Gehörlosen-Bund fordert Nachbesserungen Nora: Eine barrierefreie App für Notrufe

Autor Susanne Ehneß

Mit „Nora“ gibt es eine offizielle Notruf-App, die besonders für Menschen mit Sprach- oder Höreinschränkungen geeignet ist.

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Logo der App „Nora“
Logo der App „Nora“
(© Land NRW/Nora)

Für die Bundesländer gibt es ab sofort eine offizielle Notruf-App, die die Telefonnummern 110 und 112 ergänzt. Betreiber ist das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen, hier ist auch die Geschäfts- und Koordinierungsstelle angesiedelt.

Die App namens „Nora“ kann deutschlandweit in Notfällen genutzt werden und soll auch mit geringen Sprachkenntnissen oder gänzlich ohne Spracheingabe nutzbar sein. „Besonders hilfreich ist Nora für Menschen, die nicht oder nicht gut telefonieren können, weil sie zum Beispiel eine Sprach- oder Hörbehinderung haben. Oder weil sie Deutsch nicht so sicher sprechen, dass sie sich am Telefon gut verständigen können“, heißt es auf der Website der Nora-App.

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Wie das nordrhein-westfälische Innenministerium in einer ­Broschüre erläutert, standen hör- und sprachbehinderten Menschen bisher lediglich ein Notruf-Fax und ein Gebärdendolmetscherdienst (TESS-Relay) zur Verfügung. Der Dolmetscher-Dienst stellt zwar die Kommunikation zwischen den Notrufenden und der Einsatzleitstelle her und übersetzt, kostet dadurch aber wertvolle Zeit. Und das Notruf-Fax kann nur von einem Standort mit Faxgerät versendet werden, ein mobiler Notruf ist über dieses System also gar nicht erst möglich. Zudem sind Rückfragen der Einsatzleitstelle mit großem Aufwand verbunden.

Funktionen

Die Nora-App verfügt laut Betreiber über folgende, über den normalen Notruf hinausgehende Funktionen:

  • Standortbestimmung: Die App nutzt die Standort-Funktion des Smartphones, um den Notfall-Ort zu ermitteln und sendet ihn automatisch an die zuständige Einsatzleitstelle. Es ist möglich, den Notfall-Ort manuell zu ändern.
  • Informationen zur Notfall-Situation: Welche Hilfe benötigt wird, wird über maximal fünf Fragen abgefragt. Die Fragen können dabei durch einfaches Tippen beantwortet werden. So erhalten die Einsatzkräfte alle wichtigen Informationen in wenigen Sekunden.
  • Hinterlegung persönlicher Daten: Neben den Angaben aus der Registrierung (Name, Vorname und Mobilnummer), können weitere persönliche Angaben freiwillig hinterlegt werden – zum Beispiel Alter und Geschlecht, Vorerkrankungen oder Behinderungen. Die Angaben werden ­lokal auf dem Smartphone gespeichert, erst in einer Notfallsituation werden sie an die Einsatzleitstelle übermittelt.
  • Kommunikation via Chat: Mit der Einsatzleitstelle kann via Chat kommuniziert werden, beispielsweise bei Rückfragen.
  • Stiller Notruf: Wenn der Notruf unbemerkt bleiben soll, gibt es die Möglichkeit, einen stillen Notruf abzusetzen. Dann kommuniziert die Einsatzleitstelle ausschließlich lautlos über den Chat, und die App sendet keine Benachrichtigungen – damit auf dem Smartphone keine akustischen Signale oder Vibrationen ausgelöst werden.

System überlastet

Derzeit funktioniert „Nora“ in 15 Bundesländern, nur in Berlin seien laut Betreiber noch „Abstimmungen erforderlich“. Und: Die hohe Nachfrage – sprich massive Download-Zahlen – überforderte die IT-Infrastruktur des Notruf-Systems derart, dass sie laut Betreiber nun „angepasst“ werden müsse. Die App kann deshalb derzeit nicht über die App-Stores heruntergeladen werden; sie ist vorübergehend nur per Anfrage via Kontaktformular oder Mail an den Support (kontakt@nora-notruf.de) erhältlich.

Am Bedarf vorbei?

Kritik an der App kam vom Deutschen Gehörlosen-Bund bereits im Zuge der App-Testphase. Man habe die Entwicklung der App „mit großem Interesse und mit etwas Sorge“ verfolgt. „Für Menschen mit Hörbehinderungen, die keine Gebärdensprache beherrschen und den Notruf nicht in Lautsprache absetzen können, ist die Notruf-App ‚Nora‘ eine geeignete Lösung für einen Zugang zu Notdiensten“, kommentierte der Gehörlosen-Bund im Juli 2021. Allerdings fehle die Möglichkeit zur Nutzung von Videotelefonie in Gebärden­sprache.

„Die über zehn Jahre lang erhobene Forderung des Deutschen Gehörlosen-Bundes, dass es möglich sein muss, Notrufe in Deutscher Gebärdensprache abzusetzen, ist bedauerlicherweise nicht umgesetzt worden.“ Der Bundesverband fordert deshalb, die Nutzung eines Telefonvermittlungsdienstes bzw. Relay-Dienstes in die Notruf-App zu integrieren. „Damit wären die Anforderungen an einen gleichwertigen Zugang zum Notruf im Rahmen der Umsetzung des European Electronic Communications Code und des European Accessibility Act erfüllt und die Bedürfnisse von Gehörlosen und anderen Menschen mit Hörbehinderungen im Notruf-App-System berücksichtigt“, heißt es weiter.

Zudem fordern die Interessensvertreter, dass bereits verfügbare Notruf-Apps von Dritt­anbietern wie „Handhelp“, „InstantHelp“, „Mein Notruf“ oder „Defi“ eingebunden werden. Und: „Moderne Software-Lösungen wie EmergencyEye mit der Notrufnummer #112* können als eine zusätzliche Alternative geprüft bzw. in die Software der Notrufleitstellen eingebaut werden. Damit soll aus unserer Sicht erreicht werden, dass der Bund vielfältige Lösungen für einen barrierefreien Notruf fördert, die den diversen Bedürfnissen der Menschen ohne und mit Behinderungen in der Notsituation zugutekommen.“ Laut Innenministerium NRW sind weitere Funktionen für die Nora-App vorgesehen – und auch die Einbindung anderer Apps. Wann genau, sei aber „derzeit noch nicht absehbar“.

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