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Archivierung Werden wir zur erinnerungslosen Gesellschaft?

| Autor / Redakteur: Malte Rademacher / Gerald Viola

Schon die alten Ägypter haben wichtige Informationen für die Ewigkeit archiviert. In Stein gemeißelte Gesetzestexte und Inschriften auf öffentlichen Gebäuden sind noch zwei Jahrtausende später zu lesen. Heute, in Zeiten zunehmender Digitalisierung, laufen wir Gefahr, gespeicherte Daten schon nach wenigen Jahren nicht mehr lesen, geschweige denn nutzen zu können.

Das Scannen alter Bücher ist ein aufwendiger Prozess, der viel Präzision erfordert. Jede Seite muss einzeln abfotografiert und dann in einem Dokumentenmanagementsystem erfasst werden (Quelle: EMC)
Das Scannen alter Bücher ist ein aufwendiger Prozess, der viel Präzision erfordert. Jede Seite muss einzeln abfotografiert und dann in einem Dokumentenmanagementsystem erfasst werden (Quelle: EMC)
( Archiv: Vogel Business Media )

Zu Recht wird in Diskussionen aufgeschreckt gefragt, was für Zeugnisse unserer Zeit wir der Nachwelt hinterlassen werden. Viele digitale Inhalte sind mittlerweile unwiederbringlich verloren oder zumindest bedroht. Digitale Urlaubsfotos und Videofilme werden von Privatpersonen auf dem heimischen PC gespeichert – ohne sie durch Sicherheitskopien auf externen Speichermedien zu schützen. Im Internet erscheinen und verschwinden Webseiten im Sekundentakt, ohne dass ihre Inhalte irgendwo archiviert würden. Unternehmen und Behörden speichern immer mehr digitale Inhalte und müssen diese Datenflut irgendwie verwalten. Wenn wir nicht zur erinnerungslosen Gesellschaft werden wollen, ist eine langfristige Archivierungsstrategie, in die Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik eingebunden sind, unausweichlich.

Dichter und Denker digital

Schließlich muss sichergestellt sein, dass alle relevanten Unterlagen auch in 10, 20 oder 50 Jahren noch verfügbar und lesbar sind – und, wenn es um die Archivierung von Kulturgut in Museen und Bibliotheken geht, ist der postulierte Planungshorizont schlichtweg die Ewigkeit.

Bibliotheken sind aus verschiedenen Gründen mit dem Aufbau digitaler Archive konfrontiert. Sie sind durch ihren Sammlungsauftrag verpflichtet, Inhalte unabhängig davon aufzubewahren und zugänglich zu machen, ob sie gedruckt oder in digitaler Form vorliegen. So enthalten beispielsweise Nachlässe von Schriftstellern mittlerweile neben Briefen, Büchern und Artikeln auch eMails, Webseiten und elektronische Präsentationen. Der gesetzliche Sammlungsauftrag für die Deutsche Nationalbibliothek wurde erst kürzlich auf die Archivierung relevanter elektronischer Publikationen im Internet erweitert. Bibliotheken mit kostbarem historischen Bestand sind wiederum darauf bedacht, ihre wertvollen Schätze vor Abnutzung durch Gebrauch zu schützen und ihn gleichzeitig einem größeren Publikum zur Verfügung zu stellen. Die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek (HAAB) löst diese Aufgabe beispielsweise dadurch, dass sie ihre Kulturschätze einscannt und in verschiedenen Qualitätsstufen für interessierte Laien, Forschungszwecke und als Druckvorlage für Nachdrucke vorhält. Ziel des Projektes ist, die wichtigsten Werke im Internet verfügbar zu machen und gleichzeitig die kostbaren Originale vor übermäßiger Benutzung zu schützen.

Das digitale Dilemma

Die dauerhafte Archivierung von digitalen Inhalten bringt jedoch erhebliche Herausforderungen mit sich. Elektronisch gespeicherte Informationen können ohne ein geeignetes Lesegerät nicht dargestellt werden. Im Gegensatz zu gedrucktem Material, das lediglich dem zeitlich bedingten Materialverfall unterliegt, muss bei digitalen Inhalten somit auch der technologische Fortschritt berücksichtigt werden. Neue Anwendungen oder auch nur Software-Versionen sowie Innovationen bei Speichermedien erfordern die kontinuierliche Aufmerksamkeit der Archivare. „Die Fragestellung lautet dabei: Wie archiviert man dauerhaft so, dass die Inhalte künftig noch verwendet werden können? Digitale Daten lassen sich leider nicht in Stein meißeln. Man braucht eine Strategie zur Migration oder Emulation sowie offene Formate“, fasst Tobias Steinke von der Abteilung Informationstechnik der Deutschen Nationalbibliothek die Herausforderungen zusammen, mit denen sich Bibliotheken heute konfrontiert sehen. Hier sind die Hersteller von Anwendungen und Speicherinfrastrukturen aufgefordert, an der Entwicklung von einheitlichen technischen Mitteln, Schnittstellen, Lieferverfahren und Methoden mitzuarbeiten, die den Bedürfnissen der langfristigen Archivierung von digitalen Inhalten gerecht werden.

Fehlende Standards

Gerade die Hardware stellt Bibliotheken vor besondere Herausforderungen. Die begrenzte Haltbarkeit heute gängiger Medien zwingt die Verantwortlichen zu teils umständlichen Verfahren, deren Ergebnis sie selbst mit Skepsis betrachten. So beschreibt Dr. Michael Knoche, Direktor der HAAB, als Beispiel ein Verfahren, das in seiner Einrichtung zum Einsatz kommt: „Wir belichten die Digitalisate inklusive Metadaten auf dauerhaftem Mikrofilm aus, sodass in Zukunft unabhängig von der heutigen Hardware diese Daten wieder ausgelesen und nachgebaut werden können.“ Diese Mikrofilme werden im Rahmen des Zivilschutzgesetzes im zentralen Bergungsort der Bundesrepublik im Schwarzwald archiviert. Ein solches Verfahren funktioniert jedoch nur bei statischen Dokumenten wie Büchern. Bei interaktiven Anwendungen wie Webseiten mit angeschlossenen Datenbanken stößt es an seine Grenzen. Die Hersteller sind daher gefordert, Speicherplattformen zu entwickeln, die einerseits die Konsistenz der Daten dauerhaft sichern, gleichzeitig jedoch auch einen einfachen Migrationsprozess auf neue Speichertechnologien erlauben. Hier hat sich das Archivsystem EMC Centera bewährt, das ebenfalls von der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek eingesetzt wird.

Ebenso gravierend ist die Frage des Datenformats, in dem digitale Inhalte archiviert werden sollen. Hier ist Herstellerunabhängigkeit entscheidend. Nur so lässt sich vermeiden, dass Dokumente irgendwann nicht mehr gelesen werden können, weil der Hersteller die Unterstützung für ein Format aufgekündigt hat. Ein solches Format ist der ISO-zertifizierte Standard PDF / A, der aus dem weithin bekannten PDF-Format von Adobe hervorgegangen ist. Ein unabhängiges Gremium hat die Spezifikationen festgelegt und damit einen juristischen Rahmen geschaffen, mit dem die Existenz des Formats sichergestellt ist, unabhängig von den Entwicklungen des Unternehmens. Mittlerweile ist sogar schon eine aktualisierte Version dieses Archivierungsstandards in der Diskussion, da die Anwender zusätzliche Funktionen integrieren wollen. Entscheidend ist jedoch bei allen Fortentwicklungen, dass die Migrationsfähigkeit auf zukünftige Versionen eines solchen Standards gewährleistet ist.

(ID:2007094)