IT-Investitionsprogramm Nicht nach dem Prinzip Gießkanne

Redakteur: Manfred Klein

Noch neigen viele Politiker aus alten Reflexen heraus dazu, Fördermittel, wie sie jetzt im Kampf gegen die Wirtschaftskrise verteilt werden, in traditionelle Infrastrukturprojekte zu investieren. Eine Modernisierung der Verwaltung und eine Anpassung Deutschlands an die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts werden damit jedoch nur sehr eingeschränkt erreicht. Doch die Modernisierer haben ein Problem: Der Nutzen von Investitionen in Informationstechnologie lässt sich nur schwer vermitteln. In seiner aktuellen Sitzung ging der Redaktionsbeirat der eGovernment Computing diesem Dilemma auf den Grund.

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( Archiv: Vogel Business Media )

Wie inzwischen allgemein bekannt, hat die Bundesregierung zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise unter dem Motto „Entschlossen in der Krise, stark für den nächsten Aufschwung“ den Pakt für Beschäftigung und Stabilität in Deutschland beschlossen. Das Paket soll Arbeitsplätze sichern, zur Stärkung der Wachstumskräfte beitragen und die Modernisierung Deutschlands entscheidend vorantreiben.

Bestandteil des Maßnahmenpakets sind zusätzliche Investitionen des Bundes in Höhe von 5 Milliarden Euro. Davon werden 500 Millionen in ein IT-Investitionsprogramm fließen, das zentral vom IT-Beauftragten der Bundesregierung, Dr. Bernhard Beuys, gesteuert wird. Hinzu kommen mit der Breitbandinitiative und einem Infrastrukturprogramm weitere millionenschwere Fördermaßnahmen.

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Doch sind diese Programme geeignet der Wirtschaftskrise Paroli zu bieten? Erreichen die Mittel die richtigen Empfänger? Und sind diese ausreichend über die verschiedenen Programme informiert? Schon melden sich Politiker der alten Schule zu Wort, welche mit den Fördermitteln lieber Milchbauern alimentieren würden, statt sie in Zukunftstechnologien zu investieren.

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Informationstechnologie erhöht die Rendite

Jon Abele, beim Beratungsunternehmen BearingPoint zuständig für den Public Sector, erklärte dazu: „Grundsätzlich sollte es das Ziel jeder Maßnahme sein, die zur Bekämpfung der Finanzkrise aufgesetzt wird, Konsum, Kaufkraft und Investitionen zu fördern. Um den Arbeitsmarkt voranzubringen, sollten es aber vor allem nachhaltige Ausgaben sein. Der Versuchung, hier wieder in Beton investieren, sollte man widerstehen. Wir müssen uns überlegen, wie man den Standort Deutschland wirklich weiter bringt. Nach meiner Meinung sind Investitionen in IT – und hier besonderes in die Verwaltungsmodernisierung – besonders geeignet, weil es sich hier um Investitionen handelt, die sich rechnen. Denn nach der Wirtschaftskrise wird die Öffentliche Hand wieder eine strenge Haushaltskonsolidierung betreiben müssen. Da die Verwaltung mit IT-Investitionen Einsparungen in den Folgejahren realisieren kann, macht sie das attraktiv. Zum anderen erzeugen diese Investitionen nach unserer Auffassung eine Art Umwegrendite, da sie dafür sorgen, dass durch den Einsatz von IT Bürokratiekosten tatsächlich gesenkt werden. Eine solche Vorgehensweise würde den Standort Deutschland sehr viel attraktiver machen und auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft deutlich erhöhen.“

Jon Abele vertrat die Überzeugung, dass es eine ganze Reihe von Projekten gibt, die die beschriebenen Renditen erbringen könnten. „Wenn zum Beispiel der elektronische Personalausweis eingeführt wird und man sich im Rahmen der Förderprogramme dazu entschließen könnte, ihn eben doch mit der elektronischen Signatur auszustatten, dann könnte dies ganze Geschäftszweig dazu ermutigen, ihre Authentifizierungswerkzeuge darauf abzustellen und entsprechende Geschäftsmodelle zu entwickeln. Daher ist ein solches Investitionsprogramm – da es nachweislich Renditen erwirtschaftet und Multiplikationsfaktoren schafft, geeignet, die Wirtschaft in der Krise zu unterstützen.“

Neue Straßen sind kein Weg aus der Krise

Edda Peters, Geschäftsführerin von subreport, unterstützte diese Ansicht, indem sie ausführte: „Neue Straßen zu bauen ist kein Weg aus der Krise. Der Staat ist bereits heute nicht in der Lage, sein bestehendes Straßennetz zu unterhalten.“

Peters wandte sich damit ebenfalls gegen jene Kräfte, die Fördermittel ausschließlich in traditionelle Infrastrukturprojekte investieren wollen. Leider seien jedoch im Rahmen der Konjunkturpakete weiterer Straßen ausgeschrieben worden. Ein erheblicher Teil der Investitionen gehe nun in den Straßenbau.

Jon Abele unterstützte sie in dieser Einschätzung, indem er anmerkte, dass ein solches Investitionsverhalten – im Gegensatz zur Verwaltungsmodernisierung, die durch den Bürokratieabbau Kosten senke – weitere Folgekosten nach sich zöge.

Dazu Abele: „Im Sinne einer Wirtschaftsförderung, die sich die Modernisierung Deutschlands auf die Fahnen geschrieben hat, ist das kontraproduktiv. Bei einem allzu konservativen Ansatz ist diese Gefahr unserer Meinung nach besonders groß.“ Sinnvoller sei es, die vielen eGovernment- und Verwaltungsmodernisierungsprojekte, von denen nicht wenige – trotz nachgewiesener Qualität – an einer Unterfinanzierung leiden würden und deswegen nicht vorankämen, zu fördern. Zu diesen unter einem gravierenden Ressourcenmangel leidenden Projekten gehörten auch viele gute Projekte des Bundes.

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Startkosten bremsen Modernisierungsprojekte

Abele begründete diesen Umstand so: „Bei der IT-Konsolidierung zum Beispiel muss man – wenn man vorankommen möchte – erst einmal viel Geld in die Hand nehmen, um tatsächlich nennenswert Konsolidierung betreiben zu können.“

Denn wer sich dazu entschließe, habe bei Projektbeginn ja noch die alten laufenden Kosten, weil seine IT eben noch nicht konsolidiert sei. Das führe dazu, dass solche Projekte nicht oder nur stockend durchgeführt würden. Er unterstrich daher seine Auffassung: „Wenn man für solche Projekte Modernisierungsmittel bereitstellen würde, dann glauben wir, dass man die Geschwindigkeit solcher Projekte deutlich erhöhen könnte. Der Weg, den Bund und Länder bei solchen Projekten gehen, ist richtig. Aber viele Verwaltungen können Dinge, die eigentlich sinnvoll sind, mit ihrem Haushalt nicht abbilden. So kommt es zu Projekten, die – obwohl äußerst wichtig – nicht durchgeführt werden, weil sie erst einmal größere Investitionen mit sich bringen, das heißt, direkt haushaltswirksam Kosten produzieren; der Rückfluss, die Kosteneinsparungen, aber erst in den Folgejahren wirksam werden. Nehmen Sie nur folgendes Beispiel: Wenn Bund und Länder Shared Service Center einrichten wollen, dann sind solche Projekte heute zumeist so angelegt, dass die Behörden, die Leistung abgeben wollen, sehr häufig auch noch die Projektkosten bezahlen oder sich an diesen zumindest nennenswert beteiligen müssen. Gerade für solche Projekte, die ohnehin nicht einfach sind, weil an ihnen mehrere Gruppen mit unterschiedlichen Interessen beteiligt sind, bedeutet das häufig das Ende.“

Verstärkt werde dieser Trend noch durch fehlende interne Ressourcen. Vieles lasse sich unter den Bedingungen der Verwaltungen eben nur durch den Einsatz von externen Beratern umsetzen. Die Verwaltungen könnten daher nur begrenzt Projekte abwickeln, denn die Reststeuerung müsse natürlich immer beim Auftraggeber verbleiben.

Abele zog daraus die Konsequenz: „Die Mittel aus dem Investitionsprogrammen dürfen nicht nur in Hardware fließen, sondern müssen auch den sonstigen Ressourcen der Verwaltungen zugute kommen, damit die wichtigen Projekte auch gesteuert werden können. Ich habe die Hoffnung, dass das auch in der Bundesverwaltung so gesehen und entsprechend gehandelt wird.“

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Warum Modernisierung der Verwaltung?

Auf die Frage, ob man sich mit dieser Haltung, die fast ausschließlich auf IT und Verwaltungsmodernisierung setzt, nicht dem Vorwurf des Lobbyismus aussetze, dem es nur darum ginge, sein eigenes Scherflein ins Trockene zu bringen, erklärte Abele: „Ich denke, dass die Forderungen nach Investitionen in IT und Verwaltungsmodernisierung berechtigt sind, da solche Projekte den positiven Begleiteffekt haben, dass dadurch die wichtige IT- und Dienstleistungsbranche in Deutschland direkt gefördert wird.“

Willi Kaczorowski, bei der Cisco Systems GmbH für den deutschen Public Sector zuständig, ergänzte: „Ich habe keine Schmerzen damit, wenn ein Lobbyistenverband Lobbyarbeit betreibt. Das ist schließlich seine Aufgabe. Mit der Diskussion, ob der BITKOM nun Lobbyarbeit betrieben hat, habe ich also keine Probleme. Er muss sie machen. Andere Branchenverbände, zum Beispiel der Verband der Bekleidungsindustrie, machen das genauso. Das gab es schließlich noch nie, dass 50 Milliarden über ein erleichtertes Ausschreibungsverfahren innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums in die Wirtschaft gepumpt werden.“

Stefan Kondmann von BT Global Services meinte dazu: „Es gibt aus meiner Sicht noch ein zweites, sehr starkes Argument für die IT-Branche. Die Finanzkrise ist – wie jeder andere Krise auch – Motor für Innovationen. Es wurde bereits erwähnt, dass es eine solche Situation noch nie gegeben hat. Diese außergewöhnliche Situation hat auch in der Öffentlichen Verwaltung dazu geführt, dass die Bereitschaft zu Veränderungen sehr viel höher geworden ist. Ich habe diese Erfahrung in vielen Gesprächen gemacht. Diese Bereitschaft, Neues zu versuchen, gilt übrigens nicht nur für den finanziellen Bereich, wenn es also darum, geht Kosten zu sparen, sondern auch im organisatorischen. Jetzt wird gemeinsam überlegt, was können wir an Impulsen setzen, welches sind die Kriterien, die ich erfüllen muss, um sowohl die Wirtschaft zu stützen als auch die Verwaltung zu modernisieren. In dieser Diskussion mit der Öffentlichen Verwaltung sind die Aspekte Nachhaltigkeit und Reinvestitionen im Sinne von Ertrag aus meiner Sicht die besten Argumente für die IT. Denn bei den angestrebten Innovationen geht es nicht um den olympischen Ansatz, in dem Sinne, wer den leistungsfähigsten Rechner vorzuweisen hat, sondern es geht auch und immer um den Prozessbereich. Die neuen Abläufe und Innovationen, die daraus entstehen, helfen mehr als Beton – um nochmal das Bild des BITKOM zu verwenden – und auch mehr als die Abwrackprämie. Aus meiner Sicht ist das der eigentliche Exportschlager eines künftigen Standorts Deutschland.“

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Völlig neue Geschäftsmodelle

Michael Tschichholz von Fraunhofer FOKUS ergänzte: „Ich unterstütze diese Aussagen. Die Aktivitäten in Sachen Verwaltungsmodernisierung, die im Augenblick beim Bund laufen, schaffen die Voraussetzungen dafür, dass man künftig Verwaltungsprozesse effektiver gestalten kann. Das ist keine reine Investition in die IT, sondern das berührt viele andere Themen wie zum Beispiel das Change Management, Fragen der Personalsteuerung oder der Prozessoptimierung. Das ist also eine Investitionen mit einer großen Breitenwirkung.“

Dirk Thomas Wagner, bei Oracle Vertriebsdirektor Public Sector, äußerte zu der Frage, in welche Bereiche die Mittel fließen sollten: „Investitionen in Straßen sind per se sicher nicht verkehrt. Wer sich wie ich durch eine Innenstadt quälen muss, der weiß, dass eine Umgehungsstraße unter Umständen hochwillkommen ist. Auch wenn sie hinterher unterhalten werden muss. Allerdings muss man natürlich überprüfen, ob sich Investitionen in neue Straßen auch rechnen. Ich fand die Überlegung, den elektronischen Personalausweis gleich bei seiner Einführung mit einer Signatur auszustatten, sehr interessant. Da eine solche flächendeckende Ausstattung des Bürgers völlig neue Geschäftsmodelle ermöglichen würde, wäre dies aus meiner Sicht eine sinnvolle Antwort auf die Krise. Ansonsten sollte man den Eindruck vermeiden, die Krise zu instrumentalisieren, um doch noch zu bekommen, was wir die vergangenen fünf Jahre vergeblich versucht haben umzusetzen.“

Auf der Suche nach dem richtigen Gesamtkonzept

Zum Thema Nachfragestau ergänzte Willi Kaczorowski: „Ich glaube in diesem Zusammenhang lautet eines der entscheidenden Stichworte Breitband. Der Städte- und Gemeindebund spricht in diesem Zusammenhang inzwischen von einer völlig veränderten Situation. Viele Bürgermeister haben sich mittlerweile dazu gezwungen gesehen, Bürgerversammlungen einberufen, in denen 200, manchmal 250 Bürger forderten: Wir wollen endlich den Anschluss an die Datenautobahn. Das ist der erste Nachfragestau, denn das Konjunkturpaket jetzt auch zu Recht auflösen will. Das zweite Thema, das mir einfällt, ist D 115. Die 115 ist im Augenblick als Sparprojekt angelegt. Die gesamte erste Phase des Projektes lief auf Sparflamme, weil man sagte, wenn wir schon wenig Mittel haben, dann müssen wir uns auf die Infrastruktur konzentrieren, die bereits in den Kommunen vorhanden ist. Wenn man aber diese Infrastruktur als Grundlage nimmt, lassen sich zwar in einem eng begrenzten Bereich Call Center errichten, diese sind aber nur in der Lage, begrenzte Auskünfte zu geben. Mit mehr Finanzmitteln tun sich ganz andere Möglichkeiten auf, zum Beispiel virtuelle Call Center. Dann muss nicht jeder Bürgermeister in seine Turnhalle Schreibtische stellen und mit eigenem Personal die Anfragen bearbeiten. Wir haben Beispiele aus dem Ausland, die auf Virtualität und Voice over IP setzen und bewiesen haben, dass sich sogar Profitorganisationen an einer modernen Call-Center-Lösungen für die Öffentliche Hand beteiligen können.“

Stefan Kondmann präzisierte: „Dazu es gibt unterschiedliche Perspektiven. Eine zusätzliche finanzielle Unterstützung könnte der D 115 vielleicht nicht den entscheidenden aber doch einen sehr wichtigen Schub geben. Die Frage ist, ob dies das nachhaltige Programm ist, das wir alle suchen. Alleine die 115 ist es sicher nicht. Und der Einheitliche Ansprechpartner ist es sicher auch nicht. Das Projekt D 115 ist sehr wichtig, da das Projekt in vielen anderen Bereichen der Verwaltungsmodernisierung Impulse setzen kann. Ein wirksames Gesamtkonzept entsteht für mich aber nur im Konzert mit Infrastrukturmaßnahmen, wie der Breitbandinitiative. Wenn ich die Grundlage habe, dann kann darauf arbeiten. Wenn ich jedoch den zweiten vor dem ersten Schritt tue, laufe ich Gefahr, zu stolpern.“

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115 und EU-DLR als Blaupause der Reform

Jon Abele meinte zu diesem Aspekt: „Bei beiden Programmen, sowohl der 115 als auch der Dienstleistungsrichtlinie, ist der entscheidende Punkt, das dahinterstehende One-Stop-Government-Konzept. Beide sind nicht deswegen interessant, weil man dazu ein Call Center braucht, über das möglicherweise ein italienischer Friseur sein Gewerbe anmelden kann. Sondern deshalb, weil beide Projekte die Neuausrichtung der deutschen Verwaltungslandschaft entscheidend nach vorne bringen werden. Wir haben in Deutschland eine Situation, die es eigentlich dringlich erforderlich machen würde, die Prozesse der Verwaltung – gerade in den Kommunen – zu optimieren. Künftig müssen die anfallenden Aufgaben in einer sehr viel arbeitsteiligeren Form bewältigt werden.“

Am besten lasse sich diese Entwicklung derzeit an den strukturschwachen Gebieten in Ostdeutschland darstellen, die wegen der Abwanderung großer Bevölkerungsteile zum Teil bereits heute enorme Schwierigkeiten hätten, im kommunalen Bereich den Einwohnern Dienstleistungen bürgernah zukommen zu lassen.

„Betrachtet man die Projekte D 115 und EU-Dienstleistungsrichtlinie unter diesem Gesichtspunkt wird schnell klar, dass mit den zugrundeliegenden Konzepten auch sehr viele andere Dienstleistungen erbracht werden können. Es muss nicht immer die Gewerbeanmeldung sein. Werden diese Überlegungen umgesetzt, dann führt das in allen Landes- und Kommunalverwaltung zu einem deutlichen Modernisierungsschub. Das ist eine Chance, die man sich nicht entgehen lassen sollte!“ Außerdem sei es absolut legitim, so Abele, als Verwaltungsmodernisierer die Finanzkrise opportunistisch zu nutzen, in dem man darauf hinweise, dass die Krise auch eine Chance biete.

Michael Tschichholz ergänzte an dieser Stelle noch, dass es für die von Abele genannten Projekte wichtig sei, den Aspekt der Standardisierung weiter voranzubringen. Es gebe zwar beim Bund ein Standardisierungsprojekt. Dieses habe auch bereits – etwa durch das XÖV-Repositority – eine sehr tragfähige Basis geschaffen. Da aber im Zuge der Integration sehr viele Schnittstellen zu standardisieren seien, sei auch in diesem Bereich ein Mangel an ausreichenden Ressourcen festzustellen. So habe ein Fraunhofer-Projekt gezeigt, dass für den simplen Vorgang einer Fahrzeuganmeldung alleine in den Kommunen etwa 130 Schnittstellen standardisiert werden müssten. Vergleichbar dürfte die Schnittstellenproblematik auch beim angesprochenen One-Stop-eGovernment sein.

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Welchen Nutzen haben Investitionen in IT?

Ministerialrätin Pia Karger, im Bundesinnenministerium Leiterin des Referats Verwaltungsmodernisierung und -organisation, unterstützte Jon Abeles Ansicht, darauf zu bestehen, dass die Krise auch eine Chance sei: „Natürlich stehen wir als Modernisierer jetzt Gewehr bei Fuß und sagen, wir wollen diese Gelegenheit nutzen, um unsere Modernisierungsprojekte vorantreiben. Wir sind immer damit angetreten, dass Verwaltungsmodernisierung auch ein Standortfaktor ist. Und wir engagieren uns für die Modernisierung der Verwaltung, weil wir davon überzeugt sind, dass diese zur Verbesserung des Standortes Deutschland viel beisteuern kann. Deshalb ist es auch kein Widerspruch, dass wir in dieser Phase etwas aktiver auftreten, als noch vor ein paar Wochen. Diese Haltung wird durch den BITKOM und andere ja auch gestützt.“

Udo Hinsche, bei der Siemens AG im Bereich IT Solutions und Services tätig, schlug in die gleiche Kerbe, brachte die Sache aber auch auf den Punkt, indem er meinte: „Ich glaube, dass den genannten Projekten, in aller Regel keine technischen Probleme zugrunde liegen. Ob da 115 oder EU-Dienstleistungsrichtlinie darunter steht, ist nicht so entscheidend. Beide haben viele Gemeinsamkeiten. Ein ganz wesentlicher Punkt ist jedoch, klarzumachen, welcher Nutzen hinter dem jeweiligen Projekt steht. Nämlich, dass das etwas mit dem Wirtschaftsstandort Deutschland, dass das etwas mit bürgerfreundlicher Verwaltung zu tun hat. Was nötig ist, wenn es darum geht, wie die Mittel der Konjunkturpakete verteilt werden sollen, ist ein Hebel, der auch zur politischen Meinungsbildung beiträgt. Die Abwrackprämie versteht jeder, schließlich ist das Auto des Deutschen liebstes Kind. Straßenbau? Natürlich wünscht sich jeder eine neue Umgehungsstraße und dass die Schlaglöcher ausgebessert werden. Schließlich die dringend notwendige Restaurierung vieler unserer Schulen. Will man gegenüber solchen Argumenten bestehen, dann muss man eindeutig klarmachen, weshalb sich Investitionen in IT-Vorhaben lohnen oder warum diese Investitionen vorgezogen werden sollen. Wir müssen den Nutzen solcher Investitionen noch viel deutlicher herausarbeiten, als bisher. Und wir müssen auch klarstellen, dass die deutsche Wirtschaft davon profitiert, wenn die Öffentliche Hand in IT investiert. Das ist vielen noch nicht klar.“

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Den Nutzen von IT herausstellen

Willi Kaczorowski widersprach nicht, zeigte sich aber skeptisch: „Genau das zu vermitteln, ist nicht einfach. Weil es so was wie eine deutsche IT eigentlich kaum noch gibt. Die meisten Produkte werden nicht in Deutschland erzeugt. Nur im Bereich der IT-Sicherheit, da haben wir eine große deutsche Industrie. Wir können eine eigene Wertschöpfungskette über Berater und Systemhäuser nachweisen, das schon. Aber eine eigene Fertigungsindustrie im Bereich der IT haben wir kaum noch. Damit ist das ganze Thema Hardware nicht mehr aktuell. In der Software-Industrie sieht es ein bisschen besser aus, weil wir hier noch zwei, drei große Anbieter haben. Aber es dürfte sehr schwer werden, ein Credo ‚IT – Made in Germany IT‘ durchzuhalten. Wenn dies das Hauptargument für ein IT-Investitionsprogramm werden sollte, werden wir nicht viel Erfolg haben.“

Jon Abele widersprach jedoch dieser, seiner Meinung nach einseitigen, Sichtweise: „Das war ja auch der Grund, weshalb ich neben der IT, auch die Verwaltungsmodernisierung angesprochen habe. Dieser Bereich ist sehr viel personalintensiver und national geprägt. Mit osteuropäischen oder asiatischen Kollegen hat man da einen schweren Stand, auch wenn einige Unternehmen das versuchen. Ich glaube auch, dass man im Hardware- und Software-Bereich die Aspekte Service und Dienstleistungen nicht unterschätzen sollte. Ich finde deshalb auch die Aussage von Udo Hinsche sehr gut. Dieses Insistieren darauf, ob der Nutzen von IT eigentlich gesehen wird. Wir klagen seit Jahren darüber, dass für die Politik IT kein Thema ist, weil sich damit keine Wahlen gewinnen lassen. Die Verwaltung dafür zu interessieren, ist in der Regel möglich, bei der Politik ist es schwer bis unmöglich. Es ist in der Politik eben nicht so wie in der Werbung eines großen IT-Unternehmens zum Thema Green IT. Da lässt sich der Vorgesetzte leicht von der Notwendigkeit einer IT-Konsolidierung überzeugen. Der Hinweis auf die eingesparten Dollars genügt. Dabei ist das Thema Green IT in der Politik nicht nur der möglichen Einsparungen wegen so interessant, denn es ermöglicht das in der Politik populäre Umweltthema mit dem Thema Informationstechnologie zu verbinden. Vielleicht werden im Zuge der Finanzkrise auch andere Argumente gehört, die in den Kontext IT hinein gehören. Wir haben so vielleicht die Chance, auch jene zu erreichen, bei denen wir bislang kein Gehör fanden.“

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eGovernment und Verwaltungsreform brauchen mehr Marketing

Jochen Baier von Steria Mummert Consulting pflichtete dem bei: „Als die USA den Hoover-Staudamm gebaut haben, war Idee ja nicht, die Bauindustrie zu stützen. Verfolgt wurde die Idee, mit dem Staudamm eine gewisse Wirkung zu erzielen. Der Damm sollte Strom für Industrie und Privathaushalte produzieren. Der Bau möglichst vielen Menschen Arbeit geben, damit sie mit dem verdienten Geld Autos kaufen und Häuser bauen. Das ist die Grundidee jedes Konjunkturprogramms. Wenn man überlegt, weshalb man Geld in die Informationstechnologie pumpen sollte, wird schnell klar, dass man das deshalb tun sollte, weil sich in den letzten fünf bis zehn Jahren Möglichkeiten aufgetan haben, die wir vorher nicht hatten. Die Dienstleistungsrichtlinie und die 115 wären mit der Technologie von vor fünf Jahren schwierig umzusetzen gewesen. Dieser Fortschritt bietet einfach viele Chancen.“

Hinzu komme, so Baier, dass in der Bevölkerung, und damit natürlich auch bei den Bediensteten der Verwaltungen, sich die bekannten demografischen Veränderungen einstellen. „In den nächsten zehn Jahren wird ein Drittel der öffentlich Bediensteten in Rente gehen. An den Aufgaben wird sich aber nicht viel ändern. Deshalb denken die Verantwortlichen auch über neue Dienstleistungsformen, über Outsourcing zum Beispiel, nach. Plötzlich wird es auch für die Verwaltung attraktiv, Dinge online erledigen zu lassen. Gleiches gilt für die Haushalts-und Personalsituation der Kommunen. Da wird sich langfristig nicht viel verändern. Wir hatten da jetzt ein Zwischenhoch, aber langfristig zeigt der Trend auch hier nach unten.“

Dirk Thomas Wagner meinte zu der Diskussion über den Nutzen der IT: „Vielleicht lässt sich das an der wirtschaftlichen Bedeutung der EU-Dienstleistungsrichtlinie und der 115 erläutern. CSC hat dazu eine interessante Studie vorgestellt, in der in den 27 EU-Mitgliedstaaten abgefragt wurde, welche hauptsächlichen Ziele die einzelnen Staaten mit den Projekten verbinden. Das Ergebnis ist recht interessant. Es wird nämlich erst an vierter Stelle die Intention genannt, externe Unternehmen anzusiedeln. An erster Stelle rangiert die Vereinfachung von Verwaltungsprozessen, gefolgt von der Elektronifizierung von Verwaltungsprozessen und die Ansiedlung von inländischen Unternehmen. Die aktuelle Zielsetzung hat sich also relativ weit von der ursprünglichen entfernt. Meine These lautet daher, man sollte versuchen, hier eine Vorreiterrolle einzunehmen, auch wenn die Produktion nicht unbedingt in Deutschland stattfindet, denn das intellektuelle Kapital sitzt hier. Wenn man es schafft, hier eine Spitzenposition einzunehmen, dann hat das ungeahnte Auswirkungen auf den Standort Deutschland.“

Pia Karger gab sich mit dieser Einschätzung jedoch nicht zufrieden: „Ich würde ihnen allen gerne einmal die Frage stellen, ob sie als Industrievertreter nicht darüber nachdenken wollen, wie dieses Thema in die Öffentlichkeit zu transportieren ist. Und vor allem, was sie selbst dazu beitragen können?“

Jon Abele erwiderte darauf: „Zum Beispiel, indem wir diese Frage zum Thema einer Beiratssitzung machen.“ Abele stimmte jedoch mit Pia Karger darin überein, dass die Frage, was man darüber hinaus noch tun könne, noch nicht beantwortet sei. Auf jeden Fall müsse das Thema an die Öffentlichkeit gebracht werden. Dazu gehöre Lobbyarbeit in jeder Form. Hier sei aber auch die Bundesregierung gefordert.

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Fazit

Es bleibt also noch viel zu tun. Der Aufgabe, den Nutzen von Informationstechnologie, eGovernment und Verwaltungsmodernisierung deutlich zu machen, fühlt sich auch die Infrastrukturinitiative der eGovernment Computing verpflichtet. Die Redaktion wird daher regelmäßig über den Fortschritt der IT-Konjunkturprogramme berichten und deren Nutzen für den Standort Deutschland untersuchen.

(ID:2020806)