Politik in der Pflicht

Tabu-Thema: Gewalt in der Pflege erkennen und vorbeugen

| Autor: Ira Zahorsky

Wo fängt Gewalt in der Pflege an? Was kann man präventiv machen?
Wo fängt Gewalt in der Pflege an? Was kann man präventiv machen? (© sakai2132000 - stock.adobe.com)

Sowohl die Pflegebedürftigen als auch das Pflegepersonal können vom Thema Gewalt betroffen sein. Aufgrund der Abhängigkeit sind die Pflegebedürftigen dennoch in einer besonders schwierigen Lage.

Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, dass ihre 91-jährige Großmutter, die gerade wegen eines Schlaganfalls im Krankenhaus war, dort nachts von zwei Pflegern ans Bett fixiert wurde, weil sie – amnäsiebedingt verwirrt – umhergeirrt war. Für die Abholung am nächsten Tag hatte man sie noch medikamentös ruhig gestellt, doch die blauen Flecken an den Handgelenken waren nicht zu übersehen.

Kein Einzelfall

Leider scheint dieser Vorfall kein Einzelfall zu sein. Neben ruppigem Anfassen, Schubsen oder Schlagen bedeutet Gewalt auch, jemanden lange auf Hilfe warten zu lassen, ihn zum Essen zu zwingen, ihn anzuschreien, ihn zu beschämen oder seine Freiheit zu entziehen, etwa indem er eingeschlossen, mit Gurten fixiert oder mithilfe von Medikamenten ruhig gestellt wird. In einer Untersuchung des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) gab etwa ein Drittel der Befragten mit Pflegeerfahrung an, sich schon unangemessen in der Pflege verhalten zu haben.

Doch auch Pflegebedürftige können gewalttätig werden. So berichten 40 Prozent der Pflegekräfte, mit aggressivem Verhalten von Pflegebedürftigen konfrontiert worden zu sein. „Gewalt in der Pflege ist keine Ausnahme. Sie hat viele Gesichter und fängt nicht erst beim Schlagen an. Wir haben es dabei mit einem immensen Problemfeld zu tun, über das ungern gesprochen wird“, erklärt Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP.

Internetportal bietet Rat und Hilfe

Die gemeinnützige Stiftung bietet deshalb ein neues, kostenloses Onlineportal zur Gewaltprävention.

Das Portal richtet sich sowohl an Interessierte ohne Vorwissen als auch an Fachleute. Es soll neben multimedialen Informationselementen auch prägnante, wissenschaftlich und pflegefachlich fundierte Texte zum Beispiel zu Häufigkeit, Erscheinungsformen und Anzeichen von Gewalt bieten. Auch konkrete Tipps zur Gewaltprävention in der Pflege stehen parat.

Menschen in Krisensituationen finden auf der Webseite Kontaktdaten zu telefonischen Beratungseinrichtungen, die einen inhaltlichen Schwerpunkt auf dem Thema Gewalt in der Pflege haben. Dort kann anrufen, wer als Opfer von Gewalt Rat sucht – aber auch, wer als Pflegender in einer schwierigen Pflegesituation ist und Sorge hat, selbst die Kontrolle zu verlieren.

„Gerade bei dem Thema Gewalt ist es häufig nicht leicht, sich jemandem anzuvertrauen und über seine persönlichen Erfahrungen zu sprechen. Daher sind telefonische Angebote für viele Menschen sicherlich eine erste gute Kontaktmöglichkeit“, so der Vorstandsvorsitzende der Stiftung.

Suhr fordert zudem: „Neben der Pflege selbst ist auch die Politik in der kommenden Legislaturperiode gefordert. Sie muss Strukturen in der Pflege stärken, die Gewaltprävention begünstigen und Gewaltrisiken vermindern.“

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