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Wettbewerb zwischen Microsoft und Google wird härter Verbrennt Google mit Chrome OS?

| Autor / Redakteur: Rüdiger Spies / Katrin Hofmann

Googles Ankündigung eines eigenen Betriebssystems für den Desktop intensiviert das wachsende Wettbewerbsverhältnis zwischen Microsoft und Google. Schon jetzt sehen beide Unternehmen sich gegenseitig als jeweils größte Bedrohung für ihre eigenen langfristigen Geschäftsstrategien. Google nimmt dabei ein weiteres strategisches Einkommensfeld von Microsoft ins Visier. Es gibt Stimmen, die behaupten, dass Google dabei verbrennen wird. Ich sehe das etwas differenzierter.

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Rüdiger Spies, Independent Vice President Enterprise Applications, IDC
Rüdiger Spies, Independent Vice President Enterprise Applications, IDC
( Archiv: Vogel Business Media )

Microsofts Betriebssystem hat 2008 mit 16 Mrd. USD wesentlich zum Geschäftsergebnis beigetragen. Zusammen mit dem Office-Umsatz machen die beiden Cash-Cows mit 29 Mrd. USD ca. 58 Prozent des Microsoft-Umsatzes aus. Microsoft würde fahrlässig handeln, wenn nicht jetzt alle Alarmglocken läuten und Gegenszenarien durchgespielt werden. Für Microsoft steht viel, sehr viel auf dem Spiel. Dabei gilt es eine Vielzahl von Parametern zu berücksichtigen.

Google nimmt zu Recht für sich in Anspruch, dass Chrome OS in ein Zeitalter des allgegenwärtigen Internets und für dieses entwickelt wird. Windows wurde dagegen zu einer Zeit und für eine Zeit entwickelt, in der es noch kein Internet gab. Andere Faktoren als die ständige Netzverbindung spielten eine entscheidende Rolle für den ursprünglichen Erfolg von Windows, der bis heute konserviert wurde.

Chrome OS will den Browser zur praktisch einzigen Bedienoberfläche machen. Der klassische Desktop würde damit entfallen. Das wäre allerdings nur ein Legacy-Anteil, den Google einsparen und so das ganze Betriebssystem wesentlich verschlanken könnte. Es könnten aber auch wesentliche Elemente herausfallen, die Windows heute attraktiv machen, wie zum Beispiel der gesamte integrierte Middleware-Stack. Allerdings würde Chrome OS diesen gar nicht benötigen. Denn die Aufgaben, die heute Client-seitig erledigt werden, kann Google ins Internet, sprich „The Cloud“, verlegen.

IDC geht davon aus, dass es zu einer weiteren Proliferation von Hardware-Devices kommen wird, die die Lücke zwischen einem mobilen Telefon und einem ausgewachsenen Notebook-Computer weiter schließen wird. Netbooks sind nur der Anfang. Die Nutzer dieser Devices, die durchaus Game-Controller, eBooks, erweiterte GPS-Systeme und andere dedizierte Geräte umfassen werden, und die als New-Age-Devices bezeichnet werden können, benötigen keinen aufwändigen Middleware-Stack. Die Benutzer dieser Devices werden daran gewohnt sein, ohnehin permanent online zu sein und die Daten weitgehend dem Netzwerk zu überlassen. Dieser Device-Bereich ist sehr kostensensibel. Ein Betriebssystem, das ohne Kosten zur Verfügung steht, wird die Hersteller dieser Devices und die Konsumer erfreuen. Die im Ausbau befindliche Glasfaser-Infrastruktur in den entwickelten Ländern und die weiter sinkenden Mobilkommunikationskosten tragen ihren Teil zum potenziellen Erfolgsszenario für Chrome OS bei.

Andererseits könnten auch die Netstations weiter Aufwind bekommen. Sie werden überwiegend im Single-Purpose-Bereich eingesetzt, also in Einsatzgebieten, in denen keine aufwändigen PCs erforderlich sind und in denen Anwender nur zwischen ein und drei Anwendungen benötigen, um ihre Aufgaben zu erledigen. Damit stehen sowohl im Konsumerbereich als auch im professionellen Umfeld millionenfache Absatzchancen bereit.

Jedoch wird sich so ein massiver Erfolg auch für Google nicht über Nacht und ohne massive Anstrengungen einstellen. Nachdem Microsoft durch OpenOffice im Desktop-Bereich und Linux im Server-Bereich unter Druck gerät, wäre ein Szenario denkbar, in dem die Macher bei Microsoft völlig überreagieren und sich mit aller Macht, Härte und Finanzmitteln zur Wehr setzen. Microsoft ist nicht waffen- und chancenlos. Die Suchmaschine Bing ist bisher ein erster kleiner Punktsieg für Microsoft. Das Unternehmen könnte sich auch durch kostenlose Windows 7 Lizenzen für Netbooks – zum Beispiel auf beschränkte Zeit – zur Wehr setzen.

Einen kleinen Vorgeschmack hat Microsoft auf der PartnerWorld in New Orleans gegeben, die vom 13. bis 16. Juli 2009 stattfand, wo angekündigt wurde, dass Office 2010 in der Online-Version für Privatnutzer kostenlos zu Verfügung stehen wird. Selbst die Kartellbehörden hätten wohl vorerst stumpfe Waffen, da Microsoft in seinem Kerngeschäft angegriffen wird und sich nur mit gleichen Mitteln zur Wehr setzen würde. Und einen Trumpf könnte Microsoft wahrscheinlich weiterhin erfolgreich ausspielen: Das vielfach exzellente Verhältnis zu den Hardware-Herstellern. Diese Position muss sich Google erst noch erarbeiten. Deshalb wird der eigentliche Krieg wohl größtenteils hinter den Kulissen ausgetragen. Die Frage lautet also: Mit was als Betriebssystem wird ein New-Age-Device ausgeliefert? Windows oder Chrome OS?

Für Google wird es bis zum Start von Chrome OS im zweiten Halbjahr 2010 ganz erheblich darauf ankommen, das positive Image, das es bisher noch hat, aufrecht zu erhalten. Bei kritischen Betrachtern verschafft sich langsam eine Gegenbewegung Raum, die Google als Datenkrake sieht, vor der nichts mehr geheim bleiben kann. Ein Verweis auf die Kamerafahrzeuge für Google StreetView sei hier nur am Rande und stellvertretend erwähnt. Ein Kippen der Stimmung würde das gesamte Kräfteverhältnis verschieben.

Es wird auch keine Betriebssystemrevolution werden, bei der innerhalb von Monaten Windows schlagartig Marktanteile verliert und Google diese gewinnt. Auch bei Android, dem Betriebssystem für Mobiltelefone, das Google zusammen mit Mobiltelefonanbietern entwickelt hat, hat es zu keinen extremen Einbrüchen für die bisher etablierten Anbieter geführt. Google geht seinen Weg behutsam, lernt, bindet die Community ein und setzt eher auf den langen Atem. Und genau hier liegt der eigentliche Sprengstoff. Google hat die Zeit und das Geld aus dem Anzeigengeschäft, und Microsoft wird im Kerngeschäft angegriffen und muss strategisch, aber auch gleichzeitig schnell und entschlossen handeln. Darin liegt die Brisanz dieses neuen spannenden Industrie-Duells. Google hat eine echte Chance, ein zweites Mal IT-Geschichte zu schreiben. Das zukünftige Gesicht der nächsten Generation von Devices hängt davon ab. Die Chancen, dass Google nicht an Chrome OS verbrennt, stehen gut.

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