Digital Education Ungenutztes Potenzial – Strategien für die digitale Schule

Autor / Redakteur: Carsten Glohr* / Julia Mutzbauer

Vor mehr als einem Jahr mussten die Schulen plötzlich in den Lockdown. Doch in Deutschland hapert es noch immer in Sachen digitale Bildung. Der Autor Carsten Glohr erklärt, dass es mit der richtigen Herangehensweise durchaus klappen kann, diesen Bereich zu digitalisieren.

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Carsten Glohr: „Wenn wir international nicht noch weiter zurückfallen wollen, dann brauchen wir eine noch wesentlich größere Transformation: Weg vom Frontalunterricht in riesigen Klassen. Stattdessen hin zu kleinen Gruppen mit interaktivem Unterricht, unterstützt durch digitale Inhalte“
Carsten Glohr: „Wenn wir international nicht noch weiter zurückfallen wollen, dann brauchen wir eine noch wesentlich größere Transformation: Weg vom Frontalunterricht in riesigen Klassen. Stattdessen hin zu kleinen Gruppen mit interaktivem Unterricht, unterstützt durch digitale Inhalte“
(© Alexander Limbach - stock.adobe.com)

Wäre die Schule ein Industrieunternehmen, dann sähe die Sache anders aus. Die Führungsetage würde schnelle Entscheidungen treffen und auch radikale Wege einschlagen, um eine geeignete Strategie zu finden, die aus der Krise führt. Doch die Schule ist kein Unternehmen und das Korsett der föderalen Administration ist eng geschnürt und hat sich als wenig handlungsfähig erwiesen. Obschon nahezu jede Schule sehr ähnliche Probleme und Anforderungen hat, wird nicht mit zentraler Handlungs- und Umsetzungsmaßnahmen auf die Situation reagiert, sondern jeder Schulträger erfindet das Rad für sich neu, woraus der vielgescholtene „Flickenteppich“ resultiert. So bleibt es im schlimmsten Fall an den Informatik-Lehrer*innen hängen, die ihre Freizeit opfern, um den „online“-Unterricht der Schüler*innen „mit Boardmitteln“ zu organisieren.

Daraus resultiert eine zusätzliche Belastung, die wir den Lehrkräften unserer Kinder nicht zumuten sollten. Und auch nicht müssten. Denn der Bildungsbereich strotzt nur so vor Standardisierungspotenzial. Schließlich handelt es sich weder bei den unterschiedlichen Schulformen noch bei den einzelnen Schulen um Einheiten mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Am Ende funktionieren sie alle nach demselben Prinzip, so dass es mit der richtigen Herangehensweise durchaus auch kurzfristig möglich wäre, diesen Bereich zu digitalisieren und nachhaltig und zukunftsweisend zu transformieren.

Bewilligt ist nicht gleich investiert

Statt den Flickenteppich unterschiedlichster Methoden, Tools und Lösungen weiter zu stricken, sollten die Fähigkeiten gebündelt werden, die Fragmentierung der Budgets aufgelöst, die Ausschreibungen vereinheitlicht und die Steuerung in kompetente Hände gelegt werden. Denn die Schulen selbst haben weder die Mittel noch die Fähigkeiten, um ein solches Digitalisierungsprojekt wie unser Bildungssektor es braucht, selbst zu stemmen.

In den meisten Kreisen übernehmen öffentliche Schulträger, einen ersten Schritt zur Bündelung, indem sie die jeweiligen Bedarfe mehrerer Schulen erheben, bei der Erstellung der sogenannten Medienentwicklungspläne unterstützen und die entsprechenden Mittel beim Bund abrufen. Lange war ein schuleigener Medienentwicklungsplan (MEP) die Voraussetzung für Zuschüsse aus dem DigitalPakt Schule der Bundesregierung.

Wie gut das läuft, sieht man an den Zahlen: Erst 916 Millionen der insgesamt zur Verfügung stehenden 5 Milliarden Euro wurden bis Ende 2020 bewilligt. Wieviel des Geldes nicht nur bewilligt, sondern auch bereits ausgezahlt wurde, ist wiederum unklar. Die Unterschiede zwischen den Ländern sind dabei sehr hoch. Viele Schulen und auch Trägerorganisationen stehen hilflos vor der Aufgabe ein nachhaltiges Digitalisierungsprogramm zu entwickeln und wissen schlicht nicht, wie sie dabei vorgehen sollen.

Die digitale Transformation

Bei einem digitalen Transformationsprozess muss dabei zunächst zwischen zwei Ebenen unterschieden werden: dem fachlich, pädagogischen Konzept und dem technischen Konzept. Während Ersteres nach dem Warum fragt, beschäftigt sich das zweite mit dem Wie. Die Reihenfolge ist dabei elementar, denn wie immer gilt, dass die Technologie dem Bedarf folgt und ihr Potenzial erst dann entfalten kann, wenn klar ist, welchen Zweck sie erfüllt.

In einem ersten Schritt geht es also darum, eine Bestandsaufnahme zu machen und eine Anforderungsanalyse zu erstellen. Daraus folgt das pädagogische Konzept. Was liegt bereits vor, welche Anforderungen bestehen, was soll mit der Medienbildung erreicht werden? Insbesondere disruptivere Lernmodelle und Lernplattformen sollten zentral entwickelt, in Modellschulen erprobt und „top-down“ vorangetrieben werden.

Danach erfolgt die Ausarbeitung des technischen und organisatorischen Konzepts für die Schulen. Dafür wird eine Anforderungsanalyse der IT erstellt, ein Zielbild der IT gezeichnet und eine Konzeption des Betriebs und des Supports der IT entwickelt. Es wird also gefragt, welche IT-Ausstattung bereits vorhanden ist, welche benötigt wird, wie IT-Betrieb und -Support umgesetzt werden und welche (pädagogischen) Fortbildungen notwendig sind, um die Umsetzung des Konzepts letztendlich auch gewährleisten zu können.

Wenn die Grundlagen gelegt sind und klar ist, welche Bedarfe vorliegen, welche Ziele verfolgt werden und was für eine IT dafür notwendig ist, kann es in die Umsetzungsplanung und die Finanzierung gehen. Wann können welche Maßnahmen realisiert werden und wie hoch sind die Kosten?

Wenn Kultusministerien, Schulträger und Schulen sich an diesem bewährten und erfolgreichen Changemanagement-Gerüst orientieren, dann steigen die Aussichten auf einen nachhaltigen Erfolg. Medienentwicklungspläne sollten schließlich kein Selbstzweck sein, um einfach irgendwelche Digitalisierungsmaßnahmen durchzuführen, sondern auf einer Strategie aufbauen, die auch in ein paar Jahren noch Sinn macht. Zu oft konzentrieren sich die Maßnahmen lediglich auf die Anschaffung von Infrastruktur. So ist beispielsweise die Anschaffung von digitalen Tafeln meist teuer, jedoch vergleichsweise wenig wertschöpfend.

Interaktiv in die Zukunft

Aber auch WLAN, Breitbandanschlüsse, Videokonferenzssoftware und die Endgeräteaustattung sind keineswegs der große Schritt nach vorne, auch wenn sich damit kurzfristig das in der Covid-Krise so wichtige Distanzlernen realisieren lässt. Langfristig jedoch müssen wir uns Gedanken darum machen, welchen Stellenwert wir der Bildung in unserem Land einräumen. Laut neuster OECD-Studie hinkt Deutschland im Bereich der digitalen Schule zehn Jahre hinterher. Zehn Jahre lassen sich nicht in einem Jahr gut machen, dennoch sollten wir ein zügiges Umdenken einleiten.

Denn wenn wir international nicht noch weiter zurückfallen wollen, dann brauchen wir eine noch wesentlich größere Transformation: weg vom Frontalunterricht in riesigen Klassen, weg von linearen Inhalten. Stattdessen hin zu kleinen Gruppen mit interaktivem Unterricht, unterstützt durch digitale Inhalte, Computer-Based-Learning und auf Schülerinnen und Schüler zugeschnittene Methoden und Lerninhalte. Dafür braucht es Investitionen und Modellversuche und Verlage, die hochwertige Inhalte auf einer zentralisierten Plattform anbieten. Selten war das Fenster so weit offen, um im Bildungsbereich etwas Neues zu wagen. Es wäre schade und gefährlich, wenn wir diese Chance ungenutzt verstreichen lassen.

*Der Autor: Carsten Glohr ist Managing Partner im Geschäftsbereich Public bei Detecon International. In dieser Funktion steuert er die Beratungsaktivitäten für EU, Bund, Länder und Kommunen. Wichtige Schwerpunkte umfassen dabei die digitale Verwaltung/OZG, Smart Cities, Digitale Bildung und die Optimierung von IT-Dienstleistern der Öffentlichen Hand.

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