Chaos um Hochschulsoftware Studienplatzvergabe Vier Jahre & 15 Millionen: Pilotversuch mit 18 von über 400 Universitäten

Redakteur: Gerald Viola

Fast heimlich, still und leise ging einen Tag vor Himmelfahrt das bundesweite Einschreibeportal für zulassungsbeschränkte Studiengänge ans Netz. Der verschämte Start des „Dialog­orientierten Serviceverfahrens“ ist verständlich: 15 Millionen Euro hatte die Software-Entwicklung bereits 2011 verschlungen und mehrere Fehlstarts produziert.

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Hauptsitz der HIS Hochschul-Informations-System GmbH im Anzeigerhochhaus in Hannover
Hauptsitz der HIS Hochschul-Informations-System GmbH im Anzeigerhochhaus in Hannover
(Foto: HIS)

Entsprechend ätzend ist die Kritik der SPD an Bundesbildungsministerin Schavan: „Schmalkalden, Eberswalde und Nordhausen – wenigstens diese drei Fachhochschulen beteiligen sich an der elektronischen Hochschulzulassung. Insgesamt sind bislang lediglich 18 der über 400 Universitäten in Deutschland technisch in der Lage und bereit, beim Pilotbetrieb der vom Bund finanzierten Software mitzumachen.

Bei der Mittelfreigabe im Haushaltsausschuss hatte die Bundesbildungsministerin noch die Beteiligung von über 90 Prozent aller bundesdeutschen Hochschulen und das weltweit modernste Zulassungsverfahren angekündigt. Vier Jahre später zum Start des Pilotbetriebes im Miniaturformat folgt dagegen nun aus dem Bundesbildungsministerium nur beredtes Schweigen.“

Deshalb hatte Hochschulstart.de wohl auch nur von den „teilnehmenden Hochschulen“ gesprochen und weiter eingeschränkt: „Für viele Studiengänge erfolgt die Bewerbung, wie gewohnt, über die Hochschule.“

Und weiter: „Im Bewerbungsportal haben Bewerber die Möglichkeit, den Bearbeitungsstand ihrer Bewerbungen zu verfolgen und die Prioritäten ihrer Studienwünsche zu verändern. Wer ein Zulassungsangebot für einen gewünschten Studiengang erhalten hat, kann dieses frühzeitig annehmen und gibt Plätze für Mitbewerberinnen und -bewerber frei.

Durch das Dialogorientierte Serviceverfahren werden im Interesse der Hochschulen sowie der Bewerber Mehrfachzulassungen vermieden und die Transparenz im Zulassungsverfahren wird erhöht.“

Genau das war das erklärte Ziel für die Software-Entwicklung: Transparenz und die Vermeidung von Mehrfahrzulassungen.

Doch Fehlstarts ließen den Ruf nach Privatisierung laut werden und sollten eigentlich den Geschäftsführer den Kopf kosten.

HIS wehrte sich damals zwar so: „Mit HIS-Systemen ist eine komfortable Online-Bewerbung und Zulassung seit vielen Jahren möglich und an den Hochschulen Standard. Da bei der Konzeptionierung der zentralen Software hochschulstart.de dieser bestehenden Softwarelandschaft nicht zur Genüge Rechnung getragen wurde, besteht nun die Herausforderung darin, die neue zentrale Software an die über Jahre hinweg gewachsenen, individualisierten Systeme der Hochschulen anzubinden.“

Geschäftsführer Prof. Dr. Martin Leitner
Geschäftsführer Prof. Dr. Martin Leitner
(Foto: HIS)
Und weiter: „HIS war an der Erstellung des Lastenhefts nicht beteiligt, das für T-Systems die verbindliche Grundlage der Entwicklung war, die Erstellung des Lastenhefts für hochschulstart.de wurde dem Fraunhofer Institut FIRST übertragen.“

Doch das hinderte Länder und Bund nicht eine Unternehmensberatung einzuschalten und dem Geschäftsführer die „rote Karte“ zu zeigen:

„Die Gesellschafterversammlung der HIS GmbH hat den Aufsichtsrat beauftragt, einen Wechsel in der HIS-Geschäftsführung vorzubereiten. Es ist geplant, in einer außerordentlichen Sitzung der Gesellschafter im Februar einen Nachfolger des derzeitigen Geschäftsführers Prof. Dr. Martin Leitner zu bestellen.“

Knapp vier Monate später ist die Unternehmensberatung wohl noch an der Arbeit und der Geschäftsführer ist laut Web-Impressum noch immer Geschäftsführer.

Anfang des Jahres hatte die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Dr. Annette Schavan, erklärt: „Die Erfahrungen der vergangenen Monate werfen die Frage auf, welchen Wert die Arbeit der HIS eigentlich noch hat.“

HIS versprach damals: „In Sachen Dialogorientiertes Serviceverfahren wird die HIS GmbH ihren Beitrag dazu leisten, um die Teilnahme der Hochschulen am DoSV zu ermöglichen und – aufbauend auf dem Pilotbetrieb, der zum Wintersemester 2012/13 startet – mittelfristig zu einem flächendeckenden Erfolg zu führen.“

18 von über 400 Universitäten nehmen aktuell am Pilotprojekt teil – das ist ein weiter Weg zu flächendeckend ...

Die HIS Hochschul-Informations-System GmbH hat uns inzwischen per eMail drei Fragen beantwortet, die wir gestern Nachmittag gestellt hatten, „da der Artikel nicht ausreichend zwischen den beteiligten Akteuren differenziert.“

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„Das Dialogorientierte Serviceverfahren bezeichnet den Prozess, in den mehrere Akteure und Softwarelösungen eingebunden sind: Die Stiftung für Hochschulzulassung mit der zentralen Software der Plattform hochschulstart.de (diese wurde mit den angespr. 15 Mio Euro des Bundes finanziert), die Softwarelösungen an den Hochschulen (i.d.R. HIS-Software) sowie Software, die die Kommunikation dieser Systeme gewährleistet (HIS-Software oder alternativen privater Anbieter, das stand den Hochschulen frei.).

Ihre Frage: Die Gesellschafterversammlung wollte im Februar einen Nachfolger für Geschäftsführer Prof. Dr. Martin Leitner bestellen. Das ist offenbar nicht erfolgt? – Derzeit läuft das Verfahren zur Nachbesetzung Prof. Leitners.

Und: Sind die Privatisierungsideen vom Tisch? – Im Rahmen der gegenwärtigen Evaluierung werden bis Herbst Vorschläge für denkbare Geschäftsmodelle erstellt.“

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