Auswärtiges Amt mit „Dual-Boot-Hybriden“ OB Ude schwört auf Linux und enthüllt peinliche Migrationsdetails im AA

Redakteur: Gerald Viola

„Rückkehr von LiMux zu Microsoft“ lautete der Antrag der CSU-Stadträtin von Ursula Sabathil. Die Antwort des Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude (SPD) war ein glattes Nein. Gleichzeitig enthüllte er aber peinliche Details aus der angeblich so erfolgreichen Linux-Migration des Auswärtigen Amtes (AA).

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Ude: Mit LiMux über fünf Millionen Euro gespart
Ude: Mit LiMux über fünf Millionen Euro gespart
( Archiv: Vogel Business Media )

Und das war der Wortlaut des Antrags der stellvertretenden CSU-Fraktionsvorsitzenden:

„Es wird geprüft, ob die Rückkehr von LiMux zu Microsoft auch für die Landeshauptstadt München von Vorteil wäre.

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Begründung: Wie man hört, ist das Auswärtige Amt (AA) von Linux zu Microsoft zurückgekehrt. Laut Bundesregierung konnte das .Sparpotenzial auf Grund der tatsächlichen Marktentwicklung im Software-Bereich nur in geringem Umfang ausgeschöpft werden.

Auch in München gibt es kontinuierlich und verlässlich Schwierigkeiten mit LiMux, wie man sowohl aus dem Stadtrat, wie aber auch und vor allem aus der Verwaltung vernehmen kann. Mal kann man als LiMux-Besitzer andere Anhänge nicht öffnen, mal können Nicht-LiMux-Besitzer die LiMux-Anhänge nicht öffnen oder auch nicht lesen, weil nur Krakelschrift erscheint. Dies ist nur ein Problem von vielen.

Das ist schon ärgerlich genug, wenn man mit dieser Technik Geld sparen sollte; gänzlich absurd wäre es aber, wenn .das Sparpotenzial nicht ausgeschöpft würde, das heißt, wenn man mit LiMux nicht einmal Geld sparen würde.

Da wäre es doch nur vernünftig, ganz ohne Gesichtsverlust zu funktionierenden Techniken zurückzukehren.“

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LiMux spart Millionen, sagt der Oberbürgermeister

„Im Beschluss vom 16. Juni 2010 zum Thema LiMux wurde bereits dargestellt, welche Kosten für einen Betriebserhalt von Windows-Systemen für die Zeit seit 2005 angefallen wären. Zum Zeitpunkt des Beschlusses war das Ergebnis der Vergleichsrechnung für den Wechsel auf aktuelle Microsoft-Produkte (11,8 Millionen Euro) um 5,6 Millionen Euro höher als die damaligen Ausgaben des LiMux-Projektes (6,2 Millionen Euro). Bei einer Rückkehr zu Microsoft würde schon allein dieser Kostenvorteil aufgegeben werden“, stellt der Oberbürgermeister fest.

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Und dann begründet er, warum die Migration der IT der Münchner Stadtverwaltung auch nicht mehr rückgängig gemacht werden könne: „Hinzu kommt, dass eine ,Rückkehr‘ nicht nur die bereits umgestellten 6.300 LiMux-Arbeitsplätze, sondern auch die restlichen Windows-2000-Arbeitsplätze betreffen würde.

Diese ,Rückkehr‘ wäre nämlich keine Rückkehr zu den bisherigen Versionen (Windows 2000 und Microsoft-Office 97/2000), sondern ein eigenes Großprojekt ,Neue Microsoft-Arbeitsplätze‘ zum Wechsel von allen 15.000 Arbeitsplätzen auf Windows 7 und Microsoft-Office 2010.“

Dabei sei noch nicht einmal berücksichtigt, dass auf der Microsoft-Plattform regelmäßig mindestens alle vier bis fünf Jahre erneute Lizenzkosten für neue Produktversionen anfallen und ein derartiges Großprojekt noch wesentlich länger als bis 2013 (Projektende LiMux) dauern würde.

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Auswärtiges Amt mit „Dual-Boot-Hybriden“

Vor einigen Jahren hatte sich das Auswärtige Amt (AA) in der Fachpresse eine gelungene Linux-Migration bescheinigen lassen. Der Unmut der Open-Source-Community war dann groß, als nach dem Einzug von Außenminister Westerwelle die Uhren vermeintlich zurückgestellt wurden (eGovernment Computing: „Open Source konnte IT-Kosten für eGovernment nicht senken“).

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Zwar hatten Auswärtiges Amt und die Stadtverwaltung München ihre Linux-Migrationen auch auf gemeinsamen Messeständen propagiert, doch nun enthüllt der Münchner Oberbürgermeister: Die AA-Migration war eigentlich gar keine.

Ude: „Das AA hatte im Jahr 2004 den Weg in Richtung Open Source Software eingeschlagen. Mit dem Wechsel in der Leitung des AA wurde begonnen, diesen Weg wieder zu verlassen. Für uns ist jedoch ausschlaggebend, dass die Situation in München nicht mit der des AA vergleichbar ist.

Die Arbeitsplatzrechner des AA waren ,Dual-Boot-Hybriden mit wahlweise Windows oder Linux‘. Das bedeutet, dass beide Betriebssysteme auf den Rechnern installiert und verwendbar sind. Damit sind auch für jeden Arbeitsplatzrechner die notwendigen Windows und Microsoft Office-Lizenzen vorzuhalten. Nachdem die Benutzer beide Systeme im Zugriff hatten, mussten sie auch beide beherrschen.“

Der Münchner OB bringt die Konsequenzen so auf den Punkt: „Dass damit einerseits weniger Windows-Lizenzkosten eingespart werden konnten als geplant und andererseits auch die Schulungskosten höher waren als wenn nur ein System geschult würde, ergibt sich zwangsläufig.“

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20 Prozent der Münchner Rechner bleiben auf Windows

Und so wird bei der Landeshauptstadt München (LHM) weiter das Ziel verfolgt, 80 Prozent der Arbeitsplatzrechner bis Projektende (2013) auf das Betriebssystem Linux umzustellen (LiMux-Arbeitsplatz). Das bedeute, dass etwa 12.000 Benutzerinnen und Benutzer nur ein Betriebssystem und ein Office-System bedienen können müssen. Somit könnten bei rund 12.000 Arbeitsplätzen sowohl die Windows- und Microsoft-Office-Lizenzkosten gespart werden, als auch die betreffenden Anwenderinnen und Anwender nur auf einem System geschult werden.

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Christian Ude: „Die im AA notwendigen Kosten für die Entwicklung von Scanner-und Druckertreibern fallen bei der LHM nicht an. Mittlerweile liefern immer mehr Druckerhersteller entsprechende Linux-Treiber. Dies wird bereits im Rahmen der Beschaffung gefordert. Arbeitsplätze mit Spezialhardware, wie sie beispielsweise durch die Vorgaben der Bundesdruckerei für den elektronischen Personalausweis notwendig sind, bleiben auf Windows.“

„Auch Microsoft hat Kompabilitätsprobleme“

Ude zu Problemen: „Die von Ihnen dargestellten Schwierigkeiten, Mal kann man als LiMux-Besitzer andere Anhänge nicht öffnen, mal können Nicht-LiMux-Besitzer die LiMux-Anhänge nicht öffnen oder auch nicht lesen, weil nur Krakelschrift erscheint‘ betreffen Kompatibilitätsprobleme beim Dokumentenaustausch. Kompatibilitätsprobleme treten überall dort auf, wo unterschiedliche Datenformate verwendet werden.

Diese Probleme gibt es auch innerhalb der Microsoft-Office-Familie zwischen den einzelnen Versionen, wie auch die LHM in den Jahren vor LiMux (beispielsweise beim Wechsel von Word6 auf Microsoft-Office97) immer wieder feststellen musste. Noch dazu unterscheidet sich das Dokumentenformat von Microsoft-Office 2000 noch wesentlich weiter von dem der Version 2010, als das bei Word6 und Office97 der Fall war.

Das bedeutet, dass auch ein Wechsel auf die neue Microsoft-Office-Version 2010 die Kompatibilitätsprobleme nicht beseitigen würde. Stattdessen hätte die LHM einen hohen Umschulungsaufwand für alle 15.000 Office-Benutzerinnen und -benutzer, da sich die Benutzeroberfläche von Microsoft-Office 2010 erheblich von der von Office 2000 unterscheidet.“

(ID:2052717)