Interview mit SAP-Public-Sector-Chef Guido Schlief Unzureichende IT-Unterstützung von Verwaltungsprozessen

Redakteur: Manfred Klein

SAP konnte in den vergangenen Monaten im Public Sector punkten. Das lag nicht nur an neuen Produkten, wie etwa HANA. Auch organisatorisch haben die Walldorfer aufgerüstet. Mit dem neuen Leiter des Geschäftsbereiches Public Services & Healthcare der SAP Deutschland AG und Mitglied der Geschäftsleitung, Guido Schlief, sprach eGovernment Computing.

Firmen zum Thema

Guido Schlief sieht die Gründe für das ungebrochene Wachstum von SAP im Public Sector vor allem im spezifischen Portfolio des Konzerns
Guido Schlief sieht die Gründe für das ungebrochene Wachstum von SAP im Public Sector vor allem im spezifischen Portfolio des Konzerns
(Foto: Ingo Cordes)

Im Mittelpunkt des Gespräches standen die organisatorische Neuausrichtung des Konzerns, seine aktuelle Produktpalette und Fragen der Verwaltungsmodernisierung.

Herr Schlief, Sie haben als Mitglied der Geschäftsleitung jetzt bei SAP den Sektor Public Services & Healthcare übernommen. Nun haben Sie ja schon mehrere Jahre den entsprechenden Bereich bei SAP Consulting geleitet. Was unterscheidet diese Tätigkeiten, und welche Vorteile bieten sich durch Ihre Erfahrungen für den Kunden?

Schlief: Meine jetzige Tätigkeit konzentriert sich darauf, unsere Softwarelösungen bei unseren Kunden zu platzieren sowie auf die Bereiche Business Development, Value Engineering, Marketing und die Steuerung des Channels und Original-Equipment-Manufacturer (OEM)-Geschäftes über unsere Partner.

Der Fokus meiner Tätigkeit im Geschäftsbereich Consulting lag dagegen auf der Akquise, Planung und Durchführung von SAP-Projekten gemeinsam mit Partnern entlang des Lebenszyklus von IT-Lösungen – von der Definition der IT-Strategie und der Roadmap über die Einführung bis hin zum Betrieb der IT-Lösungen.

Ein Vorteil ist sicherlich, dass ich während meiner 15-jährigen Tätigkeit bei SAP in diversen Branchen sowohl im Software- als auch im Consulting-Bereich global und regional gearbeitet habe. Somit kann ich die Bedeutung der ganzheitlichen Betrachtung als auch die kritischen Erfolgsfaktoren von IT-Vorhaben gut beurteilen.

Ich verstehe mich daher als ein kompetenter Gesprächspartner für unsere Kunden, um den höchstmöglichen Mehrwert ihrer IT-Investition in standardisierter Software, Entwicklungsplattformen und Datenbanken von SAP für deren Organisation sicherzustellen.

Die Kombination aus Wissen über die Leistungsfähigkeit von Software- und Technologieprodukten, die Anforderungen der Kunden und breiter Erfahrungen bei der Durchführung von IT-Projekten ist die Grundvoraussetzung dafür, dass eine Lösung entsteht, die den Anforderungen zur Prozessautomatisierung der öffentlichen Einrichtungen entspricht.

Der Public Sector ist inzwischen ja einer der wichtigsten Bereiche für SAP. Worin sehen Sie die Gründe für den Erfolg?

Schlief: Dies ist richtig. Der Public Sector ist eine strategische Indus­trie für SAP. Treiber für den Erfolg ist einerseits, dass unsere Kunden aufgrund von Kostensteigerungen für den Erhalt der Systeme und des demografischen Wandels zunehmend ihre individuellen, technologisch veralteten Lösungen durch standardisierte, innovative Lösungen ersetzen möchten.

Darüber hinaus bieten wir unseren Kunden seit Anfang des Jahres ein Public-Sector-spezifisches Portfolio aus Software, Technologie und Datenbank, das wie nie zuvor von Standardisierung, aber auch Flexibilität und Offenheit geprägt ist. Diese Wahlfreiheit macht uns einzigartig im Markt und wird von den Public-Sector-Kunden sehr geschätzt.

Detailgründe für unser Wachstum sind, dass wir erstens unseren Kunden eine umfassende Palette von ERP-Lösungen anbieten – sei es für das Finanzenwesen, sei es kameral oder doppisch, für Darlehens- und Vermögensmanagement, das Personalmanagement, die behördliche Abrechnung, den Einkauf, analytische Applikationen und vieles mehr. Wir beobachten, dass Kunden diese Landschaften verstärkt ausbauen.

Zweitens investieren wir seit einiger Zeit massiv in die Entwicklung von Lösungen für Kernverfahren des Public Sector.

So bieten wir unseren Kunden nun sogenannte Fachverfahrens­lösungen an, wie zum Beispiel Lösungen für das Fördermittel­management, die Beihilfe, Steuern und Gebühren, Betrugsfall­management, Vorgangs­bearbeitungssysteme, Shared Service Framework, eAkte, e- und mGovernment sowie Fachlösungen für Sozialversicherungen und Hochschulen. Dies betrifft den Kern der Einrichtungen.

Die Resonanz unserer Kunden zur Weiterentwicklung und Qualität unseres Portfolios ist sehr positiv.

Drittens haben unsere Kunden dank unserer Entwicklungsplattform und Echtzeitdatenbank SAP HANA die vollständige Flexibilität und Offenheit. Mit ihr können unsere Kunden zum einen strukturierte und unstrukturierte Massendaten schnell verarbeiten. Zum anderen können sie auf Basis von SAP HANA unabhängig von SAP ihre eigenen individualisierten Lösungen entwickeln und effizient betreiben.

Weil SAP ihr eigenes Portfolio auf SAP HANA entwickelt, wird auch die Technologie ständig weiterentwickelt. Kunden profitieren somit von erheblichen Kosteneinsparungen hinsichtlich Weiterentwicklung und Betrieb der eigenen Lösungen.

Auch bereits bestehende individuelle Lösungen lassen sich technologisch modernisieren. Ein weiterer Vorteil von SAP HANA ist, dass durch die Nutzung solcher innovativen Technologien die Attraktivität als Arbeitgeber im IT-Segment erheblich steigt, da die Generation Y mit den innovativsten Plattformen arbeiten möchte.

Wie wollen Sie auch zukünftig erfolgreich sein? Wo sehen Sie neue Trends und Entwicklungen, bei denen SAP die Öffentliche Verwaltung besonders gut unterstützen kann?

Schlief: Folgende Trends sehe ich: Erstens werden Fachprozesse in den Verwaltungen nach unserer Wahrnehmung nicht ausreichend oder mit veralteter IT unterstützt. Wirft man einen Blick auf die größeren Fachanwendungen, kann man Stand heute festhalten, dass die meisten davon auf veralteten Programmiersprachen basieren und viele der in den letzten Jahren durchgeführten Erneuerungen mehr in Richtung Facelift denn echtes Redesign gingen. SAP bietet eine ideale Entwicklungsplattform gerade für die COBOL-basierten Verfahren – einerseits durch die Nähe zu ABAP (Objekt-Orientierung), andererseits durch die Flexibilität über den parallelen JAVA-Entwicklungsstack.

Welche Hilfen bietet SAP darüber hinaus für Verwaltungen an ...

Schlief: Darüber hinaus bietet SAP für bestimmte Fachprozesse fertige Anwendungen: So haben wir beispielsweise eine Fachanwendung für die polizeiliche Vorgangsbearbeitung entwickelt. Über ein dynamisches Fallmanagement haben Polizei­einheiten damit die nötige Flexibilität, um integriert zu arbeiten. Damit kommen wir dem zunehmenden Ruf nach Vernetzung nach.

Zweitens werden Mobilität und Erreichbarkeit immer wichtiger. Arbeitsplätze werden künftig mobiler werden – so zum Beispiel in Bezug auf die Anforderungen von Führungskräften an mobile Dokumente, mobiles Reporting oder Ad-hoc-Analysen. Im Bereich Mobile Government arbeiten wir mit Kunden an einer personalisierbaren City App, die es Bürgern und Unternehmen erlaubt, personalisierte Informationen abzurufen und Prozesse mit der Behörde durchzuführen.

Dies könnte auch als Treiber für die Etablierung des neuen Personalausweises (nPA) genutzt werden, indem neue Smartphones im Zusammenspiel mit der City App eine Authentifizierung via nPA erlauben.

Drittens ist mit der Verabschiedung des eGovernment-Gesetzes der Startschuss für den Neustart im eGovernment gefallen. Wir sehen hier eine Chance für eine ernstgemeinte Neuausrichtung. In Zukunft wird es nicht darum gehen, reine Informationsportale bereitzustellen oder ein Bündel von Online-Prozessen vorzuhalten.

Es geht vielmehr um eine durchgehende Prozessoptimierung über einen flexiblen Online-Zugang bis in das Fachverfahren unter Ausnutzung der potenziellen Automatisierungsmöglichkeiten. Dies ist eine Antwort darauf, wie die Verwaltung künftig mit weniger Personal eine bessere oder zumindest gleichbleibende Servicequalität liefern kann.

Ein weiterer wichtiger Baustein für die Verwaltung der Zukunft wird das Management großer Datenmengen sein. Die Analyse großer und heterogener Datenbestände wird für den Entscheidungsprozess in der Sachbearbeitung künftig immer mehr an Bedeutung gewinnen. Dabei wird es entscheidend sein, diese Analyse möglichst flexibel und auf Basis aller aktuell verfügbaren Daten durchzuführen.

Mit SAP HANA bieten wir eine Plattform, die solche Analysen bereits heute nahezu in Echtzeit ermöglicht. Hierdurch entstehen künftig völlig neue Geschäftsprozesse, zum Beispiel in der Betrugsfallbekämpfung. Hier bin ich nicht mehr nur auf Ex-post-Analysen angewiesen, sondern kann diesen Service in meinen Genehmigungsprozess für bestimmte Leistungen einbauen. So kann ich beispielsweise unberechtigte Leistungen vor der Auszahlung stoppen.

Im Übrigen ist auch der Folgefall des angesprochenen Szenarios interessant: Ich zahle unberechtigt aus und generiere damit eine Forderung. Viele Behörden haben im Laufe der letzten Jahre immense Forderungsbestände aufgebaut. Diese müssen möglichst intelligent abgebaut, sprich beigetrieben werden. Mit SAP HANA können alle zur Verfügung stehenden Informationen zu den Schuldnern analysiert werden. Der Sachbearbeiter kann sich für seine Fälle ad hoc ein Bild machen und dann die richtige und erfolgversprechendste Taktik für Schuldner oder Schuldner-Cluster nutzen.

Können Sie uns jeweils Beispiele für entsprechende Projekte im Public Sector in Deutschland nennen?

Schlief: Ein gutes Beispiel für das Thema mobile Arbeitsplätze ist das Projekt „Mobile Lebensmittelprüfung“ beim Landesamt für Natur-, Lebensmittel- und Verbraucherschutz, das derzeit umgesetzt wird.

Hier wurde eine mobile App auf Basis der SAP Mobile Plattform entwickelt, die die Lebensmittelprüfer bei ihrer täglichen Arbeit unterstützen soll. Weitere Apps sollen folgen. Wichtig ist hierbei, bereits in der ersten Konzeptionsphase sehr eng mit den Endanwendern zusammen zu arbeiten. Das zeigen auch die Projekte, die wir in Krankhäusern mit unserer mobilen Patientenakte SAP Electronic Medical Record durchgeführt haben beziehungsweise aktuell durchführen.

Im Bereich der Fachverfahren kann ich gerne ein Beispiel aus dem Bereich Sozialversicherung nennen: die Sozialversicherung Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau.

Auf dem Weg hin zu einer bundesunmittelbaren Behörde hatten sich die verschiedenen Träger früh auf den Transformationsprozess eingestellt und erkannt, dass eine Zusammenführung der verschiedensten Fachverfahren nicht zielführend sein würde. Es fiel eine klare Entscheidung in Richtung eines Plattform-Ansatzes und damit letztendlich für die SAP-Plattform.

Heute kann die Sozialversicherung eine zukunftssichere Lösung für alle beteiligten Verwaltungseinheiten bieten, die sich unter dem Dach der neuen Bundesbehörde zusammengefunden haben.

Außerdem sind wir derzeit mit einer Landeseinrichtung in finalen Gesprächen, um 80 technologisch getrennte Fördermittelverfahren durch die SAP-Fördermittelplattform zu standardisieren und technologisch zu harmonisieren. Dies soll die Qualität der Lösungen verbessern, und das zu weitaus geringeren Kosten hinsichtlich Betrieb und Ausbau.

Was ist aus Ihrer Sicht für die weitere Modernisierung der Verwaltungen unabdingbar?

Schlief: Aus IT-Sicht steht hier vor allem die Standardisierung und Harmonisierung mit Mittelpunkt. Ohne Standardisierung können Verwaltungen weder die Effizienzpotenziale im eigenen Hause heben, noch die Synergien aus verwaltungsübergreifenden Formen der Zusammenarbeit wie Shared Services oder eGovernment heben.

Stichwort Shared Services: Verwaltungen können es sich künftig schon aufgrund der demografischen Entwicklung und Haushaltssituation nicht mehr leisten, alle Aufgaben selbst zu erledigen. Hier gilt es, passende Formen der Zusammenarbeit zu finden.

Schaut man in das benachbarte Ausland, so findet man hier spannende Projekte, die diesen Grundgedanken bereits erfolgreich umgesetzt haben. Ich nenne an dieser Stelle das Projekt P-Direct aus den Niederlanden. Hier kurz die Fakten:

  • Optimierung der personalwirtschaftlichen Prozesse in der niederländischen Verwaltung für über 120.000 Beschäftigte in 12 Ministerien und 45 Behörden.
  • Etablierung einer Shared-Service-Center-Organisation („P-Direkt“) mit 440 Mitarbeitern und 27 standardisierten HR-Dienstleistungen.
  • Reduzierung der HR-bezogenen Mitarbeiter um 50 Prozent.
  • Einsparpotenzial bis zum Jahr 20210: 250 Millionen Euro.

eGovernment und mobile Government sind unabdingbar und sollten noch einmal mit frischem Mut angegangen werden. Kunden sollten sich bei der Umsetzung möglicher Projekte frühzeitig einen Partner zu suchen, der bei der Konzeption und Umsetzung die gesamte Tragweite erfassen kann.

Ganz wichtig ist hierbei der Plattformgedanke: Es werden künftig keine Punkt-zu-Punkt- und Insellösungen mehr aufgesetzt, sondern eine einheitliche IT-Plattform für eGovernment und mGoverment verwendet.

Das Thema Big Data ist in diesem Fall ebenfalls sehr ernst zu nehmen, da eine Fülle von Informationen gehalten und verarbeitet werden müssen. Dies erfordert eine Datenhaltung und -verarbeitung durch In-Memory-Technologie, um diese gespeicherten Datenmengen für eGovernment-Prozesse schnell verfügbar zu machen.

Ein kurzer Ausblick auf 2014?

Schlief: Bezüglich IT-Innovationen liegt der Public Sector noch zehn Jahre hinter der Industrie zurück. Der Nachholbedarf ist schon länger erkannt, Konzepte für die Modernisierung sind erstellt. Die Umsetzung wurde jedoch oft gebremst, teilweise auch aufgrund von Ängsten und fehlendem Mut zur Veränderungsbereitschaft mancher Führungskräfte und Mitarbeiter.

Aufgrund der immer größeren Herausforderungen der Verwaltungen hinsichtlich Demografie, Haushaltslage, aber auch der Anforderungen der Bürger nach Transparenz, wird der Druck weiter steigen. Ich gehe daher von einer Beschleunigung der IT-Modernisierung im Rahmen der Verwaltungsmodernisierung aus, sodass 2014 mehr Einführungsprojekte rund um Kernverfahren auf- und umgesetzt werden.

Als führendes deutsches IT-Unternehmen werden wir auch 2014 weiter in die Entwicklung industriespezifischer Lösungen für den Public Sector investieren, um einen Wertbeitrag zur Modernisierung der Verwaltungen zu leisten. Darüber hinaus werden wir die Zusammenarbeit mit unseren Partnern ausbauen.

Den Dialog mit unseren Kunden wollen wir weiter intensivieren und sie frühzeitig bei der Entwicklung neuer Lösungen und Technologien einbinden, um frühzeitig Feedback zu erhalten. Wir freuen uns sehr auf diese enge Zusammenarbeit.

(ID:42241843)