Aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung

Neue Arbeitsteilung im Krankenhaus – kein Fortschritt?

| Redakteur: Jürgen Sprenzinger

Zu wenig Zeit fürs Wesentliche

Im Arbeitsalltag erleben viele Beschäftigte aus allen Berufsgruppen permanente Zeitknappheit. Knapp 60 Prozent sagen, sie hätten nicht genug Zeit für ihre Arbeit, weitere 27 Prozent beantworten die Frage mit „teils- teils“. Mehr als die Hälfte der befragten Ärzte und Pflegekräfte können zumindest mehrmals in der Woche nicht die vorgesehenen Pausen machen.

Fast 83 Prozent aller Beschäftigten geben an, dass auf ihrer Station wichtige Aufgaben vernachlässigt würden. Rund 60 Prozent der Pflegenden und rund die Hälfte der Mediziner beobachten beispielsweise, dass nicht genug für die Information, Anleitung und Beratung von Patienten getan werde. Jeweils knapp die Hälfte der Befragten finden, dass die Ausbildung auf ihrer Station zu kurz komme. Ein Drittel der Pflegenden und etwa jeder fünfte Mediziner sprechen von Defiziten bei der Dokumentation.

Gleichzeitig, konstatieren die Forscher, liege bei den Pflegekräften „ein erheblicher Teil des Aufgabenspektrums abseits der Arbeit mit Patientinnen und Patienten“. Jeweils rund 40 Prozent der Pflegenden geben an, dass sie auch für Transporte, Botendienste, Reinigungsarbeiten, Verwaltung und hauswirtschaftliche Tätigkeiten eingesetzt werden – während sie mit ihren Kernaufgaben kaum nachkommen.

Die Aufgabenteilung wird verschoben, aber eine echte Reorganisation findet kaum statt

Mehr als 78 Prozent der befragten Pflegerinnen und Pfleger haben nach eigener Angabe in letzter Zeit Tätigkeiten vom ärztlichen Dienst übernommen. Pflegekräfte versorgen verstärkt Wunden, sie setzen Spritzen, legen Venenkanülen, geben Medikamente zur Chemotherapie, kümmern sich um die Dokumentation. 47 Prozent bekamen darüber hinaus zusätzliche Verwaltungsaufgaben übertragen.

Zwar haben in etlichen Kliniken offenbar auch die Pflegedienste-Aufgaben abgeben können. Der Anteil der Beschäftigten, die von solchen Entlastungen berichten, ist allerdings deutlich geringer: Knapp 44 Prozent der befragten Pflegekräfte tun das. Am häufigsten hat der Pflegedienst Mahlzeitenbestellungen, die Begleitung von Patienten im Krankenhaus, Boten- und Transportaufgaben sowie Reinigungsarbeiten abgeben können.

Übernommen haben solche Tätigkeiten vor allem Beschäftigte in „Assistenzdiensten“ wie Servicehelferinnen, Stationsassistenten, Pflegehilfskräfte. Ein gutes Drittel der Befragten gibt an, dass derartige Dienste auf ihrer Station neu eingerichtet worden sind.

Doch auch wenn Verschiebungen in der Arbeitsteilung damit durchaus verbreitet sind – von effektiven Reorganisationen kann nach Analyse der IAT-Experten keine Rede sein. Hilbert und seine Ko-Forscher sprechen von „Experimenten“, die die Praktiker auf den Stationen meist nicht überzeugten. Beispiel Pflegedienst: Dessen „Entlastung von patientenfernen Aufgaben“ sei „bei weitem noch nicht systematisch und flächendeckend umgesetzt“. Und wenn die Pflegekräfte Aufgaben und Verantwortung von Ärztinnen und Ärzten übernähmen, dann handele es sich oft nur um „Einzeltätigkeiten“ und nicht um zusammenhängende „Aufgabenkomplexe“.

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