausbildung mit Abschluss „Bachelor in Wirtschaftsinformatik“ in Form eines „dualen Studiums“ zu absolvieren. In dem ebenfalls von der FHDW angebotenen Studiengang wechseln Studienphasen an der Hochschule (insgesamt vier Hochschultrimester von 16 bzw. 18 Kalenderwochen) mit vier in etwa gleich langen Praxisphasen ab, in denen jeweils eine Projektarbeit (in der letzten die Bachelorarbeit) anzufertigen sind.

Die Studierenden durchlaufen in den Praxisphasen verschiedene Abteilungen und Kompetenzzentren des Betriebs und erhalten dabei einen praxisnahen Einblick in die wichtigsten Fachgebiete der kommunalen IT, was die Entscheidung für die spätere Spezialisierung erleichtert. Sie beziehen während des Studiums eine Praktikantenvergütung. Die Studiengebühren sind ebenfalls zurückzuzahlen, wenn nach der Ausbildung keine Übernahme in den Dienst der Stadt Köln erfolgt.

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Auch für das berufsbegleitende und duale Studium werden pro Jahr zusammen fünf Ausbildungsplätze bereitgestellt, sodass im Amt für Informationsverarbeitung mit rund 230 Beschäftigten auf diese Weise jährlich mindestens zehn junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter neu hinzugewonnen werden können.

Für eine begrenzte Zahl besonders qualifizierter und leistungsfähiger Kolleginnen und Kollegen besteht schließlich die Möglichkeit zum berufsbegleitenden Masterstudium in verschiedenen Spezialisierungsfeldern. Die Stadt bedient sich dabei der Angebote verschiedener Hochschulen wie beispielsweise der International School of IT Security in Bochum (www.is-its.org), die einen Fernstudiengang „Applied IT-Security“ durchführt oder des Bildungsnetzwerkes winfoline (www.winfoline.de), das einen Master of Science in Information Systems vergibt. Die Erfahrungen mit der eingeschlagenen Qualifizierungsstrategie sind ausgesprochen positiv.

Trotz hoher Nachfrage auf dem IT-Arbeitsmarkt und den begrenzten monetären Anreizen, die der Tarifvertrag zulässt, ist es gelungen, sehr gut ausgebildete und hoch motivierte Nachwuchskräfte zu gewinnen, mit denen die natürliche Fluktuation im Personalbestand aufgefangen werden kann. Das Qualifizierungsergebnis ist so gut, dass die Absolventen sehr attraktive Angebote von Firmen erhalten und einzelne trotz Rückzahlungspflicht der Studiengebühren abgeworben wurden.

Durch die aufeinander aufbauenden Qualifizierungsphasen und die lange Zugehörigkeit entsteht andererseits auch eine enge Bindung an die Stadt. In Verbindung mit flexiblen Arbeitsmöglichkeiten und einem attraktiven Arbeitsumfeld entscheidet sich daher die weitaus überwiegende Zahl zu bleiben. Umso dringender ist daher die Forderung an die Tarifparteien, auch entsprechende Fachkarrieren in der IT zu ermöglichen.

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Für die Ausbildung des IT-Personals muss mehr Geld bereitgestellt werden

Der IT-Betrieb insgesamt profitiert, weil der hohe Stellenwert, den die Ausbildung für die berufliche Weiterentwicklung hat, sich äußerst positiv auf die Offenheit und das Interesse für Weiterbildungsmaßnahmen bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auswirkt.

Und für die Stadt zahlt sich die Maßnahme nicht zuletzt deshalb aus, weil die Abhängigkeit von externem Know-how deutlich geringer geworden ist. Als Full-Service-Provider für IT-Dienstleistungen kann sich das Amt für Informationsverarbeitung als Auftraggeber mittlerweile in allen Kernkompetenzfeldern der kommunalen Informationsverarbeitung auf eigene Spezialisten stützen.

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Bund, Länder und Kommunen werden nicht umhin kommen, für ihr IT-Personal in Zukunft mehr Geld in die Hand zu nehmen, damit die ambitionierten Modernisierungsvorhaben auch erfolgreich umgesetzt werden können. Ein Schlüssel zum Erfolg ist die Investition in eine theoretisch anspruchsvolle und dennoch praxisnahe Ausbildung. Dazu sind die vorhandenen Ausbildungsangebote noch stärker am Bedarf der Verwaltung auszurichten.

Dies bedeutet, in engerer Zusammenarbeit mit Hochschulen mehr berufsbegleitende Studiengänge zu entwickeln und zu fördern. Seitens der Hochschulen bedingt es neue Formen der Organisation der Lehre, auch unter Nutzung neuer Technologien und Lehrmethoden. Aber auch die Verwaltung selbst ist gefordert, die Laufbahnverordnungen und Eingruppierungsvorschriften im Tarifvertrag den modernen Qualifikationsprofilen für IT-Berufe anzupassen.

Handlungsbedarf besteht jetzt, damit öffentliche IT-Dienstleister auch zukünftig kompetente und leistungsfähige Partner im Modernisierungsprozess der Verwaltung bleiben. Die Erfahrungen der Stadt Köln bestätigen den Erfolg.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Dezember 2009 im „eGovernment Kompendium 2010“. Der „Call for Papers“ für das „eGovernment Kompendium 2011“ startet am 21. Juni 2010.

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