Politik zwingt Öffentliche Verwaltung zur Transparenz Open Data Government in Neuseeland

Autor / Redakteur: Gerald Viola, eGovernment Computing / Gerald Viola

Neuseeland gilt bei den Experten schon lange als führende Nation im Bereich Open Data und Open Government. Die Bürger haben bereits heute Zugriff auf über 1.600 Datensätze der Öffentlichen Verwaltung. Doch jetzt hat die Regierung in Wellington noch eins draufgesetzt.

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Regierungsgebäude „Beehive“ in Wellington
Regierungsgebäude „Beehive“ in Wellington
( Foto: Heinz Hubler )

Das neuseeländische Kabinett hat das Programm „Open Government Data and Information“ mit der „Erklärung für eine offene und transparente Regierung“ (Declaration on Open and Transparent Government) erweitert. Damit werden die öffentlichen Stellen verpflichtet, ihre Daten leicht zugänglich zu machen - möglichst kostenlos und ohne Einschränkungen bei der Nutzung.

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Open Data für Wirtschaftswachstum und Umweltschutz

Während deutsche Behörden teilweise noch auf der exklusiven Nutzung „ihrer“ Daten bestehen, stellen die Politiker in Wellington fest:

„Die Regierung erhebt die Daten im Auftrag der neuseeländischen Öffentlichkeit. Wir veröffentlichen sie, damit Unternehmen und Öffentliche Verwaltung mit diesen Daten dazu beitragen,

  • Wirtschaftswachstum zu ermöglichen,
  • das soziale und kulturelle Gefüge unserer Gesellschaft zu stärken,
  • nachhaltig zum Umweltschutz beizutragen und
  • um wirtschaftliches und soziales Engagement bei staatlichen Entscheidungsprozessen zu fördern.“

Der Steuerzahler hat die Datensammlung finanziert

Des Weiteren soll durch Open Data Government erreicht werden, dass die Öffentliche Verwaltung durch die Beteiligung der Bürger und der Unternehmen ihre Dienstleistungen besser auf die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Kunden zuschneiden kann. Politische und wirtschaftliche Initiativen könnten in der Zusammenarbeit von zentralen, regionalen und lokalen Behörden besser aufeinander abgestimmt werden.

Das Kabinett weiter: „Durch die aktive Freigabe der vom Steuerzahler finanzierten Daten unterstützen wir Bildungs-, Forschungs- und wissenschaftliche Einrichtungen sowie die Öffentlichkeit, um auf der Basis vorhandener Daten neues Wissen zu erlangen und einzusetzen.“

Und dafür gibt es schon seit Langem einen regelrechten Daten-Supermarkt.

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Selbstbedienung im Daten-Supermarkt

Im Portal data.govt.nz hatten die Neuseeländer vor diesem Kabinettsbeschluss bereits Zugriff auf mehr als 1.600 nicht-personenbezogene Datensätze der Regierung.

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Der Leitgedanke: „Die Website konzentriert sich auf maschinenlesbare, also gut strukturierte und offene Datensätze.“ Es sei darüber hinaus klar, dass es sogenannte „graue“ Daten (zum Beispiel Webseiten) gebe, die auch von Entwicklern und andere Interessenten genutzt würden. Deshalb „arbeiten wir mit Agenturen zusammen, um die Datenformatierung zu verbessern.“

Open Data gibt es in nahezu allen Bereichen

Die öffentlich zugänglichen Datensätze gliedern sich in folgende Kategorien:

  • Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei,
  • Kunst und Kultur,
  • Gebäude, Bau- und Wohnungswesen,
  • Gewerbe, Handel und Industrie,
  • Bildung,
  • Beschäftigung,
  • Energie,
  • Umwelt- und Naturschutz,
  • Finanzen, Steuer- und Wirtschaftswissenschaften,
  • Gesundheit,
  • Infrastruktur,
  • Justiz,
  • Liegenschaften,
  • lokale und regionale Gebietskörperschaften,
  • Maori und Polynesien,
  • Migration,
  • Bevölkerung und Gesellschaft,
  • Wissenschaft und Forschung,
  • staatliche Leistungen,
  • Tourismus und
  • Transport.

Und die Regierung unterstützt das aktiv mit einem „Mashups“-Wettbewerb. Unter diesem Web-2.0-Begriff versteht man, dass Texte, Daten, Bilder, Töne oder Videos collagenartig neu kombiniert werden. Dabei nutzen die Mashups offene Programmierschnittstellen (APIs).

Beim Wettbewerb sucht die Regierung nicht nur Programmierer, die neue Apps zur Verfügung stellen, sondern bezieht auch Bürger ein, die eine Idee beisteuern, die wiederum von IT-Experten programmiert werden kann.

Ein paar Beispiele

  • Parks und Spielplätze für Kinder – wo sind sie, welche Ausrüstung haben sie, wie sehen sie aus? Eine App für Eltern, realisiert mit Flickr, den lokalen Parkdaten der Verwaltung und kommerziellen Websites.
  • Der Spendenprüfer: Eine Website oder eine mobile App mit dem Verzeichnis der Wohlfahrtsorganisationen. Verwendung: wenn ein Bürger wegen Spenden unterwegs oder an der Haustür angesprochen wird.
  • TripIt & Traffic: Eine App, die Fluggäste per SMS alarmiert, wenn auf dem Weg zum Flughafen Verkehrsstörungen auftreten, die eine frühere Abfahrt notwendig machen.
  • Freier Parkplatz: Immer mehr Städte in Neuseeland erheben in Echtzeit Daten von Parkplätzen. Wenn diese Daten zur Verfügung gestellt werden, könnte man per mobiler App Autofahrer zu freien Parkplätzen lotsen.

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„Maerker Brandenburg“ heißt in Neuseeland „FixMyStreet NZ“

Die Interaktionen zwischen Bürgern und den Öffentlichen Verwaltungen will in Neuseeland das Wiki Open.org.nz mit vorhandenen Web-Technologien verbessern. Mitmachen kann jeder. Die Grundvoraussetzungen für das Wiki werden dabei wie folgt definiert:

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  • Die Regierung kann informieren, beraten und durch das Internet bessere Dienstleistungen für den Bürger erbringen.
  • Die Bürger wiederum können die Dienste nutzen, prüfen und dazu beitragen die Bürgerservices zu verbessern.
  • Regierungen und Verwaltungen können besser zusammenarbeiten und Reibungsverluste mindern.
  • Bürgergruppen können direkt zusammenarbeiten und die Notwendigkeit von staatlichen Leistungen verringern.

Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Bedingungen verbessern

Die Wege, die das Wiki einschlagen will, sind klar definiert:

  • Führung und Sprachrohr der Open-Data-Bewegung sein,
  • Begriffe definieren und Inhalte in die Netzwerke bringen,
  • Apps verwalten und hosten.

Und ebenso klar werden die Ziele kommuniziert:

  • Die Wünsche der Bürger sollen klar und unmissverständlich gegenüber Verwaltung und Administration kommuniziert werden.
  • Dadurch sollen für die Bürger wirtschaftliche, soziale und kulturelle Bedingungen verbessert werden.
  • Die Arbeit der Öffentlichen Verwaltungen und der Politik soll dadurch effizienter und transparenter werden.

„Wir haben da ein Problem!“

Das Wiki stellt selbst verschiedene Informationen und Apps bereit: Beispielsweise den Service „FixMyStreet NZ“, der die gleichen Möglichkeiten bietet und die gleichen Ziele verfolgt, wie „Maerker Brandenburg“: „Maerker ist der Dienst, mit dem Brandenburgerinnen und Brandenburger ihrer Kommune bei der Aufgabenerfüllung helfen. Hier können Sie auf einfachem Weg Ihrer Kommune mitteilen, wo es ein Infrastrukturproblem gibt: Schlaglöcher zum Beispiel oder wilde Deponien, unnötige Barrieren für ältere oder behinderte Menschen.“

Unterschied: In Neuseeland werden Service und App nicht von der Verwaltung bereitgestellt, sondern von der Bürgerinitiative Open New Zealand Project.

Wo bleibt eigentlich mein Bus?

Ein weiteres Beispiel für die frühe Open-Data-Entwicklung in Neuseeland zeigt die iPhone-App einer lokalen Gruppe aus dem Jahr 2008, die MetroInfo. Die App aus Christchurch zeigte bereits vor drei Jahren den Fahrgästen, wo sich „ihr“ Bus gerade befindet und wann er an „ihrer“ Haltestelle eintreffen wird. Ein Projekte, das derzeit in ähnlicher Form von der Deutschen Bahn bei der S-Bahn in München im Testlauf ist.

Und die Freigabe der Verkehrskameras für mobile Devices, mit der Österreich im vergangenen Monat punktete, gibt es in Neuseeland längst ebenfalls kostenlos als TrafficCamNZ.

Auf diese und weitere Projekte verweist das Wiki in der Abteilung „Open Data Stories“. Hier stellen die Neuseeländer auch weitere internationale Open-Data-Seiten aus den USA, Großbritannien, Australien und Kanada vor.

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Open Data Government in rund drei Jahren auf die Beine gestellt

In dem Whitepaper „Plädoyer für eine Open-Government-Offensive in Deutschland“ (eGovernment Computing berichtete) hat BearingPoint auch die Entwicklung in Neuseeland beleuchtet und Bemerkenswertes in der Öffentlichen Verwaltung zutage gefördert. Dort spielten die Behörden eine Vorreiterrolle:

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„Auch in Neuseeland gibt es sowohl zivilgesellschaftliches als auch staatliches Engagement im Bereich Open Government. Im Juli 2009 wurde der nichtstaatliche Blog „Open New Zealand“ mit Newsdienst und Wiki eingerichtet. Der Blog unterstützt unter anderem einen Open-Data-Katalog, der Informationen über alle frei verfügbaren Daten zentral bereitstellt. Um hinter dieser zivilgesellschaftlichen Initiative nicht zurückzustehen, kündigte die Neuseeländische Regierung die Veröffentlichung eines eigenen Open-Data-Katalogs an.

Positive Impulse aus der Politik beschleunigen Open Data

Im August 2009 veröffentlichte und diskutierte die Regierung den Entwurf „Government Open Access and Licensing Framework” online. Inhaltliche Eckpunkte des Papiers sind Urheberrecht und Creative Commons in Zusammenhang mit Open Data, Kollaboration und die Rolle von Open Source. Einige Behörden veröffentlichten daraufhin erste Daten in Eigeninitiative.“

Zudem gab es sehr früh Unterstützung für Open Data Government in Neuseeland durch die Politik. Finanzminister Bill English sagte bereits 2009: Ich sehe keinen Grund, warum wir die Regierung nicht umkrempeln können. Das heißt, wir machen dieselben Daten und Informationen, die die Regierung hat, auch Gruppen und Bürgern außerhalb von Regierung und Verwaltung zugänglich.

Und Minister Maurice Williamson unterstrich: Wir wussten schon immer, dass Geoinformationen für unsere Wirtschaft maßgeblich sind. Jetzt haben wir belastbare Daten, die gesichert werden müssen. Eine der wichtigsten Herausforderungen ist dabei, der freie Zugang zu diesen Daten, sodass größere Produktivitätsgewinne erreicht werden können.

Der kleine Schritt zu Open Data Government total

Berührungsängste zwischen Bürgern, Öffentlichen Verwaltungen und Politik in Sachen Open Data gibt es in Neuseeland also offensichtlich nicht. 2010 wurde von der Regierung die entsprechende Roadmap veröffentlicht – unter dem klaren Motto: „Trendsetter für geringere Kosten und höhere Qualität öffentlicher Leistungen“.

Von diesem Schritt bis hin zur Verpflichtung der Behörden auf Open Data Government total bedurfte es in Neuseeland offenbar nur eines kleinen Schritts.

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