Termingarantie für Patienten

Nutzen oder vorprogrammiertes Chaos?

| Redakteur: Jürgen Sprenzinger

Ein Arztbesuch ist eine persönliche Vertrauensangelegenheit, keine Sache der Politik – und das sollte auch zukünftig so bleiben
Ein Arztbesuch ist eine persönliche Vertrauensangelegenheit, keine Sache der Politik – und das sollte auch zukünftig so bleiben (Bild: Colourbox)

Vermutlich will Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe nur das Beste, wenn er versucht, den Kassenpatienten per Gesetzesregelung zu einem schnelleren Termin beim Facharzt zu verhelfen – die niedergelassenen Ärzte jedoch warnen, da sie Probleme und chaotische Zustände in den Praxen befürchten.

Alle gesetzlich Versicherten sollen in Zukunft garantierte Facharzttermine innerhalb vier Wochen bekommen – zumindest sehen das die Pläne von Union und SPD so vor. Dies soll über neu einzurichtende „Termin-Servicestellen“ ermöglicht werden.

Noch basteln die Politiker an einer entsprechenden Gesetzesregelung herum, die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVs) jedoch proben zwischenzeitlich den Ernstfall und kommen laut einer Umfrage des Ärztenachrichtendienstes (änd) zu wenig erfreulichen Resultaten: Es werden Befürchtungen laut, dass die Akzeptanz seitens der Patienten nicht besonders groß sein wird. Einer der Gründe dafür liegt auf der Hand: Ein Arztbesuch ist und war immer schon eine Vertrauensangelegenheit – und schon immer hatte der Patient das Recht, vom Arzt seines Vertrauens behandelt zu werden. Wenn ein Patient nun gezwungen wird, einen fremden, ihm unbekannten Arzt zu konsultieren, dann könnte man darin möglicherweise eine Entmündigung sehen. Insbesondere ältere Menschen, die ihren Facharzt über Jahre kennen, haben ein sehr persönliches Verhältnis zu ihm aufgebaut und dürften sich kaum damit anfreunden, nun zu einem anderen Kollegen „geschickt“ zu werden, denn eines sollte klar sein: Ein guter Arzt behandelt nicht nur körperlich, sondern besitzt durch seine Ausstrahlung auch die Macht, psychisch auf den Heilungsprozess einzuwirken. Dies funktioniert aber meist nur in einem gewachsenen Vertrauensverhältnis.

Terminmanagement – keine Sache der Politik, sondern der Praxen

Die Ärzte in Niedersachsen beispielsweise sehen die Angelegenheit ebenso wie ihre Berliner Kollegen ebenfalls nicht sonderlich optimistisch und sind der Ansicht, dass ein Terminmanagement kaum hilfreich ist, solange die Praxen aufgrund des hohen Patientenandrangs derart überlastet sind. Logischerweise sollte das Terminmanagement also Sache der Praxen sein, schon deshalb, weil Ärztinnen und Ärzte jeden Tag „an der Front“ arbeiten und aufgrund dieser Tatsache viel besser entscheiden können, wie die Patientenströme in den Griff zu bekommen sind. Politiker, die vom ärztlichen Praxisalltag kaum eine Ahnung haben, dürften hier fehl am Platz sein.

Und auch die Kassenärztliche Vereinigung in Niedersachsen sagt dazu: „Letztlich schaffen die Koalitionäre mit ihrem Vorschlag der Terminvergabe durch die KVen die Wahlfreiheit der Patienten ab. Wechselnde Ärzte und längere Anfahrtswege für Bürgerinnen und Bürger wären die Konsequenz. Es ist fraglich, ob man damit Patienten einen Gefallen tut.“

Auch der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung in Rheinland-Pfalz richtet den „dringenden Appell an die Politik, von dem unsinnigen und kontraproduktiven Vorhaben, die Kassenärztlichen Vereinigungen zur Einrichtung von zusätzlichen Terminservicestellen zu verpflichten, Abstand zu nehmen.“ Und die KV in Baden-Württemberg fürchtet gar, dass den Patienten gegenüber Erwartungen gehegt werden, die im Nachhinein nicht einzuhalten sind und ist der Ansicht, dassTerminvorgaben keine Versorgungsprobleme lösen können, da sich dadurch nicht die Anzahl der Ärzte erhöhe, sondern das Gegenteil sei der Fall: Nachwuchskräfte würden durch die vermehrten Regularien von der Niederlassung abgeschreckt."

Minster Gröhe auf dem Holzweg?

Dr. Wolfgang Bärtl, der Vorsitzende des Bundesverbandes niedergelassener Fachärzte, fasst die Kritik auf Anfrage des Ärztenachrichtendienstes wie folgt zusammen: „Die Warnungen aus allen Teilen des Landes zeigen, dass Minister Gröhe mit seinen Plänen auf dem Holzweg ist. Den Patienten wird weisgemacht, dass die Termingarantie einen Wunschtermin beim Wunschfacharzt bedeutet – und keiner der politisch Verantwortlichen tut etwas dagegen, dieses Missverständnis bei den Versicherten aufzulösen. Das böse Erwachen für die Patienten kommt erst dann, wenn sie für dieses vergiftete Geschenk ihre freie Arztwahl aufgegeben haben.“

Freie Arztwahl

Der § 76 des SGB V sagt dazu:

Die Versicherten können unter den zur vertragsärztlichen Versorgung zugelassenen Ärzten, den medizinischen Versorgungszentren, den ermächtigten Ärzten, den ermächtigten oder nach § 116b an der ambulanten Versorgung teilnehmenden Einrichtungen, den Zahnkliniken der Krankenkassen, den Eigeneinrichtungen der Krankenkassen nach § 140 Abs. 2 Satz 2, den nach § 72a Abs. 3 vertraglich zur ärztlichen Behandlung verpflichteten Ärzten und Zahnärzten, den zum ambulanten Operieren zugelassenen Krankenhäusern sowie den Einrichtungen nach § 75 Abs. 9 frei wählen. Andere Ärzte dürfen nur in Notfällen in Anspruch genommen werden. Die Inanspruchnahme der Eigeneinrichtungen der Krankenkassen nach § 140 Abs. 1 und 2 Satz 1 richtet sich nach den hierüber abgeschlossenen Verträgen. Die Zahl der Eigeneinrichtungen darf auf Grund vertraglicher Vereinbarung vermehrt werden, wenn die Voraussetzungen des § 140 Abs. 2 Satz 1 erfüllt sind.

Quelle: Ärztenachrichtendienst (änd)

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