Drum prüfe ... Proprietäre Software versus OSS in den Öffentlichen Verwaltungen

Autor / Redakteur: Hadi Stiel / Gerald Viola

Nicht nur in der freien Wirtschaft, auch in der Öffentlichen Verwaltung herrscht Krisenstimmung. Die stark steigenden Staatsschulden drohen in beiden Bereichen die Finanzierungs- und Handlungsspielräume einzuengen. Das gilt auch für dringend notwendige IT-Investitionen in den modernen Staat.

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Der Pinguin zieht auf die Wolke
Der Pinguin zieht auf die Wolke
( Archiv: Vogel Business Media )

Für Jan Wildeboer, EMEA-Evangelist bei Red Hat in Deutschland, steht außer Frage: „Von der Wahl der Software wird es abhängen, ob die erforderlichen IT-Investitionen im öffentlichen Bereich in den nächsten Jahren werden umgesetzt werden können oder nicht.“ Angesichts der defizitären Ausgangslage in Bund, Ländern und Kommunen sieht er Open Source Software (OSS) eindeutig im Kommen.

Nach Ihrer Einschätzung sind die Weichen für einen umfangreicheren Einsatz von OSS gestellt. Was macht Sie so sicher?

Wildeboer: Die Wirtschaftskrise führt zu weiteren Konzentrationsprozessen im IT-Markt. Die Großen des Softwaresektors haben die Krise dazu genutzt, Konkurrenten zu kaufen oder zu verdrängen. Dadurch werden sie künftig die proprietäre Machart ihrer Software noch stärker dazu einsetzen, ihre Kunden über den kompletten Softwarelebenszyklus, sogar darüber hinaus bei der Weiterentwicklung der Verwaltungs-IT, zu binden. Eine stärkere Hersteller- und Produktbindung würde auch für die Öffentliche Verwaltung mangels Wettbewerb zwangsläufig höhere Software-, Integrations-, Support- und Servicepreise zur Folge haben. Und das bei geringeren IT-Etats, mit denen in den nächsten Jahren der Bund, die Länder und die Kommunen aus Sparzwängen konfrontiert sein werden.

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Sie sprechen auch von künftig steigenden Servicepreisen zulasten der Öffentlichen Verwaltung als mögliche Konsequenz der laufenden Konzentrationsprozesse?

Wildeboer: Ja. Die meisten der Service Provider haben sich auf die Seite der ganz großen Softwarehersteller geschlagen. Das geht soweit, dass ein Provider für seine Dienste ausschließlich nur die Applikationsplattform eines bestimmten Herstellers einsetzen darf. So setzt sich der Produktzwang über das Angebot der Service Provider fort. Und das in Zeiten von Softwarearchitekturen über die komplette IT. Höhere Servicepreise für die Anwender sind dadurch, sobald der Markt wieder anläuft, förmlich abzusehen.

Für Behörden und Behörden-Rechenzentren, die im IT-Outsourcing noch eine kostensparende Alternative zum IT-Eigenbetrieb sehen, könnten somit die anvisierten Einsparungen immer knapper ausfallen, komplett entfallen oder sich über die Zeit sogar ins Gegenteil verkehren. Ich sehe außerdem für die Anwender über solche proprietären Services eine gefährliche Rückkopplung bis tief in die eigene IT hinein.

Können Sie näher darauf eingehen?

Wildeboer: Im Plan sind im Öffentlichen Dienst durchgehende Verwaltungs- und Kommunikationsprozesse. Das setzt voraus, dass die IT-Teile, die im eigenen Haus verbleiben, architektonisch mit denen, die ausgelagert werden sollen, harmonieren müssen. Über proprietäres Outsourcing könnten somit Zwänge auf die Verwaltungs-IT ausgehen, sich im eigenen Prozessinteresse strikt an die Softwarevorgaben des Service Providers – dahinter die betreffenden Hersteller – halten zu müssen.

Tritt dies ein, würde sich die Hersteller- und Produktbindung sozusagen gegenseitig hochschaukeln und sich dadurch für die Anwender noch verschärfen. Die Zeche müssten die Behörden in Form allmählich steigender Produkt- und Servicepreise zahlen. Sie würden sich von beidem, der eingesetzten Software und den Service Providern, auf Dauer immer abhängiger machen. Eine solche Entwicklung kann weder im langfristigen Interesse der Behörden und ihrer IT, noch im Interesse der Steuerzahler sein.

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Ein moderner Staat soll darauf aufbauen, dass Behörden untereinander – sogar länderübergreifend – ihre Prozesse und ihren Informationsaustausch abwickeln. Würden sich nicht in diesen Konstellationen über proprietäre Softwarearchitekturen die Produkt- und Preisbindungen noch weiter verstärken?

Wildeboer: Ja, genau das könnte passieren. Die Datenhaltung, Verarbeitung und Weitergabe dieser Offerten basiert durchgehend auf proprietären Formaten, Schnittstellen, Protokollen und Funktionen. Dadurch würde sich über diese herstellerspezifischen Ansätze die Abhängigkeit zwangsläufig über den gesamten Verbund erstrecken. Das mag im Interesse weniger großer Softwareanbieter sein. Das dürfte aber kaum im Kauf-, Projekt-, Betriebs-, Support- und Weiterentwicklungsinteresse der Behörden innerhalb eines modernen Staats liegen.

Deshalb versuchen die Software Player und in ihrem Sog die Service Provider die für ihre Kunden schwelenden Gefahren unter die Decke zu kehren, indem sie die proprietäre Software- und Servicemachart zu Standards erklären.

Was steckt hinter solchen Standardversprechen?

Wildeboer: Der Wunsch, dass die eigene propagierte Software und die eigenen angebotenen Services sich in den Unternehmen und Behörden als Betriebsstandards etablieren mögen. Mit echten Standards haben diese Offerten nichts zu tun. Dazu müssten sie sich in voller Breite als interoperabel gegenüber den Produkten und Services anderer Hersteller und Anbieter erweisen. Stattdessen endet ihre Interoperabilität spätestens an den Grenzen enger Partnerschaften.

Was die mangelnde Interoperabilität für das hohe Ziel „behörden- und landesübergreifender Verwaltungs- und Kommunikationsprozesse“ bedeutet, mag jeder Verantwortliche in der Öffentlichen Verwaltung selbst entscheiden:

  • Entweder sie führt zu einer Produkt- und Servicebindung über den gesamten Aktionsradius.
  • Oder die Behörden lassen sich auf einen mangelnden, kostspieligen und risikobehafteten Ausbau der IT ein, weil für andere Systeme und Services die notwendige Interoperablität zu kurz kommt.?

Die Interoperabilität liegt nicht im strategischen Geschäftsinteresse der großen Softwareanbieter. Sie sind, begünstigt durch die Wirtschaftskrise, auf eine Forcierung der Kunden- und Preisbindung aus.

Und die Service Provider ebenso wie viele Beratungshäuser, Integratoren und Dienstleister? Sie unterwerfen sich mehr und mehr solchen Kundenbindungsstrategien, weil sie sich in Krisenzeiten mit den ganz Großen der Softwarebranche in einem stabileren Geschäft wähnen. Eine trügerische Hoffnung: Auch sie werden sich mit der Zeit noch stärker von den Software Playern und ihren Vermarktungsstrategien und Preisbildungen abhängig machen. Also wird den Beratern, Integratoren und Dienstleistern nichts anderes übrig bleiben, als später ihrerseits die höheren Kosten an ihre Kunden durchzureichen. Das würden dann die Kunden über den gesamten Software- und Servicelebenszyklus zu spüren bekommen.

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Was also tun?

Wildeboer: Ein Ausweg aus diesem Dilemma kann für die Entscheider nur sein, auf eine offene, transparente Produktstrategie und ebenso offene, standardkonforme und interoperable Programme zu pochen. So gibt Red Hat gemäß den Grundsätzen der Open-Source-Software-Transparenz Einblick in seine Pläne. Die Behörden können so die weiteren IT-Entwicklungen genau abschätzen. Sie sind dadurch vor unliebsamen Überraschungen, sowohl technischer als auch kaufmännischer Natur, gefeit. Gefeit vor Interoperabilitätsproblemen mit anderen Softwareprodukten aus der Open Source Community sind die Behörden ohnehin. Der Grund: Sie basieren alle auf tatsächlichen, offenen Standards.

... mit welchen Auswirkungen für die Behörden?

Wildeboer: Offene, echte Standards wirken sich zugunsten der Behörden über den gesamten Lebenszyklus bis hin zur Weiterentwicklung ihrer Software aus. Dauerhafte Einsparungen durch niedrigere Anschaffungskosten sowie geringere Planungs-, Integrations-, Betriebs-, Support- und Weiterentwicklungsaufwände sind die Folge. Das gilt für den IT-Eigenbetrieb wie im Verbund mit Service Providern über deren Cloud. Diese standardkonforme Offenheit und Interoperabilität macht OSS selbst für einen behörden- und landesübergreifenden IT-Einsatz ohne Barrieren hoch skalierfähig. Offen heißt auch, die Anwender im Behördenbereich können, anders als bei lizenzierter Software aus der proprietären Herstellerecke, Einblick in den Source Code nehmen. Sie können ihn also jederzeit bei Bedarf flexibel den technischen Erfordernissen anpassen.

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Wie wichtig ist für eine solche offene, standardkonforme Softwarearchitektur das Server-Betriebssystem?

Wildeboer: Offenheit beginnt beim Server-Betriebssystem. Oder sie endet, wie im Fall proprietärer Konzepte, schon hier. Mit Red Hat Enterprise Linux, beispielsweise, steht eine zertifizierte Plattform zur Verfügung:

  • auf der Tausende zertifizierte Anwendungen laufen, ob stand-alone, im virtuellen Verbund oder in Verbindung mit Cloud Computing,
  • eine große Auswahl an Hardware unterschiedlicher Hersteller zum Einsatz kommen kann
  • und Software Deployment, ob intern oder extern, ohne großen Aufwand über die Bühne geht.

Bei Konzepten, die schon auf Server-Ebene auf Kundenbindung abzielen, müssen Offenheit und Interoperabilität im großen Maßstab, also innerhalb der Software-Architektur sowie im Verbund mit anderen, auf der Strecke bleiben.

Wenn ein Softwarehersteller über 50 Prozent seiner Geschäfte mit betriebsnaher Software generiert, werden die Behörden kaum von einer Lockerung der Produktbindungs- und Kundenbindungsstrategie ausgehen können.

Die Öffentliche Verwaltung hat also ihre Geschicke und Kosten beim Ausbau ihrer IT selbst in der Hand?

Wildeboer: Wortwörtlich. Hier sollten die Entscheider im eigenen Kosteninteresse bei der proprietären Software versus OSS die Probe aufs Exempel machen. Das heißt für sie, sich mit Weitblick zu entscheiden, anstatt sich mit kurzfristigen, produktbindenden Lockangeboten von Herstellern oder Service Providern ködern zu lassen. Nur unter dieser Voraussetzung wird die Verwaltung in Zeiten knapper Kassen einem dicken Kostenende wirkungsvoll entgegenwirken können, um notwendige Investitionen und Aufwände für einen modernen Staat überhaupt nachhaltig stemmen zu können.

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