Wie aus Bürgerbeteiligung eine Bürgerselbstverwaltung wird

Autor / Redakteur: Franz-Reinhard Habbel / Manfred Klein

Noch reden alle über Bürgerbeteiligung, da macht schon der nächste Trend von sich reden: selber machen anstatt bloß mitzuwirken. Denn die Menschen wollen sich nicht auf zähe Planungsprozesse und mühselige Partizipationsverfahren einlassen. Sie suchen mittels Crowdfunding-Plattformen Mitstreiter für eigene urbane Projekte.

Firma zum Thema

Die Bürger wollen nicht mehr nur politischer Zaungast sein
Die Bürger wollen nicht mehr nur politischer Zaungast sein
(Foto: © eb-picture - Fotolia.com)

Dabei geht es um Finanzierungsprojekte und Ermöglichungs­räume, in denen Bürger und Experten kollaborativ zusammenarbeiten können. Das Prinzip: Initiatoren stellen sich und ihr Projekt auf einer Plattform vor. Sie geben an, wie viel Geld sie mindestens benötigen und welche Fähigkeiten oder Wissen notwendig sind, um das jeweilige Projekt zu realisieren.

Die Präsentation der Projekte ist teilweise sehr aufwendig gestaltet, um so viele Leute wie möglich für eine Finanzierung oder Spende zu gewinnen. Der Spender hat dann die Auswahl zwischen verschieden Beträgen. Jede Spende ist mit einer Gegenleistung – ideell oder materiell – verbunden. Es handelt sich also nicht um eine Spende im hergebrachten Sinne. Man kann interessante und Erfolg versprechende Ideen unterstützen und bekommt dafür, je nach Art des Projektes, eine kleine Gegenleistung, wie eine Danksagung, eine Nennung im Abspann, eine Einladung, ein T-Shirt, ein Exemplar des Ergebnisses (sei es ein Buch, ein Film oder ein Bild) oder andere Aufmerksamkeiten.

An Ideen mangelt es den Initiatoren von Crowfunding-Projekten offenbar nicht. Auf der britischen Plattform spacehive.com werden verschiedene Projekte gelistet. Auf dieser und anderen Plattformen kann jedermann Pionierprojekte vorschlagen, Mitstreiter gewinnen und Spenden sammeln.

Die Bandbreite der Projekte reicht von Nachbarschaftsgärten über Spielplätze bis zu Stadtbauernhöfe. In Rotterdam wurde sogar eine Fußgängerbrücke realisiert.

In Deutschland betreibt die Plattform betterplace.org, die für internationale und nationale Hilfsprojekte eingerichtet wurde, neuerdings eine Unterseite für die Stadt Berlin. Die in diesem Sommer freigeschaltete Seite macht es möglich, dass Bürger, aber auch Institutionen, Hilfsprojekte in Berlin initialisieren, Geld auftreiben und Zeit – in Form von freiwillig geleisteter Arbeit – spenden können.

Momentan laufen über betterplace.org fast 4.000 Projekte in 138 Ländern. Der Crowdfunding-Monitor des 1. Halbjahres 2012 des Entrepreneur-Portals „für-gründer.de“ kommt zu dem Ergebnis, dass allein in diesen sechs Monaten 640.000 Euro via Crowdfunding-Plattformen in Deutschland investiert wurden. Das sind jetzt schon 40 Prozent mehr als das komplette Jahresergebnis des Jahres 2011. Und der Trend zeigt weiter nach oben.

„Unser Dorf soll schöner werden“ – das war einmal

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis über die Hilfsprojekte hinaus auch andere Maßnahmen der Stadtentwicklung (etwa der Bau eines öffentlichen Parks oder die Renovierung einer Schule) auf einer solchen Plattform angegangen werden. Gerade vor dem Hintergrund der europäischen Währungskrise, die sich katastrophal auf die Lage der öffentlichen Haushalte auswirken könnte und damit Investitionen in die Infrastruktur noch weiter einschränken würde, ein hoffnungsvolles Zeichen.

Das Engagement der Bürger geht mit diesen neuen Möglichkeiten über frühere Wettbewerbe wie „Unser Dorf soll schöner werden“ weit hinaus. Gemeinsame Projekte der Bürger lassen Vertrauen entstehen und stärken die Gemeinschaft. Solche neuen Plattformen sind aber nicht auf die Bürger begrenzt. Auch Unternehmen werden sich beteiligen. Neben dem Bürger­engagement wird es künftig auch ein Unternehmensengagement geben. Für die Kommunalpolitik bedeutet dies ein riesiges Potenzial an „Fremd-Engagement“.

Hierdurch ergeben sich auch neue Chancen für Entrepreneure, die „Projektfirmen auf Zeit“ einrichten und führen könnten. Im Rahmen einer moderner Wirtschaftsförderung könnten Städte und Gemeinden gute Rahmenbedingungen für solches unternehmerisches Handeln schaffen, wie zum Beispiel Unterstützung von Communities oder die Bekanntmachung von Plattformen.

Parallel zu Crowdfunding gibt es seit einiger Zeit auch das Crowd­investing zur Finanzierung von Start-ups. Junge Unternehmen können so sich, ihre Vision, ihre Methoden, ihr Portfolio und ihre Strategie vorstellen. Kann der Entrepreneur überzeugen, so wird sein Start-up von verschiedenen Leuten unterstützt. Die Unterstützer erhalten je nach geleistetem Betrag eine Beteiligung am Unternehmen. Im Unterschied zum konventionellen Aktienhandel liegt das Augenmerk auf vielen kleinen Geldgebern – man spricht daher von einer Schwarmfinanzierung. Im Bereich Crowdinvesting rechnet der Crowdfunding-Monitor für das Jahr 2012 mit einem Investitionsvolumen von 4 bis 5 Millionen Euro.

Die Web-2.0-Technologien werden den Trend zum Selbermachen und der Akquise privater Unterstützer weiter vorantreiben. Ablesen lässt sich das auch an der wachsenden Bedeutung des Online-Fundraisings. Erhebungen in den USA belegen, dass jüngere Zielgruppen und Neuspender sich erfolgreicher via Internet ansprechen lassen.

Zudem nutzen solche Plattformen das Innovationspotenzial vieler Einzelner. Und auch das soziale Kapital der Gesellschaft oder einer Gemeinde wird dadurch aktiviert. Denn diese Fundraising-Plattformen sprechen ganz andere Zielgruppen an als die klassischen Spendenaktionen oder andere konventionelle Projekte, die auf die Realisierung verschiedener Vorhaben abzielen.

Heimatliebe im I­nternetzeitalter

Und Crowdfunding-Plattformen wie Startnext, Pling oder Seedmatch werden zusehends Bestandteil einer vernetzten Jugendkultur auf Facebook & Co. So wurde zum Beispiel ein Teil des Budgets des von Studenten der TU Ilmenau gedrehten Films „Die vierte Gewalt“ durch Crowdfunding auf Startnext-Plattform finanziert. Die Spender erhielten, je nach Höhe der Spende, entweder ein personalisiertes Dankeschön-Schreiben, einen kostenlosen Download des fertiggestellten Films, ein T-Shirt, eine DVD des Films oder eine Karte für die Premiere im Audimax der TU Ilmenau.

Städte und Gemeinden sollte sich dafür einsetzen, dass möglichst viele Freiräume durch Änderung gesetzlicher Rahmenbedingungen für derartige Aktivitäten geschaffen werden. Es müssten beispielsweise Barrieren abgebaut werden, wenn es darum geht, dass ein Initiator, der sein Kapital via Crowdfunding erhielt, Projekte wie den Bau einer öffentlichen Fußgängerbrücke, die Renovierung eines Denkmals oder andere gemeinnützigen Investitionen schnell und unbürokratisch umsetzen kann. Spinnt man den Faden weiter, so kann man die von den Bürgern geleistete Co-Produktion der Verwaltung auf eine ganz neue Ebene heben.

Sicher ist es erst einmal primär Aufgabe der Stadtverwaltung dafür zu sorgen, dass die Straßen keine Schlaglochpisten sind. Aber die Realität ist in vielen Städten und Gemeinden nun mal eine andere: Viele Kommunen sind überschuldet, Haushaltslöcher klaffen in den Büchern und die kommunale Selbstverwaltung steht auf der Kippe. Bürgerschaftliches Engagement, auch im Investitionsbereich, spielt eine immer wichtigere Rolle. Viele wollen nicht mehr einfach auf den Staat warten, wenn etwas im Argen liegt. Und die Verwaltung hat schon genug Probleme und finanzielle Belastungen. Immer mehr Bürger übernehmen selbst die Verantwortung und versuchen, Missstände in ihrem Einflussgebiet zu beseitigen.

Crowdfunding kann innerhalb dieses Trends in doppelter Hinsicht eine Art Katalysator sein: Einerseits werden so die Summen aufgebracht, die ein einzelner engagierter Bürger zu tragen nicht in der Lage wäre. Größere, kostenintensive Projekte können so in der Gemeinde und der Stadt verwirklicht werden.

Andererseits entsteht dadurch, dass sich mehr Menschen an einem Projekt beteiligen – sich deshalb auch mehr für dieses Projekt interessieren – eine viel höhere Sensibilität für die Missstände in der eigenen Kommune. Die beteiligten Unterstützer bekommen das Gefühl, etwas für das friedliche Zusammenleben in ihrer Gemeinschaft getan zu haben. Dieses Gefühl erzeugt Stolz und eine tiefere Verbindung der Menschen zu ihrer Heimat.

Kennedy sagte in seiner Amts­antrittsrede 1961 den berühmten Satz „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“

Das Web 2.0 wird dieser alten Forderung neuen Schwung verleihen. Der neue Trend des machenden, anstatt bloß mitwirkenden Bürgers wird also durch das Web 2.0 noch verstärkt und in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts immer mehr an Bedeutung gewinnen.

(ID:35017730)