Digitalisierung an Schulen

Trotz Digitalpakt – Bund und Länder haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht

| Autor / Redakteur: dpa / Manfred Klein

Noch ist die Integration der IT in den Unterricht ein hehres Ziel
Noch ist die Integration der IT in den Unterricht ein hehres Ziel (© Robert Kneschke – stock.adobe.com)

Geht es um die Digitalisierung an den Schulen, muss das Fazit lauten: „Es fehlt an allem“. Die Infrastruktur ist mangelhaft, es fehlt an Computern für Lehrkräfte und Schüler ebenso wie an einem Gesamtkonzept zur Digitalisierung an den Schulen. Zum Beleg hier einige Meldungen der Deutschen Presseagentur (dpa) zum Thema.

Deutschlands Schulen haben bei digitaler Ausstattung noch viele weiße Flecken. So gibt es nach einer Umfrage unter Schulleitungen nur in rund jeder dritten Schule in allen Klassen- und Fachräumen Zugang zu schnellem Internet und WLAN. Bei Gymnasien sind es immerhin fast 45 Prozent. 63 Prozent der befragten Schulleitungen insgesamt gaben hingegen an, dass Internet nicht in vollem Umfang verfügbar sei. Das zeigt eine gestern in Berlin vorgestellte Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE).

Nur jede dritte Schulleitung sagt zudem, dass es mindestens einen Klassensatz an digitalen Endgeräten wie Tablets für die Schülerinnen und Schüler gibt. Fünf Jahre zuvor waren es erst 12 Prozent. Von den Gymnasien haben immerhin 60 Prozent Klassensätze mit Endgeräten.

Der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann sagte: „Wenn sich die Digitalisierung an Schulen in der gleichen Geschwindigkeit vollzieht wie in den letzten fünf Jahren, werden wir erst 2034 erreicht haben, dass es an allen Schulen einzelne Klassensätze an digitalen Endgeräten gibt.“

Für die Studie wurden 1.232 Schulleiter befragt. In fast jeder fünften Schule müssen die Schüler bei einigen Lehrern ihre eigenen Tablets oder Smartphones mitbringen, um diese im Unterricht zu nutzen.

An 19 Prozent der Schulen verfügen der Umfrage zufolge alle Lehrer über einen dienstlichen PC. 47 Prozent der Schulleitungen sagen, alle Lehrer hätten eine dienstliche Mailadresse – 34 Prozent aber sagen, keiner der Lehrer verfüge darüber.

Um Sicherheit, Stabilität und Aktualisierung der IT-Ausstattung kümmern sich an 62 Prozent der Schulen Lehrer, an 59 Prozent IT-Fachpersonal und nur an 4 Prozent der Schulen externe Dienstleister. Beckmann kritisierte, sich um die Technik zu kümmern, sei nicht Aufgabe der Lehrer.

Die nötigen Kenntnisse für digitalen Unterricht haben sich an 72 Prozent der Schulen die Pädagogen selbst angeeignet, zu 65 Prozent halfen Fort- und Weiterbildungen, zu 58 Prozent auch Kollegen.

Derzeit laufen in den Ländern die Vorbereitungen für eine schrittweise flächendeckende Digitalisierung der Schulen im Rahmen des Digitalpakts Schule. Vom Bund werden innerhalb der nächsten fünf Jahre fünf Milliarden Euro investiert. Finanziert werden sollen mit den Bundesmitteln unter anderem die Vernetzung in Schulgebäuden, schulisches WLAN, Lernplattformen, interaktive Tafeln, Displays sowie Laptops und Notebooks.

FDP-Fraktionsvize Katja Suding sagte, es sei zwar wichtig, dass der Digitalpakt komme. Aber die Schulen hätten noch keine Lernsoftware, keine IT-Administratoren und keine klaren Regeln zum Datenschutz. Insofern sei eine Neuauflage in Form eines Digitalpakt 2.0 nötig.

Baden-Württemberg: Lehrer fordern bessere digitale Ausstattung an Schulen

Da wundert es nicht, wenn Lehrer und Schulleiter in Beden-Württemberg laut dpa ein eine mangelhafte digitale Ausstattung der Schulen beklagen. Das geht laut dpa aus zwei Umfragen des Lehrerverbands VBE und der Gewerkschaft GEW hervor. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) räumte am Montag in Stuttgart ein, dass die Ausstattung der Schulen und die Lehrerfortbildung verbessert werden müssten. „Beides haben wir bereits auf den Weg gebracht.“

Nach einer Umfrage des Instituts Forsa im Auftrag des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) unter Schulleitern gibt es nur in vier von zehn Schulen in allen Klassenräumen WLAN und schnelles Internet. Fast jede fünfte Schule nutze im Unterricht Geräte, die die Schüler selbst mitbrächten. Das sieht VBE-Landeschef Gerhard Brand kritisch: Es steige die Gefahr, dass Kinder gemobbt würden, weil sie nicht das neueste Smartphone vorweisen könnten. Bundesweit nahmen 1.232 Schulleiter an der Umfrage teil, darunter 251 aus Baden-Württemberg.

Es fehlten zudem Computer und Smartphones für Lehrer und Schüler. „Während die Gesellschaft in Sachen Digitalisierung rasant fortschreitet, ist an den Schulen nur wenig passiert“, sagte Brand. Zwar habe sich die Situation im Vergleich zu einer Umfrage von 2014 verbessert. Und Baden-Württemberg liege in vielen Rubriken bei der digitalen Ausstattung über dem Bundesdurchschnitt. Aber wenn es in diesem „Schneckentempo“ weitergehe, seien erst im Jahr 2032 alle Schulen mit Klassensätzen von digitalen Endgeräten ausgestattet. „Das entspricht sicher nicht den Ansprüchen an unser Bildungssystem.“

Beurteilungen von Schülern, Zeugnisse und Informationen an die Eltern würden teils auf Privatgeräten der Lehrer gespeichert, kritisierte Brand. Dabei handele es sich um höchst sensible Daten. Nicht einmal jede vierte Schule habe für alle Lehrer dienstliche Computer. „An knapp 30 Prozent der Schulen gibt es sogar überhaupt keine dienstlichen Computer – außer dem im Sekretariat“, kritisierte Brand. Er forderte auch mehr Fortbildung für Lehrer, zudem mehr Fachpersonal zur Wartung der digitalen Infrastruktur an den Schulen. Bislang übernähmen Lehrer notgedrungen die Wartung häufig selbst.

Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doro Moritz, hatte bereits am Sonntag gesagt: „Wir befinden uns in der Kreidezeit, brauchen Zeit und Fortbildungen, um sinnvolle pädagogische Konzepte für die Digitalisierung zu erarbeiten.“ Etwa die Hälfte der Lehrer habe fast keine Erfahrungen mit dem Einsatz moderner Medien. An vielen Schulen fehlten Internetverbindungen, oder diese seien zu schwach. Moritz stützte sich dabei auf eine Online-Umfrage, an der Lehrer im Februar freiwillig teilnehmen konnten. 5.703 Lehrer und Schulleitungen beteiligten sich.

Von „Kreidezeit“ will Kultusministerin Eisenmann nicht sprechen. „Zahlreiche Schulträger haben in den vergangenen Jahren intensiv in die digitale Ausstattung ihrer Schulen investiert. Hier von Kreidezeit zu sprechen ist ein Klischee, das nicht der Realität an den Schulen entspricht und die Bemühungen vieler Schulträger verkennt.“

Sie verwies auf das geplante Geld aus dem Digitalpakt: Bund und Länder hatten sich im Februar auf eine Grundgesetzänderung verständigt, um die Digitalisierung an Schulen voranzutreiben. Im Durchschnitt erhält jede Schule in Baden-Württemberg 142 000 Euro, das sind pro Schüler 433 Euro – insgesamt rund 650 Millionen Euro.

Das Land will laut Eisenmann nicht warten, bis das Geld kommt, sondern in Vorleistung gehen und den Kommunen als Schulträgern 150 Millionen Euro für die Digitalisierung bereitstellen. 75 Millionen Euro sollen bereits in diesem Juni fließen.

Der Opposition im Landtag geht das nicht schnell genug. FDP-Bildungsexperte Timm Kern sagte, das Land Baden-Württemberg habe viel zu lange nur auf das Geld des Bundes gewartet. Auch SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei monierte: „Es geht zu langsam! Es tut sich zu wenig!“

Rheinland-Pfalz: Lehrer fordern Gesamtkonzept für Digitalisierung an Schulen

Und in Rheinland-Pfalz hat laut dpa die Lehrergewerkschaft VBE Landesregierung und kommunale Schulträger zu einem Gesamtkonzept für die Digitalisierung an den Schulen aufgerufen. Nötig seien klare Zielsetzungen, bis wann welche Standards der digitalen Ausstattung erreicht sein sollten, sagte der stellvertretende Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Lars Lamowski, am Montag in Mainz.

Bislang seien die Schulen in Rheinland-Pfalz nur unzureichend mit digitaler Technik ausgestattet, kritisierte der Mitgliedsverband des Deutschen Beamtenbunds (DBB) bei der Vorstellung einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Demnach verfügen nur an jeder fünften Schule alle Lehrkräfte über einen dienstlichen PC und an einem Drittel der Schulen hat kein einziger Lehrer einen Dienst-PC. An 47 Prozent der Schulen gebe es dies für einige, aber nicht alle Lehrer.

An vielen Grundschulen hätten nur der Schulleiter und der Konrektor einen dienstlichen Computer, sagte Lamowski. Daher müssten Lehrer oft hochsensible Daten wie Zeugnisse, Notenlisten oder Protokolle von Elterngesprächen auf ihrem Privatcomputer speichern. Dies sei allein schon aus Gründen des Datenschutzes ebenso problematisch wie der Umstand, dass nur an 45 Prozent der Schulen alle Lehrer eine dienstliche Mail-Adresse hätten.

„«Das Land hat seine Hausaufgaben an dieser Stelle nicht gemacht“, kritisierte Lamowski. „Das ist ein Investitionsstau, der in die Milliarden geht.“ Es gebe kein Gesamtkonzept, um die Versäumnisse aufzuholen. VBE-Landesvorsitzender Gerhard Bold sagte, die Gewerkschaft arbeite eng mit dem Gemeinde- und Städtebund sowie dem Landkreistag zusammen, „damit die Digitalisierung auch in den Schulen sinnvoll umgesetzt wird“».

An 37 Prozent der Schulen gibt es der Umfrage zufolge Klassensätze mit Tablet-Computern und Smartphones für die Nutzung digitaler Medien im Unterricht. An 52 Prozent der Schulen in Rheinland-Pfalz haben alle Klassen und Fachräume einen Internetzugang mit hoher Bandbreite – bundesweit ist dies nur an 36 Prozent der Schulen der Fall. Für die Erhebung hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa von Januar bis März bundesweit 1.232 Schulleiter befragt, darunter 101 in Rheinland-Pfalz.

Kritisiert wird von den Lehrervertretern die verbreitete Praxis, einen Lehrer oder eine Lehrerin mit dem Support für Schulcomputer oder digitale Tafeln zu betrauen. Der Verband fordert hier die grundsätzliche Wartung durch externe IT-Fachkräfte. „Lehrer werden in ein Aufgabengebiet gesteckt, für das sie nicht ausgebildet sind“, sagte Ann-Christin Wirth vom Jungen VBE. „Zugleich stehen sie dann nicht für ihre eigentliche Aufgabe zur Verfügung, Kinder zu erziehen.“

Ein Gesamtkonzept des Bildungsministeriums sei schon lange überfällig, kritisierte die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Anke Beilstein. Die Landesregierung „hat nicht nur über Jahre versäumt, unsere Schulen fit für moderne Kommunikationstechnologien zu machen, sondern offensichtlich auch keinen Plan, wie das in der Zukunft besser werden soll“.

Für die sogenannte Anwendungsbetreuung kündigte das rheinland-pfälzische Bildungsministerium am Montag an, die dafür vorgesehenen Mittel von drei auf sechs Millionen Euro zu verdoppeln. „Damit gehen wir einen entscheidenden Schritt nach vorne und unterstützen unsere Schulen deutlich mehr beim Lernen und Lehren in der digitalen Welt“, erklärte Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD). Grundschulen erhalten mindestens 1.000 Euro, Schulen mit Sekundarstufe I 1.500 Euro und Schulen mit Sekundarstufe II 2.000 Euro. So könne jede Schule und jeder Schulträger vor Ort „passgenaue Lösungen“ entwickeln. „Damit gehen wir einen großen Schritt voran und wissen: der Weg ist noch länger. Und auch die Schulträger müssen jetzt liefern.“

Ab dem kommenden Schuljahr sollen alle Schulen eine Lehrkraft als Koordinator für digitale Bildung benennen können. „Gemeinsam mit der Schulleitung und dem Kollegium werden sie Lehren und Lernen mit und über digitale Medien an ihrer Schule voranbringen.“ Dafür erhält die Schule Zeitkontingente in Form von sogenannten Anrechnungsstunden, je nach Schülerzahl zwischen einer halben und vier Stunden pro Woche.

Der Philologenverband Rheinland-Pfalz begrüßte die Ankündigung des Ministeriums als notwendig und richtig. Jetzt seien die Schulträger in der Pflicht. „Natürlich kann man schnell einmal digitale Geräte kaufen und einer Schule bereitstellen“, erklärte die Landesvorsitzende Cornelia Schwartz. „Dies ist allerdings reine Geldverschwendung, wenn nicht gleichzeitig der technische Support mitbedacht wird.“ Hier geht der Philologenverband über die Ankündigung des Ministeriums hinaus und fordert „für je 200 digitale Endgeräte die Einstellung mindestens einer IT-Vollzeitkraft, die die Geräte dann wirklich warten kann, damit sie für die Schule jederzeit einsatzbereit sind“.

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