Lizenzierung in der Öffentlichen Verwaltung Wenn der Admin nur noch „Bahnhof“ versteht ...

Redakteur: Gerald Viola

Stellen Sie sich einmal vor, der Staat erhebt eine Steuer auf Stühle und schreibt in den Gesetzestext hinein: „Ein Stuhl ist per Definition eine Sitzgelegenheit mit vier Standbeinen.“ Kurz darauf erscheint der Stuhlsteuerprüfer und verlangt Geld für Ihre dreibeinigen Barhocker. Was würden Sie tun? Und was hat das mit IT zu tun?

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Wenn der Admin nicht mehr weiter weiß ...
Wenn der Admin nicht mehr weiter weiß ...
(© Orlando Florin Rosu - Fotolia.com)

Es ist eine eigene Sprache, stellt der Administrator einer deutschen kommunalen Verwaltung fest, der seine Erlebnisse mit der Lizenzierung wie folgt schildert:

Wer sich noch nie damit beschäftigen musste, versteht nur Bahnhof: NUP, SE1, Soft-/Hardpartitioning, kauft man für Sockel oder Kerne ein und was zur Hölle ist eigentlich eine Benutzerzählung am Multiplexing Frontend? Das Lizenzrecht von Oracl­e glänzt nicht gerade mit verständlichen Begriffen.

Lizenzabteilung vs. schriftlicher Lizenzvertrag

Nun dürften Unklarheiten im Lizenzvertrag häufiger vorkommen. Bei Oracle scheinen diese jedoch mindestens teilweise zum System zu gehören, um Lizenzen über die vertraglichen Bestimmungen hinaus verkaufen zu können. Dieser Vorwurf bezieht sich auf die Prozessor-Lizenzierung in virtuellen Clustern und begründet sich wie folgt:

Es begab sich im Juni 2012, als ich ein Angebot unseres Softwarepartners für eine Spartensoftware erhielt. Ein Posten darauf stellte eine Oracle-Lizenz dar (der kleinen Standard-Edition-Variante), die das datenbanktechnische Fundament bereitstellen sollte. Als ich anfing, mich mit den Lizenzbestimmungen auseinanderzusetzen, ahnte ich noch nicht, was da auf mich zukommen sollte.

Zur Einleitung sollten zwei Begriffe klar sein. Oracle Lizenzen kann man grundsätzlich nach zwei Lizenzmetriken beziehen

  • Named User Plus, sprich nach Benutzern, auch automatische Geräte zählen hier;
  • Prozessor, eigentlich wie der Name schon sagt und doch mit einer Besonderheit: Geht es um die kleinen Datenbank-Versionen Standard Edition (SE – bis maximal vier CPUs) und Standard Edition One (SE1 – bis maximal zwei CPUs), so sind die Prozessorsockel relevant, geht es hingegen um die Enterprise Edition (EE), so muss man die nötigen Lizenzen aus einem Faktor Prozessorkerne x CPU Core Factor (definiert in einer separaten Tabelle) errechnen.

Im Fokus: Lizenzierung in virtualisierten Clustern

Seit dem letzten Jahr betreiben wir in unserer Umgebung (Anmerkung: folgende Zahlen aus Datenschutzgründen nicht akkurat) vier VMware ESX Hosts mit je zwei (bestückten) CPU-Sockeln im Cluster. Nach einiger Recherche war ich bereits an mehreren Stellen auf die Aussage gestoßen, man müsste bei Prozessorlizenzierung in so einem Fall den kompletten Cluster lizenzieren.

Obwohl also nur irgendwo in der dunklen Ecke unseres VMware Clusters eine kleine Oracle Maschine läuft, die eventuell nur eine virtuelle CPU zugewiesen bekommen hat, soll man Lizenzen für alle acht im Cluster vorhandenen Prozessoren kaufen? Ganz schön teuer!

Auf schriftliche Nachfrage bei der Oracle-Lizenzabteilung wird dies auch tatsächlich bestätigt. Unter welchen Bedingungen Lizenzen vom Kunden zu kaufen sind, ist aber letztlich allein Sache des Anbieters und so war ich kurz davor, die Kröte zu schlucken. Jedoch stoße ich fast zeitgleich auf ein offizielles VMware White Paper, das sich unter anderem mit Support und Lizenzierung von Oracle-Produkten beschäftigt.

Wenn man das Dokument durchliest, stößt man direkt auf zwei Merkwürdigkeiten:

Erstens macht es eine völlig gegensätzliche Aussage, nämlich dass es durchaus möglich ist, auch nur einen einzelnen Server/ESX Host innerhalb eines VMware Clusters für Oracle-Produkte zu lizenzieren (sog. Sub-Cluster Licensing).

Zweitens: Das Papier kommt von VMware. Wie oft macht ein großes Unternehmen Aussagen darüber, wie man die Produkte eines anderen großen Unternehmens zu lizenzieren hat? Eigentlich, so sollte man meinen, setzt sich VMware hier rechtlich mächtig in die Nesseln. Dieses Detail hat mich stutzig gemacht und so ging ich der Sache weiter nach.

Unter dem Strich

  • Liest man nur das verbindliche Oracle-Vertragswerk plus Zusätze (OLSA, Software Investment Guide, sonstige zugehörige Dokumente), kommt man von selbst nicht auf die Idee, seinen ganzen V­Mware Cluster zu lizenzieren.
  • Die Oracle-Lizenzabteilung (auch Oracle LMS genannt – License Management Services) wird auf Nachfrage mitteilen, dass der ganze Cluster zu lizenzieren sei, da es sich hierbei um einen Fall von „Soft-Partitioning“ handele.
  • VMware ist sich seiner Sache deswegen so sicher, da der Oracle-Lizenzvertrag, also das, was der Kunde tatsächlich in bindender Schriftform vorliegen hat, keine Aussagen macht, die die Position der Lizenzabteilung untermauern.
  • Zwischen den grundverschiedenen Aussagen dieser beiden Giganten sitzt der Kunde, der für die korrekte Lizenzierung verantwortlich ist – Glückwunsch!

Pro …

Das gewichtigste Argument, den Cluster komplett zu lizenzieren, ist natürlich, dass dies eine Aussage des Herstellers ist. Lizenzberater geben das dementsprechend in dieser Form weiter. Auch die DOAG (Deutsche Oracle-Anwender-Gruppe) schreibt auf ihren Frage-und-Antwort-Seiten zum Thema:

„Das gesamte Cluster muss lizenziert werden. Dies ist eine grundsätzliche Regel bei Softpartitionierung, der VMWare und HyperV zugerechnet werden.“

Über solcherlei Multiplikatoren landen entsprechende Aussagen letztlich in Blogs oder in Fachzeitschriften.

... und Contra

Zunächst einmal sollte man einen Blick darauf werfen, WER die C­ontra-Seite repräsentiert. Da wäre natürlich VMware, das der oben genannten Aussage mit einem eigenen Whitepaper widerspricht. Richtig bizarr wird es beispielsweise im Falle des gar nicht so kleinen amerikanischen Systemhauses „House Of Brick“, dessen CEO Nathan Biggs auf deren Homepage in seinem Blog wörtlich schreibt: „Oracle will say you have to license a full cluster, even if there is no chance of a workload hitting certain nodes. You don’t!“

Die Pointe: House Of Brick ist zertifizierter Oracle Partner.

Das Hauptargument ist hier: Oracle LMS stellt Forderungen, die nicht vom Lizenzvertrag gedeckt sind. Eine sehr ausführliche und logisch konsistente Argumentation liefert David Welch, ebenfalls bei House Of Brick tätig, in einer Diskussion im EMC-Forum. Neben vielen anderen Punkten wird auch hier auf die Bindekraft des schriftlichen Lizenzwerks verwiesen mit der Folgerung: „What Oracle verbally represents on this or any other contractual topic for that matter is of absolutely no relevance whatsoever.“

Was denn nun?

Was ist hier los? Wem soll man glauben? Dazu betrachtet man am besten die offizielle Oracle-Begründung. Dieser Satz wurde mir von Oracle LMS schriftlich mitgeteilt:

„In Ihrer vorherigen eMail haben Sie beschrieben, dass Sie über DRS Host Affinity eine Begrenzung einer Oracle-Installation auf einem VMware Host erreichen wollen, doch auch dies betrachten wir als Soft Partitioning.“

Das ist übrigens der zentrale Punkt, um den sich die ganze Verwirrung dreht und der in vielen Varianten vorkommt, aber immer mit dem einen Kern: „VMware ist Soft-Partitioning und deshalb ist der ganze Cluster zu lizenzieren.“

Den Begriff „DRS Host Affinity“ liest man am besten im besagten VMware White Paper nach. Hingegen ist viel wichtiger: „Soft-Partitioning“ in Bezug auf Oracle-Lizenzen ist ein Begriff, der in freier Wildbahn nicht existiert.

Die Bedeutung hat Oracle selbst in einem eigenen Dokument verfasst. Die Kurzfassung, worum es geht, ergeben folgende Zitate daraus:

  • „In this document we discuss the attributes of server partitioning…“
  • „‘Partitioning‘ occurs when the CPUs (a.k.a. processors) on a server are separated into individual sections…“
  • „Soft partitioning is not permitted as a means to determine or limit the number of software licenses required for any given server.“

In einem Satz: Es wird beschrieben, welche Möglichkeiten bestehen (oder welche nicht), einen einzelnen physikalischen Server zu unterteilen und welche Auswirkungen dies auf Oracle-Lizenzen hat.

Und Du bist doch ein Stuhl

An dieser Stelle entsteht ein ziemlich ähnliches Szenario wie das aus der Einleitung. Entgegen der eigenen Sprachlogik wird nun der Barhocker zu einem Stuhl gemacht.

Oracle LMS abstrahiert den Begriff „Soft-Partitioning“ nämlich soweit, dass er zusätzlich auf VMware Cluster und ähnliche Konstellationen angewandt wird. Es ist nicht mehr nur eine Aufteilung eines Servers, sondern plötzlich auch die Einteilung eines ganzen Clusters. VMware & Co. sagen nicht zu Unrecht: Das steht aber gar nicht im Lizenzvertrag! Und Oracle LMS kann nicht willkürlich und nachträglich neue Bestimmungen für eine sogenannte „Restricted License“ erfinden – schließlich werden mit Abschluss des schriftlichen Lizenzvertrages alle anderweitigen Absprachen nichtig.

In der Folge kaufen Kunden Lizenzen für ihren VMware Cluster schon aus Gründen der Sicherheit. Man will nicht nachträglich mit hohen Beträgen belastet werden, weil Oracle eine Nachlizenzierung verlangt. Und wer legt sich schon gerne mit einem Milliardenkonzern an?

Nun ist es außerdem so, dass die ganze Verwirrung um dieses Thema nicht ganz neu ist. Das VMware-Papier kam bereits Ende 2011 heraus. Nichts wäre leichter, als die Lizenzbestimmungen so zu fassen, dass bestehende Ungereimtheiten beseitigt werden – eine vermeidliche Selbstverständlichkeit gegenüber den eigenen Kunden. Finanziell wäre das aber aufgrund o.g. Konstellation sogar eher von Nachteil für Oracle, da „Angstkäufe“ nicht mehr in dem bestehenden Umfang getätigt würden.

Im Raum steht natürlich auch die Frage, inwieweit eine Lizenzabteilung die Kompetenzen hat, bestehendes Vertragswerk nicht nur auszulegen, sondern auch teilweise darüber hinaus eigene Bestimmungen zu platzieren, ohne dies schriftlich irgendwo festzuhalten. Nicht zuletzt tun sich bei der Thematik auch riesige Kostenunterschiede auf, da eine Oracle-Lizenz nicht billig ist und man gleich über fünf- bis sechsstellige Beträge debattiert.

Beispiele für die Konfusion

... in einem Bereich, in dem es fast soviele Aussagen wie Personen gibt:

  • DOAG-Vorstandsmitglied: „Oracle erkennt bei der Nutzung von anderen Virtualisierungslösungen als Oracle VM diese nur als Softwarepartitioning an. Also müssen alle physikalischen Prozessoren des Servers bzw. des Serververbundes lizenziert werden.“
  • Aus einem Post meiner (recht erfolglosen) Xing-Diskussion zum Thema: „Laut Oracle LMS werden VMware DRS Host Affinity Rules nicht als Abgrenzung von Clusterressourcen anerkannt, welches im Klartext bedeutet, alle ESX-Cluster Knoten sind vollumfänglich zu lizenzieren. Es greifen hier weder die Partitioning Rule, wie bereits diskutiert, noch die Failover-Regelung, in der unter bestimmten Bedingungen ein Clusterknoten nicht zu lizenzieren ist.“
  • Aus einer englischen Diskussion: „Vsphere with a single server of no more than two sockets, you can license SE One. VSphere with a cluster with no more than 4 total sockets, Standard. Any other VShpere configuration, EE on all cores in the cluster. This was confirmed by the Oracle License Management folks in the Demoground at Openworld.“

Jeder ist herzlich eingeladen, die Aussagen von Oracle diesbezüglich zu überprüfen. Fragen Sie einfach einen Oracle Mitarbeiter Ihrer Wahl dieses: „Wo steht im für mich bindenden Vertragswerk, dass ich meinen ganzen Cluster lizenzieren soll?“ – Ein Garant für argumentative Hilflosigkeit.

Auf der VMworld 2012 wurde Richard Garsthagen, früher ironischerweise bei VMware, jetzt Director of Cloud Business Development EMEA bei Oracle, zu genau diesem Thema interviewt und gibt trotz Unternehmenswechsel dieselbe Position wie VMware wieder.

Kein Kommentar

Soweit die Schilderung des Administrators. eGovernment Computing hat Oracle, VMware und die Deutsche Oracle-Anwender-Gruppe (DOAG) um ein Statement gebeten. VMware schwieg bis Redaktionsschluss, Oracle antwortete: „Oracle wird das nicht kommentieren, wie Oracle generell Kundenbeziehungen nicht in den Medien diskutiert.“

Michael Paege, DOAG-Vorstand, verantwortlich für das Competence Center Lizenzfragen: „Nur der Hersteller kann Aussagen über die Lizenzierung seiner Software treffen. Aussagen anderer Hersteller sowie aus dem Internet ergooglete Aussagen müssen nicht der tatsächlichen Situation entsprechen oder korrekt sein. Auch die DOAG sieht die Regeln der Lizenzierung bei virtualisieren Server-Umgebungen – vor allem bei VMware – kritisch und ist darüber seit gut zwei Jahren mit Oracle in Diskussion, unter anderem auch mit Jeb Dasteel, Chief Customer Officer bei Oracle Corp. Leider hat dies jedoch noch nicht zu einer Änderung der Regeln seitens Oracle geführt. Die DOAG fordert schon lange ein Lizenzmodell, das Grid- und Cloud-Konzepte gut unterstützt.“ – „Die derzeitige Lizenzpolitik von Oracle geht in Teilen an den Interessen der Kunden vorbei“, so DOAG-Vorstandschef Dr. Dietmar Neugebauer. „Noch profitiert Oracle insbesondere im Bereich der Datenbank-Produkte von der über Jahrzehnte entstandenen Abhängigkeit der Kunden. Oracle wird aber auf seine Kunden zugehen müssen, wenn sie langfristig das Vertrauen erhalten möchten.“ vio

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