Hauptstadtkongress 2019

Warten ist keine Option mehr

| Autor: Susanne Ehneß

Politische Sicht

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn teilte auf dem Hauptstadtkongress die Sicht der Politik mit. Laut Spahn ist ein „massiver Vertrauensverlust in Politik und Institutionen“ entstanden, so dass man nun zügig zu Regelungen kommen müsse. „Wir gehen auch kontroverse Themen an – das ist mein Verständnis von Politik“, so Spahn.

Beim Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen habe man „15 Jahre aufzuholen“, deshalb wolle man nun „Tempo machen“. Dazu müssten aber alle Akteure mitziehen. Der Telematikinfrastruktur (TI) sollten sich demnach alle Ärzte anschließen, und die Patienten sollten einen Anspruch darauf haben.

Tempo machen will Spahn auch bei der Telemedizin, die weiter gefördert werden soll. Bezüglich digitaler Apps zeigte sich Spahn offen. Die Nutzung dieser Patientendaten werde erstattungsfähig. „Das kann in zwei oder drei Jahren angepasst werden, aber wir müssen nun endlich konkret werden“, betonte Spahn.

Auch bei der medizinischen Ausbildung sieht er Handlungsbedarf; die Berufsordnungen der Gesundheitsberufe sollen angepasst werden. „In der Ausbildung sollte man schon einmal was von Digitalisierung gehört haben“, mahnt Spahn.

Selbst vorantreiben

Hier ist man an der Uniklinik Essen schon viel weiter. „Wir können nicht warten. Wir werden neue Berufsbilder entwickeln und der Politik entsprechende Vorschläge machen“, erklärte Prof. Dr. Jochen Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen. Gerade in Unikliniken brauche man ein anderes Führungsverhalten. Verbesserungen im Krankenhaus seien zudem nicht nur eine Frage der Personalstärke. „Station für Station muss analysiert werden – und man muss Geld dafür in die Hand nehmen“, fordert Dr. Werner. (Ein ausführliches Interview mit Prof. Dr. Werner finden Sie HIER.)

Auch Andreas Schlüter, Hauptgeschäftsführer der Knappschaft Kliniken GmbH, wartet nicht mehr: „Wir haben 50 Millionen Euro in strategische IT investiert in den letzten Jahren.“ Vor fünf Jahren habe man die Akten digitalisiert, Kostenpunkt: eine Million Euro pro Klinik. Der Aufnahmeprozess wurde digitalisiert, die Ärzte in den Ambulanzen haben nun iPads. Aber: „Die Ärzte dürfen nicht unterschreiben, es fehlen Regularien für die digitale Signatur auf iPads“, so Schlüter. Dr. Gottfried Ludewig, Leiter der Abteilung Digitalisierung und Innovation im Bundesgesundheitsministerium, konnte Schlüter hier beruhigen: „Am Thema Signatur sind wir dran.“

Der auf dem Kongress vorgestellte „Krankenhaus-Report 2019“ schlägt genau in diese Kerbe. „Die Reformen der Vergangenheit waren rein symptomatisch und haben keine moderne und nachhaltige Krankenhausstruktur entstehen lassen“, erläuterte Dr. Sebastian Krolop, einer der Autoren des vom RWI herausgegeben Reports. Zwölf Prozent der Krankenhäuser befinden sich demnach in erhöhter Insolvenzgefahr.

Dr. Bernd Montag, Vorstandsvorsitzender der Siemens Healthineers AG, forderte dazu auf, nicht auf Gesetze und Regularien warten. „Facebook wurde nicht gegründet, weil es ein Social-Media-Gesetz gab“, führte Montag aus. Dennoch weiß auch er um die Besonderheit des Gesundheitswesens: „Die Digitalisierung der Medizin ist sowas wie der Heilige Gral.“ Diese Entwicklung könne man ohnehin nicht aufhalten. „Die Youtube-Generation ist momentan noch weder Arzt noch Patient, aber das wird kommen.“ Und damit auch die Veränderung.

Der nächste Hauptstadtkongress findet vom 17. bis 19. Juni 2020 statt.

Bilder zum Hauptstadtkongress 2019 gibt es hier:

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Man kann kein Leben retten, höchstens Lebenszeit, und auch diese nur begrenzt. Alles und jede/r...  lesen
posted am 09.06.2019 um 21:54 von Unregistriert


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