Pokémon Go und eGovernment Von Zeitreisen und anderen Realitäten

Autor / Redakteur: Jonas Wiggers & Franz-Reinhard Habbel / Susanne Ehneß

„Bald schon werden wir auf eine komplett neue Art und Weise mit unserer Umgebung interagieren“, meinen Jonas Wiggers & Franz-Reinhard Habbel und erklären, was „Pokémon Go“ und Smart Cities gemein haben.

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(Bild: Pixabay)

Pokémon Go ist der Hype der Stunde. Die App ist in Deutschland gerade erst in den App Stores verfügbar, und doch schickt sie sich schon an, eine der erfolgreichsten des Jahres zu werden. In einer Augmented Reality werden dem Spieler virtuelle Objekte in die reale Welt eingespielt. Man nimmt also sein Smartphone, schaltet die Kamera ein, sieht darüber seine Umgebung und wilde Pokémon, die man dann fangen kann.

In festgelegten Arenen in der Nähe kann man dann seine Pokémon gegen die der anderer Spieler antreten lassen. Hinzu kommen noch die PokéStops, in denen Gegenstände gefunden werden können. Diese befinden sich in der Regel an wichtigen kulturellen Denkmälern.

Startschuss

Das Spiel wird riesig. Es wird der Startschuss in das Zeitalter der Augmented Reality. Und es wird der Prototyp für die Apps der nächsten Generation. Pokémon zeigt, dass die Game-Industrie der nächste Treiber für technologische Neuerungen wird, und das wird auch für den Public Sector gelten.

Pokémon Go ist bei weitem nicht die erste App, die Augmented Reality (AR) nutzt. In Japan war schon vor Jahren eine App ungemein populär, mit der man mit seinem Smartphone in Getränkebehältern angeln konnte. Doch Pokémon Go ist deutlich mehr als nur eine App von vielen.

Wie der Medienexperte Tomi Ahonen schon 2012 voraussagte, wird Augmented Reality bis circa 2020 das nächste Massenmedium werden. Der Forscher lag jedoch falsch. Um von einem Massenmedium zu sprechen, bedarf es 1 Milliarde Nutzer. Durch Pokémon Go wird diese Marke voraussichtlich schon in diesem Jahr geknackt.

Die Anwendungsmöglichkeiten der AR gehen dabei weit über visuelle Einspielungen in die Realität hinaus. Der japanische Musiker Seedem veröffentlichte bereits ein Album, was nur aus Geospots bestand. Die Fans reisten zu diesen Punkten, an denen sie dann eine Geschichte aus dem Leben des Rappers hören konnten.

Augmented Reality kann sehr viel mehr als nur Bilder in Landschaften einbetten. Sie findet heute schon in sogenannten Superbüchern Anwendung. Vor allem in Kinderbüchern werden mobile Endgeräte mit den eigentlichen Büchern kombiniert. Damit springen die Figuren förmlich aus den Seiten. So werden Geschichten interaktiv aufbereitet. Durch die Technik sollen Geschichten zeitgemäß gestaltet werden.

Ob diese Entwicklung tatsächlich zu begrüßen ist, ist jedoch fraglich. Den Kindern wird möglicherweise so auch der Raum für Kreativität genommen. Die Vorstellungskraft wird ausgesetzt, und die Geschichten, die aus den Geschichten entstehen können, kommen nicht zur Entfaltung. Gerade in der frühen Kindheit lernen Kinder mit ihren Sinnen – Tasten, Schmecken, Riechen, Hören, Sehen – umzugehen und ihre Umgebung wahrzunehmen.

Bildung & Forschung

In Bildung und Forschung hingegen können die Möglichkeiten, die AR eröffnet, zu großen Innovationen genutzt werden. Gerade wenn es darum geht, dreidimensional zu lernen, zum Beispiel im Matheunterricht, können Projektionen in die Realität von großem Nutzen sein. Aber auch im künstlerischen Bereich kann der Einsatz von AR neue Wege aufzeigen.

Im Arbeitsleben kann AR zu erheblichen Erleichterungen führen. Architekten könnten mit AR Gebäude direkt in 3D designen und einen völlig neuen Blick auf ihre Kreationen bekommen.

Im medizinischen Bereich könnten Analysen und Befunde virtuell aufbereitet werden. Bei CRTs werden größtenteils noch die guten alten Bilderfolgen genutzt. Eine visuelle Aufbereitung durch AR würde den Scan in 3D in den Raum projizieren und einen Blick auf den Körper ermöglichen, der sonst nur durch einen operativen Eingriff möglich wäre.

Waren Sie dabei, als die Mauer gebaut wurde? Vielleicht nicht. Aber was, wenn Sie dabei sein könnten? Mit der Augmented Reality ist es vorstellbar, historische Ereignisse so in die Realität einzublenden, dass man sie vor Ort erleben kann.

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Interessant für Städte

Darüber hinaus ist es auch vorstellbar, dass Bilder von historischen Stadtkernen so geschickt in die Realität eingebettet werden, dass historische Stadtführungen eine sehr viel weitere Bedeutung bekommen. Wie so etwas aussieht, kann man in Berlin erkunden. Mit der App Time Traveler ist es möglich, sich an Abschnitten der Berliner Mauer historische Ereignisse in das heutige Berlin einblenden zu lassen. So sieht man zum Beispiel wie die letzten Fenster an der Grenze zugemauert wurden oder wird „Zeuge“ von Fluchtversuchen aus dem Osten.

Ähnliches kann man auch in Gettysburg bewundern. Wo vor 153 Jahren die bekannteste Schlacht des Amerikanischen Bürgerkriegs stattfand, kann man heute das Toben wieder erleben.

Die Welt könnte vierdimensional werden, mit der Dimension der Zeit so verfügbar und dehnbar wie sonst nur bei Dr. Who. Wer hätte gedacht, dass Zeitreisen schon im Jahre 2016 möglich werden?

Höchst interessant für Städte sind neben der Möglichkeit der „Zeitreise“ auch die sogenannten Articulated Naturality Webs. Diese Erweiterung spielt mit den Fähigkeiten Supermans. Es fängt damit an, dass dem Nutzer Informationen zu seiner Umgebung zur Verfügung gestellt werden. Anders als bei AR, wo quasi nur eine Überblendung der Realität stattfindet, ermöglichen Articulated Naturality Webs es, durch Wände und in Gebäude hinein zu sehen.

So wird es einem Touristen zum Beispiel ermöglicht, ein Hotelgebäude durch eine App anzusehen und dabei freie Zimmer direkt von außen zu sehen. Darüber hinaus erlaubt es diese Art von Netzwerk, in die Hotelzimmer reinzusehen, bevor man überhaupt einen Fuß in das Gebäude gesetzt hat. Der Blick des Nutzers wird somit erheblich erweitert.

Ähnlich wie Superman kann man Dinge sehen, die dem bloßen Auge verwehrt bleiben. Darüber hinaus werden immer mehr Informationen zu der jeweiligen Umgebung zur Verfügung stehen. Wenn diese Netzwerke Realität werden, bewegt sich der Mensch plötzlich physisch durch eine virtuelle Welt der Informationen.

Computer der Zukunft

Anfang des Jahres stellte Meron Gribetz bei TedTalks seine Vision von den Computern der Zukunft vor. Diese werden in ihrer Organisation und Usability nicht mehr viel mit den Desktops von heute zu tun haben. Während wir heute an Computern und ihren komplexen und hochkomplizierten Verfahren verzweifeln (Wo ist was gespeichert?), ist AR sehr viel intuitiver.

Mit seiner Brille organisiert Gribetz Dateien und Objekte nicht mehr im altbekannten System, wo Speicherorte mit „C:\Users\Benutzer….“ bezeichnet werden. Stattdessen werden die benutzten Objekte einfach im Raum abgelegt. Durch das menschliche räumliche Gedächtnis weiß der Nutzer dann intuitiv, wo das Objekt liegt – schräg rechts hinter ihm, direkt vor ihm, im Schrank. So werden Computer sehr viel benutzerfreundlicher. Der Mensch passt sich nicht mehr der Maschine an, die Maschine passt sich dem Menschen an.

Natürlich sollte man die erweiterte Realität nicht blindlinks hinnehmen. Schon jetzt werden wieder Stimmen laut, die die Genesis der Matrix ausrufen. Auch wenn das sicherlich ein Schnellschuss ist, sollten wir uns dieser Kritik nicht verwehren. Mit dem Schritt in die Virtualität sollte auch eine Debatte um den sozialen Nutzen und die Gefahren einhergehen. Schließlich ist Pokémon Go nicht nur ein bahnbrechendes Spiel, sondern auch eine einzigartige Möglichkeit, die Bewegungen und das Verhalten der Spieler zu kontrollieren.

Datenschutz

Vor drei Monaten beschloss die EU eine neue Verordnung zum Datenschutz, die sich den speziellen Gegebenheiten des digitalen Zeitalters annimmt. Die Politik ist hier in der Pflicht, den Datenschutz ständig weiterzuentwicklen. Einen Stillstand gibt es hier nicht. Privacy by desgin ist ein deshalb ein richtiger Ansatz.

Augmented Reality gibt es nicht erst seit Pokémon Go. Dennoch ist das Spiel ein Game Changer. Erstmals wird ein signifikanter Teil der Nutzer mobiler Endgeräte mit Augmented Reality in Berührung kommen. Nicht nur wird dadurch enormes Kapital generiert, es wird vor allem Nachahmer geben.

Wir werden in naher Zukunft viele neue Apps sehen, die das Prinzip von Pokémon Go aufgreifen. Zudem kann man erwarten, dass mittelfristig die Entwicklung weitergeht, bis hin zu den Articulated Naturality Webs. Bald schon werden wir auf eine komplett neue Art und Weise mit unserer Umgebung interagieren. Mit Pokémon Go wurde lediglich der erste Schritt in eine neue Form der Realität gemacht, in der wir uns mit unseren Smartphones gleichzeitig durch zwei Welten bewegen, die reale und die virtuelle.

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