Do It Yourself

Ortschaft in Brandenburg genießt IoT

| Autor / Redakteur: Dagmar Möller* / Sebastian Human

50 Kilometer westlich von Berlin, umgeben von Äckern und Wäldern, liegt die unscheinbare Stadt Friesack. Doch dort gibt es jetzt IoT.
50 Kilometer westlich von Berlin, umgeben von Äckern und Wäldern, liegt die unscheinbare Stadt Friesack. Doch dort gibt es jetzt IoT. (Bild: Christoph Köpernick)

Während in der Nachbargemeinde noch darüber diskutiert wird, ob LTE ausgebaut wird, ist man in Friesack zwei Schritte weiter. Statt mit Telekom oder Politik zu streiten, werden hier Fakten geschaffen. Ein Bürger stellt einen Funkmast auf und versorgt damit die ca. 2.500 Einwohner mit dem Internet der Dinge. Und das ganz legal.

Den umtriebigen Innovator Christoph Köpernick hat es vor knapp zwei Jahren aus Berlin ins ländliche Brandenburg, in die kleine Stadt Friesack im Herzen des Havellandes, verschlagen. Während der 34-Jährige die saubere Luft, die reiche Natur und die warmherzigen Menschen schätzt, fehlen ihm moderne Technologien, innovative Ideen und die Startup-Kultur. Statt zu warten, um Erlaubnis zu bitten oder Fördergelder zu beantragen, nahm er 400 Euro aus seinem Sparschwein und kaufte eine kleine Box.

Dieser Kniff soll die Stadt smarter machen und Startups anlocken

Die kleine Box hat er aufgestellt und mit dem Internet verbunden. Ähnlich einem WLAN-Router erschließt er damit nun einen Radius von ca. 4 Kilometern und funkt damit im genehmigungsfreien ISM-Band auf 868 MHz. „Das ist legal und bedarf keiner Erlaubnis“ betont Köpernick.

Das lizenzfreie ISM-Band kann für Geräte in Industrie, Wissenschaft, Medizin, in häuslichen und ähnlichen Bereichen genutzt werden.

Ab sofort können sich in Friesack kompatible Geräte für das Internet der Dinge mit dem öffentlichen IoT-Hotspot verbinden.

Sigfox-Netzabdeckung vorher
Sigfox-Netzabdeckung vorher (Bild: Alexander Schwichtenberg)

Dazu gehören beispielsweise intelligente Rauchmelder in Häusern, batteriebetriebene Peilsender in der Logistik oder Wettersensoren der Landwirtschaft. Mit diesem Kniff wurde für Friesack, praktisch über Nacht, jene Infrastruktur geschaffen, die hilft die Stadt smarter zu machen, Innovation zu fördern und Startups anzuziehen.

Technologie löst typische Probleme beim Netzausbau

Sigfox-Netzabdeckung nachher
Sigfox-Netzabdeckung nachher (Bild: Alexander Schwichtenberg)

Die Technologie dahinter kommt von Sigfox. Das französische Unternehmen baut ein weltweites IoT-Netz auf. Dabei sind die europäischen Ballungsgebiete, Japan und Südafrika nahezu lückenlos durch eigene Antennen des Unternehmens versorgt. Ländliche Regionen zu versorgen ist, wie für viele Netzbetreiber, nicht immer wirtschaftlich. Um dieses Hindernis zu umgehen, bietet die Firma die Möglichkeit, selbst eine Antenne aufzustellen und damit das öffentliche Netz zu erweitern.

Die notwendige Hardware gibt es in Form einer kleinen Box für 400 Euro zu kaufen. Der Betreiber muss nur einen geeigneten Standort finden, sowie die Box mit dem Internet und dem Stromnetz verbinden. „Die Access Station Micro bietet dort, wo wir heute noch keine Abdeckung haben eine schnelle und einfache Lösung zur Anbindung an das Sigfox IoT Netzwerk“ so Stefan Huber von Sigfox Germany.

Hat man also selbst, beispielsweise im Unternehmen, einen Anwendungsfall für IoT, jedoch keinen Empfang, so kann schnell und günstig das Netz dafür erweitert werden. Im Gegensatz dazu stehen Interessenten von Breitbandinternet in unterversorgten Gebieten vor einem Dilemma: Entweder dürfen sie aus lizenzrechtlichen Gründen nicht selbst aktiv werden oder werden mit mehreren tausend Euro an den Tiefbaukosten beteiligt.

Mehr Nutzer führen zu höherem Nutzen für alle Nutzer

Köpernick, gleichzeitig nebenberuflicher Dozent für Innovation und Entrepreneurship an der Steinbeis Universität, erklärt das unternehmerische Prinzip dahinter: „Wechselhürden hin zur eigenen Technologie zu senken und die Reichweite zu steigern liegen im Bestreben jedes Unternehmens.

Damit sollen mehr Kunden erreicht und ein größerer Markt geschaffen werden. Doch auch die Kunden haben etwas davon: Je mehr Nutzer ein System nutzen, desto höher ist der Nutzen für alle Nutzer – das nennen wir in der Wirtschaftslehre den Netzwerkeffekt. Beispielsweise durch ein breiteres Angebot von kompatiblen Geräten und einer Vielzahl von Dienstleistungen.“

Die Vorgehensweise sei beispielhaft für moderne Ansätze in Unternehmen, führt der Akademiker weiter aus: „Sich als Unternehmen bewusst nach außen zu öffnen und anderen zu erlauben das Netz zu erweitern kann als eine Form von Crowdsourcing betrachtet werden. Mit dieser Demembranisierung wird gleichzeitig Innovation zum Wohle aller Akteure gefördert. Zudem sind dezentral aufgestellte Unternehmen robuster.“.

Die Bürger sind noch skeptisch und haben andere Sorgen

Eine kurze Umfrage vor dem Aldi-Supermarkt in Friesack bestätigt einen Verdacht: 6 von 8 Befragten kennen die Begriffe Internet der Dinge, Internet of Things oder die Abkürzung IoT nicht, oder könnten sich nicht daran erinnern.

6 von 8 Bürgern kennen IoT nicht
6 von 8 Bürgern kennen IoT nicht (Bild: Christoph Köpernick)

Zwei meinten den Begriff vorher schon gehört zu haben, wovon einer (ein Logistiker) zugleich grob erklären konnte, dass dort beispielsweise Fahrzeuge miteinander über Funk vernetzt werden. Nach einer kurzen Erklärung der Technologie und möglicher Anwendungsfälle wurde gefragt, ob das Internet der Dinge für die Befragten persönlich spannend oder nützlich sein könnte.

Die Antworten lassen sich mit „brauche ich nicht“, „mit Technik kenne ich mich nicht so aus“ und „vielleicht ist das etwas für meinen Chef“ zusammenfassen. Auch wenn diese Umfrage nicht repräsentativ war, lässt sie die Vermutung zu, dass die Technologie und deren Möglichkeiten noch nicht die Mehrheit der Bevölkerung erreicht haben.

„Das ist nicht verwunderlich. Die Mehrheit der Bevölkerung, insbesondere in den havelländischen Dörfern, hat doch ganz andere Probleme: Zu wenig Arbeitsplätze für ausgebildete Fachkräfte, schlechtes Internet und verödete Ortschaften. Erst wenn diese Pains gelöst sind, wollen sich die Leute mit IoT beschäftigen“, stellt Patrick Ewald, zugezogener Friesacker und Produktmanager bei einem Berliner Innovationslabor, fest und ergänzt: „Doch vielleicht kann IoT genau dabei helfen: Neue Chancen für Fachkräfte, wirtschaftliche Entwicklung und mehr Wohlstand für alle.“

Bildung und Beispiele sollen helfen den Wohlstand auszubauen

Ewald und Köpernick haben sich mit vier weiteren Mitstreitern zusammengetan und wollen in der Region Technologie, Innovation und Wissen rund um moderne Methoden fördern.

Christoph Köpernick
Christoph Köpernick (Bild: Christoph Köpernick)

„Dazu haben wir das Innovation Hub Havelland, iHVL, ins Leben gerufen. Wir machen kleine Veranstaltungen um uns beispielsweise über das Internet der Dinge, Blockchain oder The Lean Startup auszutauschen, sowie Erfahrung und Wissen dazu zu verbreiten. Auch überlegen wir was wir tun können, damit die Region floriert. Der IoT-Hotspot ist dabei ein wichtiger Schritt“, so Köpernick.

Das iHVL lädt interessierte Bürger, Unternehmen und Schüler regelmäßig zu Veranstaltungen ein bei denen Anwendungsfälle gezeigt werden.

Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal Industry of Things.

* Dagmar Möller ist Mitglied des Innovation Hub Havelland (iHVL).

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