Ein Plädoyer

Vernetzte Souveränität durch eine digitale Realpolitik

| Autor / Redakteur: Dr. Philipp Müller / Manfred Klein

Benthams Panoptikum als Sinnbild der digitalen Moderne
Benthams Panoptikum als Sinnbild der digitalen Moderne (Grafik: Wikipedia)

Was macht Datensicherheit aus? Die Wahl eines möglicherweise nationalen Providers? Die Schaffung abgeschotteter IT-Systeme? Oder brauchen wir nicht vielmehr eine neue Herangehensweise an die Thematik? Und wie könnte dieser neue Zugang aussehen? Garantiert er den Schutz von Persönlichkeitsrechten, verhindert er Industriespionage? Unser Autor meint ja.

Mit der NSA-Spähaffäre, die wir 2013 mit den Enthüllungen von Edward Snowden erlebt haben, hat sich der netzpolitische Diskurs massiv verändert. Digitale Sicherheitspolitik ist nun in aller Munde. Aber die Qualität der Diskussion ist noch nicht auf dem Niveau angekommen, auf dem sie sein müsste. Dieses Thema, das entscheidend für eine funktionierenden Netzwerkgesellschaft ist, wird gesamtgesellschaftlich noch nicht ausreichend verstanden. Das liegt daran, dass unser Verständnis von Sicherheit noch immer von Burgen, Burggräben, Einfallstoren, Belagerungen und Grenzstreitigkeiten in einer territorialen Welt geprägt ist.

Diese mittelalterliche Bilderwelt, übersetzt das Souveränitätsvokabular von Jean Bodin und seiner Nachfolger in die digitale Welt und führt dazu, dass wir Sicherheit in Maßnahmen suchen, in denen sie nicht zu finden ist. In der Manier des 18., 19. und 20. Jahrhunderts wird heute Sicherheit in einer digitalen Souveränität gesucht, die durch territoriales Denken geleitet wird.

Ein solches Denken kann jedoch leider unsere Sicherheit nicht garantieren, sondern gefährdet die Integrität unserer Netzwerkgesellschaft. Denn wer denkt, dass Sicherheit durch Burggräben und Mauern bereitgestellt werden kann, ist auf dem Holzweg. Sicherheit wird mit sauber durchgeführten Schutzbedarfsanalysen, gehärteten Prozess-Architekturen und exzellentem Prozess-Management, nicht durch die nationale Identität von Unternehmen gewährleistet.

Was wir brauchen, ist eine „digitale Realpolitik“, die den tatsächlichen und nicht den gefühlten Gefahren ins Auge sieht, damit es uns gelingt, unsere im Entstehen begriffene Netzwerkgesellschaft abzusichern und die Dinge, die uns wirklich wichtig sind, in diese neue Welt zu übersetzen.

Im Folgenden möchte ich, das Problem darlegen, für eine Verschiebung der „Bilderwelten“ plädieren und einige praktikable Lösungsvorschläge machen.

Das digitale Panoptikum

Die ursprüngliche Idee des Panoptikums war ein architektonischer Entwurf von Jeremy Bentham, der es erlaubt hätte, dass alle Fabrikarbeiter oder Gefängnisinsassen beaufsichtigt werden können, indem die Wärter, von einem zentralen Beobachtungsturm, die Zellen einsehen, ohne dass die Insassen wiederum die Wärter hätten sehen können. Dann, so argumentiert Bentham, ist es eben nicht notwendig, dass sie im Einzelfall überwacht werden, denn schon die Möglichkeit, dass sie überwacht werden, verändert das Verhalten der Beobachteten.

Das Panoptikum wurde dann von Foucault in „Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses“ (1975) als Ordnungsprinzip unserer westlich-liberalen Gesellschaften beschrieben.

Ergänzendes zum Thema
 
Philosophisches Glossar

Foucault argumentiert, dass allein das Bewusstsein, dass wir überwacht werden könnten, psychologisch zu vorauseilendem Gehorsam führt. Er hat damit die Debatten der letzten Jahre über Videokameras im öffentlichen Raum, die Vorratsdatenspeicherung, und die Diskussion um die NSA vorweggenommen.

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Wenn schon Realpolitik, dann würde ich lieber bei Kissinger als bei Machiavelli anknüpfen. Denn...  lesen
posted am 30.04.2014 um 16:36 von woksoll

Der technisch, organisatorische Aspekt hat schon seine wichtige Bedeutung, doch auch der...  lesen
posted am 30.04.2014 um 14:46 von Unregistriert


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