Spät, schnell und unbemerkt hat sich alles geändert Open-Source-Trends und Pläne in der IT der EU-Kommission

Autor / Redakteur: Ludger Schmitz / Ulrike Ostler

Sehr spät, nämlich erst 2003, haben die ersten Linux-Server Einzug in der IT der EU-Kommission gehalten. Inzwischen dominiert auf Servern quelloffene Software die IT-Landschaft auf die sich Europas Überregierung stützt. Und die weitere Vorgabe heißt: noch mehr Open Source.

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Das Berlaymont-Gebäude ist Sitz der EU-Kommission
Das Berlaymont-Gebäude ist Sitz der EU-Kommission
(Foto: finecki - Fotolia-com)

In den 90er Jahren konnte es der „Power-User“ schon mal erleben, dass der gewünschte Admin gerade „auf dem Ho-Chi-Min-Pfad“ unabkömmlich war. Er kümmerte sich dann garantiert um einen „Underground-Server“, wie die Kisten hießen, die unauffällig in irgendeiner Ecke mit Linux und irgendetwas liefen, was nicht offiziell zur IT gehörte, aber doch ganz toll und irgendwie wichtig war.

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Während sich damals kaum ein Anwender mit seiner neuen IT-Orientierung aus dem Fenster lehnen wollte, würde er heute nicht tief fallen, schon gar nicht für Schlagzeilen sorgen. Die IT-Guerilla ist salonfähig geworden. Nach einem schleichenden Prozess gehören Linux und Open Source inzwischen überall ganz selbstverständlich dazu.

Die IT der Europäischen Kommission ist ein typisches Beispiel für diese Veränderung. Untypisch ist allenfalls, dass dort – jedenfalls nach den offiziellen Angaben von heute – sehr spät diese Entwicklung einsetzte. Dafür geschah danach alles um so plötzlicher.

Einst von den Big Names der IT beherrscht

Zur Jahrtausendwende war die IT der EU-Kommission noch eine rein proprietäre Welt, geprägt vor allem von Solaris, Oracle und ganz viel Microsoft. Erst 2003 hielten Server mit Linux und dem Apache-Webserver Einzug. Gleichzeitig entstanden die ersten Wikis, Foren und ein Content Management System auf Open-Source-Basis. Das sind jedenfalls die offiziellen Angaben, kürzlich von Pierre Damas, einem Bereichsleiter beim Directorate General for IT (DIGIT), bei einem Workshop vorgetragen.

Die auffälligsten Änderungen der nächsten Jahre bestanden in der zunehmenden Nutzung von Open-Source auf Servern. Bis 2007 betraf das Application Server sowie für die Softwareentwicklung Eclipse und Libraries. 2010 waren Tomcat, MySQL und Apache hinzugekommen. Außerdem hatten die Programmierer der Brüsseler Europa-Behörde erste selbstgeschriebene Anwendungen als Open Source freigegeben.

Auf Desktops kein Linux, aber Open-Source-Anwendungen zur Wahl

Gleichzeitig markiert 2010 das Jahr, in dem mit Firefox die erste Open-Source-Anwendung auf den Desktops ankam. Bis heute sind darauf die Alternative Chrome, das (De-)Kompressionsprogramm 7-zip, der VLC Mediaplayer und das Bildbearbeitungs-Tool Gimp für Arbeitsplatzrechner gefolgt.

Die Open-Source-Orientierung in Sachen Desktops war also sehr verhalten. Zwar hatte man 2005 in einem Pilotprojekt die grundsätzliche Möglichkeit von Linux-Desktops nachgewiesen. Aber von diesem Projekt wurde wieder Abstand genommen, weil das DIGIT die Kosten einer Remigration im Fall eines Scheiterns als zu hoch einschätzte.

Die bisherige Entwicklung, so IT-Manager Damas, habe sich weitgehend ohne formale Vorgaben vollzogen. Allerdings habe sich alsbald die Grundregel ergeben, „dass Open Source und proprietäre Software gleichartig beurteilt werden“. Faktisch favorisierten die EU-Programmierer für die In-house-Entwicklung Open-Source-Tools. Dadurch sei Open Source zu einer Art „Default“-Einstellung in der IT geworden.

Die bisher eher formlose Herangehensweise möchte die IT-Abteilung der EU-Kommission nun auch formal festlegen. Nach einem Entwurf von Damas werden bei der Beschaffung proprietäre und Open-Source-Anwendungen gleichberechtigt nach dem Prinzip „Value for money“ bewertet.

In eine Kaufentscheidung sollen als wesentliche Kriterien die Implementierung von „anerkannten, gut dokumentierten und vorzugsweise offenen Standards“ einfließen.

Mehr Open Source nehmen und geben

Für die interne Entwicklung soll ein Rechtsrahmen festlegen, unter welchen Bedingungen Programmierer Open-Source-Code verwenden und wie sie in Projekten mitarbeiten sowie ihre Programme veröffentlichen dürfen.

Dieser Punkt ist vor allem deshalb wichtig, weil die Spezialisten vom DIGIT künftig andere EU-Institutionen und nationale Regierungen in puncto Öffnung der IT, eGovernment und Open-Source-Anwendung beraten und praktisch mit Software unterstützen sollen.

Zur hausinternen Open-Source-Zukunft ließ Damas erkennen, dass der Fokus vor allem auf quelloffenen Alternativen für Messaging und Groupware liegen wird. Bei Collaboration ist Drupal bereits als Website-Engine etabliert. Am Desktop gibt es erstaunlicherweise noch keine offizielle Positionierung zu LibreOffice beziehungsweise OpenOffice oder zu einer Adobe-PDF-Alternative wie Ghostscript.

Damas jedenfalls hielt sich trotz erkennbarer Neigung zu Open Source recht bedeckt. Er erklärte lediglich: „Wir sind uns der Änderungen des Umfeld bewusst.“

* Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in München.

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