Das V-Modell XT Stand und Zukunft des IT-Standards

Autor / Redakteur: Prof. Dr. Dr. h.c. Manfred Broy, Marco Kuhrmann / Gerald Viola

Das V-Modell XT ist mittlerweile als IT-Standard der Öffentlichen Hand etabliert und beschreibt die Vorgehensweise bei der Organisation und Durchführung von IT-Entwicklungsprojekten. In diesem Beitrag wird Bilanz über die ersten Einsatzmonate des V-Modell XT gezogen. Weiterhin werden aktuelle Entwicklungen und Trends aufgezeigt.

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( Archiv: Vogel Business Media )

Die oftmals zitierten Studien der Standish Group zeigen schon seit dem ersten Erscheinen 1994 besorgniserregende Zahlen. So sind nur etwa 25 Prozent aller untersuchten Projekte uneingeschränkt als Erfolg zu bezeichnen – und das kontinuierlich seit 1994. Die restlichen drei Viertel der untersuchten IT-Projekte überziehen das Budget oder den Zeitrahmen, leiden zum Teil an erheblichen Qualitätsmängeln oder werden als Fehlschlag gewertet und eingestellt. In einer Zeit, in der IT-Systeme nahezu jeden Bereich des täglichen Lebens bestimmen, ist das ein unhaltbarer Zustand. Bei Projekten wie dem Maut-System oder der Software für das Arbeitslosengeld II gehen die Schäden in Milliardenhöhe.

Mittlerweile herrscht Konsens darüber, dass insbesondere große und kritische Projekte mithilfe strukturierter und standardisierter Vorgehensmodelle beherrschbarer gemacht werden. Für die Öffentliche Verwaltung und die öffentlichen Auftraggeber ist seit 2005 das V-Modell XT verpflichtend anzuwenden. Dieses stellt unter Berücksichtigung aktueller Erkenntnisse aus der Forschung und fundiertem Praxiswissen eine Richtschnur für die Durchführung von Projekten dar.

Um die Eignung des V-Modell XT in der Praxis zu untermauern, wurde mit Unterstützung des Entwicklerteams der TU München und TU Kaiserslautern eine umfangreiche Pilotierungsphase durchgeführt. In mehr als zehn Pilotprojekten in Industrie und Behörden, die in allen Anwendungsbereichen des V-Modells angesiedelt waren, wurden in intensiver Projektarbeit die Stärken aber auch Verbesserungspotenziale des V-Modells ermittelt. In dieser Phase konnten neben der Unterstützung von Produktentwicklung und Prozessanpassung auch etwa 700 Schwachstellen des neu entwickelten V-Modells gefunden und beseitigt werden.

Projektspezifisches V-Modell XT – Tailoring reduziert den Umfang

Die Pilotprojekte sollten zeigen, ob der Nutzen für den Anwender den Aufwand überwiegt. Am Beispiel des Projekts „WiBe 4.0“, das die Entwicklung der neuen Software für die Unterstützung des Verfahrens zur Wirtschaftlichkeitsbetrachtung (IT-WiBe) zum Ziel hatte, konnte dies für das typische Szenario des öffentlichen Auftraggebers sehr detailliert ermittelt werden. Projektpartner und Auftraggeber war hier das Bundesministerium des Innern, vertreten durch die Koordinierungs- und Beratungsstelle der Bundesregierung für Informationstechnik in der Bundesverwaltung (KBSt). Dieses Projekt wurde von Anfang bis Ende von V-Modell-Entwicklern begleitet und dabei dokumentiert und ausgewertet.

Die für die Anwendung des V-Modells notwendige projektspezifische Anpassung (Tailoring) führte im WiBe-Projekt zu einer Umfangsreduktion des projektspezifischen V-Modells von über 50 Prozent im Vergleich zum Gesamtmodell. Durch das Entfallen nicht relevanter Aktivitäten und Produkte (in diesem Fall die Hardwareanteile des V-Modells), reduziert sich hier der spätere Aufwand. Die relevanten Anteile wiederum ergeben sich dann aus dem automatisierten Tailoring. Relevante Anteile bestehen pro Projekt aus einer Teilmenge der Vorgehensbausteine (Projektdisziplinen wie Anforderungsfeststellung), Produkten (beispielsweise ein Lastenheft), Rollen (Projektleiter) und den durchzuführenden Aktivitäten, die bereits in einem initialen Projektplan aufgeführt sind. Da alle relevanten Ergebnisse in den Vorgehensbausteinen enthalten sind, muss man beim Tailoring nicht mehr jedes Produkt einzeln betrachten (wie beim V-Modell 97), sondern fokussiert einen ganzen Aufgabenbereich. Dies reduziert die Komplexität der initialen Vorgänge eines V-Modell-Projekts für den Anwender. Darüber hinaus sind noch weitere Anpassungen möglich, die dann im Projekttagesgeschäft greifen. So müssen beispielsweise nicht immer alle durch das Tailoring ermittelten Produkte eins zu eins erstellt werden.

Wie viel Aufwand bedeutet das V-Modell XT wirklich?

Das V-Modell stand und steht im Ruf, eher dokumentenlastig zu sein. Der Anteil der Management- und Steuerungsdokumente des Auftraggebers stehe nicht im optimalen Verhältnis zu den Lieferungen des Auftragnehmers lautet ein häufiger Kritikpunkt. Ein gutes Verhältnis ist 2 / 1 (Steuerung / Lieferung), da jede Lieferung des Auftragnehmers durch den Auftraggeber spezifiziert und geprüft werden muss. Im WiBe-Projekt wurde dieses Verhältnis beobachtet und ausgewertet.

Basierend auf „IT-Projekte erfolgreich mit dem neuen V-Modell XT“ (Manfred Broy, Andreas Rausch, Thomas Ternite, David Bettencourt da Cruz, Marco Kuhrmann) weist eine Auswertung der gesammelten Daten auf den ersten Blick auf einen vergleichsweise hohen Anteil an Steuerungsdokumenten hin. Dieser erklärt sich dadurch, dass es sich beim beobachteten Projekt um ein verteiltes Projekt handelte, in dem das Projektteam an insgesamt fünf Standorten koordiniert wurde. Insgesamt erhält man ein Verhältnis von etwa 2,4 / 1 für Steuerung und Ergebnisse.

Bezogen auf das Verhältnis 2 / 1 bewegt sich das V-Modell hier also sehr dicht an Optimalwerten, obwohl durch das verteilte Projektmanagement und die verteilte Qualitätssicherung erhöhter Kommunikations- und Koordinationsaufwand entstand. Das V-Modell gestattet es einem Auftraggeber mit angemessenem Aufwand mit einem Auftragnehmer zu interagieren, Lieferungen zu spezifizieren und diese auch abzunehmen (Abbildung).

Zukünftige Entwicklungen des V-Modells

Nicht nur das WiBe-Projekt, sondern auch die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und Industriepartnern lieferten Ergebnisse, die unmittelbar in die Weiterentwicklung des V-Modell XT einflossen. So konnten Erfahrungen im Umgang mit den Steuerungsinstrumenten des V-Modells (Regelung, Verfahren etc.) auch in kritischen Projektsituationen gesammelt werden. Verteilt ablaufende Projekte konnten ausgewertet und Best Practices definiert werden (beispielsweise im Bereich QS-Verfahren). Technische Anforderungen der Anwender wurden ebenfalls in das V-Modell XT mit eingearbeitet, beispielsweise die Unterstützung von Multiprojektmanagement-Mechanismen oder Erweiterungen im Bereich Tooling und Anwenderunterstützung.

Insbesondere die Zusammenarbeit mit dem Versandhaus Witt-Weiden, dem IT-Amt der Bundeswehr und dem ZIVIT (Zentrum für Informationsverarbeitung und Informationstechnik) brachten die Bestrebungen für die organisationsspezifischen Anpassungen des V-Modells XT weit voran. Weiterhin stehen auch die bereits initial implementierten Zertifizierungs- und das geplante Akkreditierungsprogramm in Kürze der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung. Diese Programme haben zum Ziel, eine qualitativ hochwertige Weiterentwicklung des V-Modells zu sichern. Realisiert werden soll dies einerseits durch Personenzertifikate, die die Exzellenz der Anwender sicherstellen, andererseits durch Organisationszertifikate, die dafür sorgen, dass sowohl angepasste Prozesse als auch Projekte den Konzepten des V-Modells entsprechen. Akkreditierungsverfahren gewährleisten darüber hinaus, dass nur streng geprüfte Unternehmen zu V-Modell-XT-Zertifikaten führen dürfen.

Kontinuierliche Pflege

Der etablierte Weiterentwicklungsprozess und die aufgelegten Exzellenzprogramme stellen den Status des V-Modell XT als Produkt deutlich heraus. Als Produkt weist das V-Modell eine hohe Integration von Werkzeugen, Schulungsmaterial mit Beispielen sowie Anwenderunterstützung und Dokumentation auf. Der Weiterentwicklungsprozess stellt dabei eine kontinuierliche Pflege sicher.

Anwender haben jetzt schon die Möglichkeit, direkten Kontakt zu den Entwicklern zu suchen. Auch in Zukunft wird es somit immer aktuelle Versionen des V-Modells geben. Dabei ist jedoch abzusehen, dass zunehmend organisations- oder behördenspezifische V-Modell-XT-Derivate zum Einsatz kommen, die konkrete Anforderungen sehr spezifisch adressieren.

(ID:2007091)