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Weitere Forschung notwendig Sprachbarriere per Video überbrücken

| Redakteur: Ira Zahorsky

Von November 2015 bis Juni 2016 lief das Projekt „Flüchtlinge verstehen“ auf der Plattform arztkonsultation.de. Nun sind die Ergebnisse da.

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Wie lässt sich die Sprachbarriere zwischen einem Arzt und seinem Patienten mit Migrationshintergrund am besten überwinden?
Wie lässt sich die Sprachbarriere zwischen einem Arzt und seinem Patienten mit Migrationshintergrund am besten überwinden?
(Bild: Pixabay/geralt)

Die Sprachbarriere stellt das Gesundheitssystem bei der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen vor neue Herausforderungen Beim Pilotprojekt „Flüchtlinge verstehen“ konnten Ärzte kostenfrei Dolmetscher beim Behandlungsgespräch hinzuziehen – per Videokonferenz über das Internet.

Folgende Ergebnisse konnte die Projekt-umsetzende Plattform arztkonsultation.de gemeinsam mit der Projekt-begleitenden Bertelsmann Stiftung evaluieren:

  • 1. Der Ansatz „Video-Dolmetscher“ ist grundsätzlich geeignet, existierende Lücken in der Sprachmittlung durch fehlende Präsenzdolmetscher zu schließen. Die Dolmetscher können ortsunabhängig und im Grundsatz „voraussetzungsarm“ (bestehende Internetverbindung, Kamera-Funktion) eingesetzt werden.
  • 2. Sprachbarrieren sind de facto eine Herausforderung in der Behandlung von Menschen mit Migrationshintergrund – sowohl für Ärzte und andere Leistungserbringer  als auch für die Patienten selbst. Es braucht mehr Grundlagenforschung zur Dimension der Herausforderung und zu den Auswirkungen fehlender Sprachmittlung auf die Qualität der Behandlung, um die Notwendigkeit eines (Video-)Dolmetschereinsatzes in der Fläche einschätzen zu können. Dabei sollte auch geklärt werden, in welchen Behandlungssettings und bei welchen Indikationen eine professionelle Sprachmittlung insbesondere von Nöten ist. 
  • 3. Ärzte (ambulant wie stationär) suchen grundsätzlich nach niedrigschwelligen Lösungen für die Sprachmittlung. Dabei steht zunächst die bloße, oft kurzfristige, Notwendigkeit der Übersetzung im Vordergrund, nicht primär die Qualität der Übersetzung oder der Kanal. Entsprechend werden in der Behandlungssituation anwesende Laiendolmetscher (z. B. Verwandte, Freunde) häufig gegenüber dem Einsatz von „technischen Lösungen“ wie der Übersetzung per Telefon oder Video durch professionelle Dritte bevorzugt – auch wenn die Ärzte diesen Angeboten grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber stehen. Video-Dolmetscher müssten auch kurzfristig, also ohne längeren Vorlauf verfügbar sein, um der Realität der Behandlungssituation gerecht zu werden.
  • 4. Der überwiegende Teil der Ärzte steht dem Kanal „Video“ noch skeptisch gegenüber und bevorzugt die Übersetzung per Telefon. Ursächlich sind allgemeine Bedenken in Bezug auf Datensicherheit, die teils fehlende technische Ausstattung in den Praxen oder Kliniken (keine Kamera-Funktion) und der gewohntere Umgang mit dem Kanal „Telefon“. Um einen Einsatz in der Breite zu fördern, müsste sich die konkrete technische Anwendung einfach in den Praxisalltag bzw. die Abläufe im Versorgungsalltag integrieren lassen. Technische Hürden sind weitestgehend zu reduzieren.
  • 5. Angebote für digitale Dolmetscher-Dienste müssen flexibel ausgestaltet sein und die Sprachmittlung sowohl per Video als auch nur mit Ton zulassen. Der Kanal ist jeweils individuell auf Kontexte und Patientenpräferenzen abzustimmen.
  • 6. Die Finanzierung einer Video-Dolmetscher-Leistung ist Grundlage für die breite Akzeptanz auf Seiten der Ärzte und Einrichtungen. Wie diese langfristig gewährleistet wird, ist abhängig von weiteren Ergebnissen der Versorgungsforschung politisch zu entscheiden.

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