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Zusammenarbeit von IBM und Techniker Krankenkasse Startschuss für die Gesundheitsakte

Autor: Susanne Ehneß

Der Testbetrieb läuft erfolgreich, nun hat die Techniker Krankenkasse mit „TK-Safe“ ihre elektronische Gesundheitsakte öffentlich vorgestellt. Sie soll es ermöglichen, Gesundheits- und Krankheitsdaten übersichtlich an einem Ort zu speichern und zu managen.

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„Die nächste große Revolution in der Medizin sind nicht neue therapeutische oder diagnostische Maßnahmen, sondern die sinnvolle Zusammenführung und Analyse von Gesundheitsdaten, die Überwindung der Datensilos.“
„Die nächste große Revolution in der Medizin sind nicht neue therapeutische oder diagnostische Maßnahmen, sondern die sinnvolle Zusammenführung und Analyse von Gesundheitsdaten, die Überwindung der Datensilos.“
(© psdesign1 - stock.adobe.com)

Die Techniker Krankenkasse (TK) geht einen großen Schritt in Richtung Gesundheitsakte. Die entsprechende Lösung „TK-Safe“ läuft seit Januar im Testbetrieb und wurde nun der Öffentlichkeit präsentiert.

TK-Vorstandsvorsitzender Dr. Jens Baas bezeichnet die Gesundheitsakte als zentralen Ort, an dem Gesundheitsdaten sicher abgelegt und jederzeit abgerufen werden können. Diese Daten seien für jeden Patienten vorhanden, aber bislang konnte man sie nicht für die eigene Gesundheit nutzen, da der direkte Zugriff fehlte: „Derzeit haben wir völlig überholte, analoge Strukturen, die es Patienten unnötig schwer machen, an ihre eigenen Daten heranzukommen.“

Datenzugriff explizit geregelt

Bei der Gesundheitsakte der TK soll der Datenzugriff explizit geregelt sein: „Ausschließlich der Versicherte selbst kann auf die Informationen in TK-Safe zugreifen, niemand sonst. Weder wir als Krankenkasse haben Einblick noch IBM“, betont Dr. Baas.

Sensiblere Daten als jene von Ärzten, Krankenhäuser, Apotheken oder Therapeuten gibt es kaum. Dr. Baas betont daher den Aspekt der Datensicherheit und -hoheit: „Wenn ein Patient möchte, dass ein Arzt Zugang zu den Daten erhält, muss er ihm explizit eine Freigabe erteilen. Alles, was in TK-Safe abgespeichert wird, ist dreifach verschlüsselt. Nur mit registriertem Smartphone und Passwort kommen Sie an die Daten. Außerdem werden die Informationen direkt auf dem Smartphone ver- und wieder entschlüsselt. Dadurch ist gewährleistet, dass die Daten außerhalb des Smartphones – also während des Transfers zum Server und innerhalb des Servers – nicht gelesen werden können. “

Interview

Die Eigenentwicklung TK-Safe wurde gemeinsam mit der IBM Deutschland GmbH aus der Taufe gehoben. Wir haben bei Volker Mielke, Projektleiter elektronische Gesundheitsakte bei IBM Deutschland, nachgefragt, wie sich die Gesundheitsakte im Praxiseinsatz macht.

Das Projekt Gesundheitsakte läuft seit Ende Februar im Testbetrieb. Was läuft gut, wo hakt es noch?

Mielke: Die Partnerschaft mit der Techniker Krankenkasse läuft sehr positiv. Ebenso sicher und stabil läuft die erste Version der technischen Lösung, die wir seit ein paar Wochen im kleineren Rahmen getestet haben. Das Nutzerfeedback war bis dato ausgesprochen positiv, jetzt wird es an der Zeit den Anwenderkreis zu erweitern, um mehr Nutzerfeedback einzuholen und Partizipation zu erzeugen.

Die Patienten sollen ja die Kontrolle über ihre Daten behalten. Sind die Patienten de facto die Einzigen, die auf ihre Akte zugreifen können?

Mielke: De facto ist der Nutzer der einzige, der auf seine Akte zugreifen kann. Der oder die Versicherte kann aber perspektivisch weiteren Personen, z. B. dem Haus- oder Facharzt, aktiv bestimmte Daten zugänglich machen. Versicherte müssen solche Entscheidungen nicht begründen und können sie auch jederzeit ändern.

Das ganze System ist auf dieser Nutzer-Souveränität aufgebaut: der Nutzer selbst verwaltet die Zugriffsrechte. Diese Datenhoheit in der eGA wird mit den jeweils technisch aktuellen und generell akzeptierten Sicherheits- und End-to-End-Verschlüsselungsmethoden ermöglicht und gesichert – vom Rechenzentrum bis hin zur mobilen App des Nutzers. Daten und Transportwege in der eGA sind also individuell Ende-zu-Ende verschlüsselt.

Sie können sich die eGA als eine Art digitalen, gesicherten Raum für Gesundheitsdienste und -daten vorstellen. Er ist so konzipiert, dass einzig und allein die Versicherten den Zugangsschlüssel zu ihrem persönlichen Raum haben. Auch wir als IBM oder jeweilige Krankenversicherung oder sonstige Dritte haben keinen Zugangsschlüssel, also keinen Zugriff auf die Inhalte der persönlichen eGA-Daten.

Das weitere Interview sowie mehr Infos zur Gesundheitsakte lesen Sie auf den nächsten Seiten.

Volker Mielke, Projektleiter elektronische Gesundheitsakte bei IBM
Volker Mielke, Projektleiter elektronische Gesundheitsakte bei IBM
(© IBM)

Ist der Zugriff durch die Patienten ausschließlich via Smartphone-App möglich?

Mielke: Aktuell ist der Zugang nur über die App auf einem mobilen Device möglich, für die Zukunft ist zusätzlich ein Web-Zugang angedacht.

Wie kommen Ärzte an für sie relevante Daten?

Mielke: Nutzer können heute vom Krankenhaus bereitgestellte Daten, z. B. aktuell den so genannten „Entlassbrief“, digital abholen und mit wenigen Klicks in ihre persönliche elektronische Gesundheitsakte überführen. Diese Funktion ist aktuell bereits mit den Agaplesion Kliniken umgesetzt. In der Weiterentwicklung wird der Nutzer entscheiden, welche Daten er seinem Arzt zur Übernahme bereitstellt und dieser wiederum selektiert, welche Daten er zur Übernahme benötigt.

Wie gelangen neue Gesundheitsdaten in die Akte? Müssen Ärzte und Krankenhäuser jetzt „doppelt“ – in der Akte und in ihrer eigenen Software – ablegen?

Mielke: Unser Ziel ist es, dass der Leistungserbringer weiterhin in seiner bekannten Software-Umgebung arbeitet, und die aktuelle Implementierung realisiert dies auch. Die Integration findet für den Arzt im Hintergrund, aber in seinem Hoheitsbereich, statt. Leistungserbringer sollen nicht doppelt arbeiten, ganz im Gegenteil: Die Leistungserbringer sollen durch die elektronische Gesundheitsakte Prozesserleichterungen erfahren und in Zukunft auch auf sie zugeschnittene Dienste.

Haben Sie mit „TK-Safe“ die Anforderungen aus dem E-Health-Gesetz sogar übererfüllt?

Mielke: Uns ist wichtig, dass wir die Anforderungen aus dem E-Health-Gesetz erfüllen. „Übererfüllen“ ist eine Wertung, die wir anderen überlassen. Aber natürlich stehen Datensicherheit und Datenschutz ganz im Zentrum, diese stellen wichtige Akzeptanzkriterien für die Nutzer dar. Datensicherheitsanforderungen haben daher einen zentralen Stellenwert bei der Entwicklung der elektronischen Gesundheitsakte eingenommen, mit dem Ergebnis, dass der Zugriff mittels 2-Faktoren-Authentifizierung und einem separaten elektronischen Schlüssel zur Ende-zu-Ende-Verschlüsselung dreifach gesichert sein wird – von den weiteren Schutzmaßnahmen mal abgesehen.

Wir sind der Meinung, dass in einer Welt, in der Daten in praktisch allen Lebensbereichen eine zentrale Rolle spielen, klare Prinzipien und Regeln gelten müssen, mit denen die Rechte derjenigen geschützt werden, die diese Daten besitzen und nutzen. Als IBM haben wir hier sehr eindeutige Positionen: Die Daten gehören immer dem Nutzer selbst, wir nehmen das Thema „Datensparsamkeit“ sehr ernst und fühlen uns verpflichtet, die Daten unserer Kunden zu schützen – ein Grundsatz, der in einer datengetriebenen Welt absolut selbstverständlich sein sollte.

Welche Lösung wird es für jene Patienten geben, die die elektronische Gesundheitsakte nicht wollen oder kein Smartphone besitzen?

Mielke: Die elektronische Gesundheitsakte ist ein freiwilliger, zusätzlicher und kostenloser Service für Versicherte. Gesundheitsdaten sind äußerst sensible und schützenswerte Informationen, daher sind datenschutzrechtliche Grundbedingungen wie die Freiwilligkeit der Teilnahme oder die Datenhoheit des Versicherten der Maßstab für alle Beteiligten.

Für Versicherte es gibt keinerlei Verpflichtung zur elektronischen Gesundheitsakte, sie registrieren sich aktiv für die Nutzung. Für die Zukunft ist zusätzlich zur Smartphone-App auch eine Web-Version geplant, auch um die etwaige Barrieren zu reduzieren und neue Dienste bzw. Varianten bestehender Dienste nutzergerecht anzubieten.

Auf der nächsten Seite: Daten-Grundstock für den Anfang & Schnittstelle zum Arzt.

Erster Datenfundus

Dr. Jens Baas mit Demo-Handy
Dr. Jens Baas mit Demo-Handy
(© Techniker Krankenkasse)

Wie Dr. Baas bekannt gab, erhalten die Versicherten auf Wunsch zu Beginn einen Grundstock an Daten für ihren Tresor. „Das bedeutet konkret, dass wir zum Beispiel einen Überblick geben können über alle Arzt- und Zahnarztbesuche, die verordneten Medikamente oder die Impfungen der letzten Jahre. Das ist ein Novum, denn erstmalig haben Patienten fortlaufend Einblick in ihre Gesundheitsdaten“, so der TK-Vorsitzende.

Die Services sollen sukzessive aufgestockt werden. „Als nächstes folgen Erinnerungen für Vorsorgeuntersuchungen und das elektronische Zahnbonusheft. Außerdem sollen unsere Versicherten in naher Zukunft die Möglichkeit bekommen, ihre selbst erhobenen Daten, wie beispielsweise Messwerte von Wearables, zu speichern“, erläutert Dr. Baas.

Schnittstelle zur Arztpraxis

TK Safe will als Schnittstelle zwischen den unterschiedlichen Leistungserbringern dienen. „Derzeit haben wir in Deutschland hunderte verschiedene Praxissoftwaresysteme, die ambulante Ärzte zur Organisation ihrer Praxen nutzen. Gleichzeitig gibt es fast genauso viele unterschiedliche Krankenhausinformationssysteme“, beschreibt Dr. Baas die aktuelle Situation. „Die nächste große Revolution in der Medizin sind nicht neue therapeutische oder diagnostische Maßnahmen, sondern die sinnvolle Zusammenführung und Analyse von Gesundheitsdaten, die Überwindung der Datensilos.“

„TK-Safe ist keine Einbahnstraße, sondern ein Daten-Hub, das die verschiedenen Leistungserbringer auch über Sektorengrenzen hinweg vernetzt“, so Dr. Baas. Versicherte könnten ihre Daten mitnehmen, wenn sie zu einer anderen Krankenkasse wechselten.

Wichtig sei hierbei aber auch die Kompetenz der Nutzer. „Um digitale Gesundheitsinformationen sinnvoll nutzen zu können, braucht es Gesundheits- und Medienkompetenz. Wir sprechen hier von Digitaler Gesundheitskompetenz. Nur der informierte Patient, wir haben ihn Homo Digivitalis genannt, wird sich im digitalen Gesundheitswesen zurechtfinden und die Chancen, die der digitale Datentransfer ermöglicht, für sich gut nutzen können“, meint Dr. Baas.

Patienten brauchen demnach nicht nur verständliche Informationen zu Diagnosen, sie müssen auch wissen, wie sie sie verwalten und wem sie wie Zugriff gewähren. Die TK sehe sich dabei als Coach der Versicherten. „Wir sind fest überzeugt, dass wir als öffentlich-rechtliche Körperschaft ohne Gewinninteresse der beste Partner für sie sind“, so Dr. Baas.

Der informierte Patient

Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der TK hat sich nach der „digitalen Gesundheitskompetenz“ erkundigt. Die Ergebnisse und Infos zur Studie „Homo Digivitalis“ finden Sie online als PDF HIER.

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