Mebis, HPI-Cloud oder Co. „Schulen in ärmeren Kommunen haben das Nachsehen“

Von Natalie Ziebolz

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Die Bildungsanbieter kritisieren die staatlichen Plattform-Lösungen für Schulen, die Ministerien halten dagegen. Zwischendrin: Schulen, die bei der Wahl oft nicht nur ihre Schüler im Blick haben müssen, sondern auch ihre finanzielle Situation.

Im Bezug auf die Schulplattformen ist ein (Wett-)Streit zwischen Wirtschaftsunternehmen und den Ministerien entbrannt
Im Bezug auf die Schulplattformen ist ein (Wett-)Streit zwischen Wirtschaftsunternehmen und den Ministerien entbrannt
(© Robert Kneschke – stock.adobe.com )

Vor der Pandemie wurden sie kaum beachtet, mittlerweile sind die Bildungsplattformen jedoch in den Schulen angekommen. Ob Logineo-NRW, die BayernCloud Schule inklusive Mebis oder privatwirtschaftliche Angebote wie IServ – obwohl die Lösungen unterschiedlich aufgebaut sind und verschiedene Funktionalität bieten, verfolgen sie doch ein Ziel: digital gestützten (Distanz-)Unterricht und eine effiziente Planung des Schulalltags.

Staatliche versus privatwirtschaftliche Lösungen

Dass die Länder die Entwicklung eigener Plattformen vorantreiben, stößt jedoch auf Kritik beim Didacta Verband. Die „Monopolangebote“ würden der pädagogischen Praxis nicht gerecht werden, es fehle am Leistungsumfang und technischem Support. Eine übergeordnete staatliche Lösung könne auch nicht die Diversität sowie die komplexen Anforderungen der Schulen abbilden. „Wir sind fest davon überzeugt, dass nur durch Wettbewerb Innovation entsteht“, konkretisiert IServ-Geschäftsführer Jörg Ludwig. „Wenn jetzt der Staat oder die Länder eine zentrale Lösung für alle Schulen entwickeln und diese von oben durchdrücken, wird es nie ein gutes Produkt geben.“

Aus Sicht der Bildungswirtschaft sollten Bund und Länder besser geeignete ordnungspolitische Rahmenbedingungen schaffen. Die Entwicklung, Programmierung und Betreuung der IT-Angebote sollte die Politik denen überlassen, die hier über die nötige Expertise verfügen und die seit Jahren mit etablierten Lösungen erfolgreich die Schulen unterstützen.

Die zuständigen Staatsministerien betonen, dass es den Schulen freisteht, welche Lösung sie nutzen. „Die hierfür nach dem Wettbewerbsgedanken durchzuführenden erforderlichen Vergabeverfahren stellen die Beteiligung privater Unternehmen sicher“, heißt es etwa aus dem bayrischen Kultusministerium. Das zeigt sich auch am Augsburger Holbein Gymnasium. Dort arbeiten Lehrkräfte und Schüler aktuell mit Microsoft Teams. Bedenken bezüglich des Datenschutzes hat Systemadministrator und Oberstudienrat Christoph Seifert dabei nicht: „Das ist etwas, das häufig missverstanden wird. Wir müssen differenzieren zwischen den verschiedenen Versionen von Teams. Wir nutzen in der Schule den sogenannten A-Client, also die Academic-Version.“ Die Datenschutzerklärung sei hier zusammen mit der EU-Datenschutzkommission entwickelt worden. Die Daten lägen daher in deutschen Rechenzentren betrieben durch die Telekom. „Klasse Vier Rechenzentren, höchste Sicherheitsstufe, unabhängige Audits, verschlüsselte Übertragung, verschlüsselte Speicherung. Mehr physische und Ausfallsicherheit ist sehr schwer zu realisieren.“

Ob man auf diese Aussage vertrauen kann, wagt ein anderer Gymnasiallehrer und Systemadministrator, der nicht namentlich genannt werden möchte und daher im Folgenden als L. Müller bezeichnet wird, zu bezweifeln. „Ich bin was Schule angeht – und auch generell – Verfechter von Open Source. Wenn ich Daten anvertraut bekomme, dann muss ich dafür sorgen können, dass ich weiß, was mit ihnen passiert.“

Auf Open Source setzen auch einige Bundesländer: „Gegenüber bestehenden, kommerziellen digitalen Bildungslösungen am Markt zeichnet sich die Schul-Cloud Brandenburg unter anderem durch die konsequente Nutzung von Open-Source-Lösungen, die durchgängige nutzerzentrierte Entwicklung, ihren strikt modularen Aufbau sowie die EU-DSGVO/Datenschutz-konformität durch Privacy by Design aus“, so das Brandenburgische Bildungsministerium. Auch in NRW setzt man auf Open Source. So könnten einerseits Kosten eingespart und andererseits individuelle Bedürfnisse von Schulen berücksichtigt werden.

Im Sinne der Lehrer, oder nicht?

Überhaupt scheinen den Ministerien die Wünsche von Schulen und Lehrern wichtig zu sein. Auch aus Bayern heißt es, „bei der Entwicklung werden die relevanten Nutzergruppen aus der Schulfamilie und die Sachaufwandsträger von Anfang miteinbezogen. „Das sagen sie nach außen immer“, kontert Ludwig. „Ich habe mit vielen Lehrkräften gesprochen und die sagen, es sei eine Katastrophe, man höre überhaupt nicht auf sie und die Anforderungen ihrer Schulen.“

Doch zumindest in Brandenburg treffen nicht alle Argumente auch taube Ohren: „Eine schulspezifische Anpassung war zunächst nicht vorgesehen“, so ein Sprecher der Kultusministeriums in Brandenburg. Man überprüfe jedoch aktuell die Möglichkeit, die Schulcloud „als eigenständige Designs zu konzipieren und auszuspielen“. „Diese Initiative reagiert auf die gewachsenen Anforderungen der unterschiedlichen Schulformen, die sich mit zunehmender Nutzung erweitert haben und spezifischer geworden sind.“

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Auch Müller kann die Kritik an den staatlichen Lösungen nicht immer verstehen. So weist er in Bezug auf die Abstürze von Mebis zu Beginn der Pandemie darauf hin, dass die Plattform nie für den digitalen Ersatzunterricht gedacht war. „Außerdem hat das Kultusministerium Mebis sehr schnell verbessert und mittlerweile läuft die Plattform zuverlässig. Das hätte ein kleines Unternehmen aus der Privatwirtschaft auch nicht schneller hinbekommen.“

Auch am Umfang der Lösung gibt es wenig zu meckern: „Mebis bietet unglaublich viel Funktionalität“, gibt Seifert zu. Die Plattform sei allerdings sehr unhandlich in der Handhabung. „Da hätte man viel stärker an der Benutzerfreundlichkeit arbeiten müssen.“ Lediglich auf die Industrielösungen zurückzugreifen ist in seinen Augen auch problematisch – „aus Datenschutzgründen und da sie von der Idee der Nutzung oftmals nicht auf das Schulumfeld abgestimmt sind.“ Beim Ansatz der Kultusministerien etwas komplett eigenes zu entwickeln, würden Ressourcen jedoch auch nicht mit maximaler Effizienz eingesetzt. „Da müsste mehr Kommunikation und Miteinander her. Dann kann man eine Lösung finden, die für beide Seiten durchaus auch gewinnbringend sein kann.“

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