In fünf Jahren sollen drei Millionen Euro Lizenzkosten gespart werden München: Hat sich der Pinguin zu weit aus dem Fenster gelehnt?

Redakteur: Gerald Viola

Wenn die Verantwortlichen in der Münchner Stadtverwaltung eine vorläufige Bilanz der Open-Source-Migration ziehen, dann sagen sie: „Inzwischen kann das Projekt bereits beachtliche Ergebnisse vorweisen.“ Kritiker beurteilen das ganz anders: „LiMux ist wirklich ein Schildbürgerstreich.“

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Rathaus München. Hand in Hand mit dem Auswärtigen Amt auf Open-Source-Werbetour
Rathaus München. Hand in Hand mit dem Auswärtigen Amt auf Open-Source-Werbetour
( Foto: Nagy/Presseamt München )

Tatsache ist: Fünf Jahre nach dem Beschluss des Stadtrates, die 14.000 Arbeitsplätze der Verwaltung an der Isar auf freie Software und ein freies Betriebssystem umzustellen, läuft der LiMux-Basisclient gerade mal auf 1.200 Arbeitsplätzen. Ein Abschluss der Migration, der ursprünglich für dieses Jahr geplant war, ist in weite Ferne gerückt. Die Macher gehen von einem längeren Zeitraum bis 2010 oder bis 2011 oder sogar bis 2012 aus.

Mit der Installierung des Basisclients war vor zwei Jahren begonnen worden. Ein Anlass für die zuständige Bürgermeisterin Christine Strobl eine positive Bilanz zu ziehen: „Zwei Jahre LiMux – Offene Standards, freie Software, starke Wirtschaft“.

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Bei dieser Gelegenheit wurde auch das weitere Vorgehen zum Basisclient bekannt: „Das Direktorium und das Kulturreferat sind nahezu vollständig umgestellt, vier weitere Referate beginnen gerade mit der Umstellung. Im Laufe des kommenden Jahres werden alle Referate mit der Migration begonnen haben.“

Firefox gibt‘s schon für alle

Dabei – so Strobl – setze die Stadt bei der Einführung der freien Software auf eine „weiche Migration“. Die Rechner würden in zwei Schritten umgestellt: Zunächst werde das Officeprodukt der Firma Microsoft durch die freie Alternative OpenOffice ersetzt. Später erfolge dann die Ablösung des Betriebssystems. Windows NT und Windows 2000 sollen dann durch den Basisclient ersetzt werden. „Inzwischen kann das Projekt bereits beachtliche Ergebnisse vorweisen“, sagt Strobl und verweist darauf, dass ja bereits auf allen 14.000 Arbeitsplätzen der Stadtverwaltung freie Software eingesetzt werde, nämlich der Webbrowser und der eMailclient, also Firefox und Thunderbird. Auf 8.000 Arbeitsplätzen sei bereits OpenOffice an Bord. Und WollMux, eine Eigenentwicklung der Stadt zur komfortablen Vorlagen- und Formularverwaltung, sei in acht von zwölf Referaten im Einsatz. Die Landeshauptstadt sieht sich durch die Migration auf einem innovativen Zukunftsweg hin zu einer modernen, offenen Administration und beschwört die Vorteile von LiMux. Ein Vorteil sei die Förderung der lokalen Wirtschaft. Die Begründung: „Durch den Einsatz von kostenfreier Software bezahlt die Stadt nicht mehr vorrangig für die Beschaffung der Software selbst, sondern nur für eventuell notwendige Anpassungen an die besonderen Kundenwünsche. Diese Flexibilität können große Firmen und kommerzielle Programme nicht bieten, sodass freie Software und offene Standards vor allem kleinen und mittleren Unternehmen ermöglichen, sich umfassend am Wettbewerb zu beteiligen. Im Rahmen des Projektes wurden bisher insgesamt vier Millionen Euro an kleine und mittlere Firmen vergeben.“

Weshalb dadurch die lokale Wirtschaft gefördert wird, bleibt bei dieser Argumentation allerdings im Dunkel, denn die meisten Aufträge müssen (teilweise europaweit) ausgeschrieben werden. Eine Bevorzugung der lokalen Wirtschaft wäre ein Verstoß gegen die einschlägigen Vergaberichtlinien. Und unter den Tisch fällt auch, dass erst die Flexibilität großer Firmen das Migrationsprojekt überhaupt ermöglichte.

Effizienzsteigerung?

Durch eine konsequente Vereinheitlichung und Konsolidierung der städtischen Office-Vorlagen werde eine Verringerung von Formularen um etwa 30 Prozent erreicht. Gut so, mögen Kritiker anfügen und fragen, ob dies unter Microsoft nicht auch möglich gewesen wäre.

Nicht so recht nachvollziehbar erscheint auch folgende Rechnung: „Geschäftsprozesse, vor allem im Office-Bereich, werden optimiert. Wenn für sehr viele Beschäftigte die Arbeit ein Stück einfacher wird, ergibt dies zusammengerechnet pro Jahr die Arbeitsleistung von circa 80 Mitarbeitern, die künftig besser genutzt werden kann.“

Darüber hinaus erwartet die Stadt München eine Einsparung von Lizenzkosten in Höhe von über drei Millionen Euro in den nächsten fünf Jahren durch den Wegfall von Ersatzbeschaffungen und Updates.

Nächster Vorteil: Offene Standards. Die Fachprogramme, die die Landeshauptstadt „im Rahmen der Migration selbst erstellt hat“, könnten ihre Formulare und Dokumente direkt als ODF-Dokumente (Open Document Format) ausgeben, ohne dass dafür ein Office-Programm notwendig sei. „Mit offenen Standards werden Monopolstellungen vermieden und der Wettbewerb gefördert.“

Zusätzlich werde durch offene Formate eine langfristige Lesbarkeit der elektronischen Daten sichergestellt. Die elektronische Kommunikation mit den Bürgern sei auch nach der Umstellung der städtischen IT gewährleistet, weil OpenOffice auch die Daten anderer Programme verarbeiten könne. Letzteres steht übrigens im krassen Widerspruch zu einer Äußerung des Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude, der bei seinem Feldzug gegen das Standardisierungsprojekt Microsoft Office OpenXML an Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (Bericht auf Seite 1) schrieb: „Die Interoperabilität und die Kommunikation zwischen Behörden untereinander und Behörden und Bürgern wird durch zwei konkurrierende Dokumentenaustausch-Formate wesentlich erschwert.“ Das Projekt der Landeshauptstadt München, zunehmend freie Software einzusetzen, werde beeinträchtigt.

Zukunftssicherheit

Die aktuelle Migration – so die weitere Migrationsbilanz der Verwaltung der bayerischen Landeshauptstadt – schaffe die Grundlagen, dass zukünftige Anpassungen mit geringem Aufwand durchgeführt werden könnten:

  • In den IT-Abteilungen werde umfangreiches Know-how aufgebaut, das künftig für eine größere Unabhängigkeit von Beratungs- und Entwicklungsfirmen sorgen werde.
  • Die durchgängige Umstellung auf plattformunabhängige Technologien mache die IT unabhängiger, reduziere künftige Aufwände.
  • Durch den Einsatz offener Formate und offener Standards werde eine Produkt- und Hersteller-Unabhängigkeit gewährleistet.

Auch wenn die Stadt München fünf Jahre nach dem entscheidenden Stadtratsbeschluss eine positive Bilanz zieht, kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Migration offenbar problematischer ist, als angenommen. Man musste Abstriche machen, schließt aber seit vier Jahren eine Rückkehr zu Microsoft-Produkten aus. „Wir sind zum Erfolg verurteilt“, hatten damals die Verantwortlichen im Gespräch mit eGovernment Computing gesagt. Allerdings: Die ursprüngliche Planung, dass die einzelnen Referate keine eigenen Administratoren mehr haben sollten, musste revidiert werden. Ebenso der Anspruch, alle 14.000 Arbeitsplätze komplett auf Open Source umzustellen. Derzeit lautet das Ziel 80 Prozent der Rechner zu migrieren, denn ein Teil der Fachanwendungen braucht einfach Windows als Betriebssystem. Eine schmerzliche Erfahrung, die übrigens auch die Stadt Wien machen musste, bei der die Kindergärten auf den Pinguin im Rechner verzichten müssen.

Neue Arbeitsplätze

Stattdessen schafft das Migrationsprojekt Arbeitsplätze an der Isar. Im vergangenen Monat suchte das LiMux-Team vier neue Mitarbeiter. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigten sich 20 Mitarbeiter mit LiMux. In einem Interview beschrieb der stellvertretende Projektleiter Florian Schießl deren Aufgaben so: „Das Projektteam besteht aus 15 Technikern und fünf Projektleitern. Die Techniker stellen unseren Basisclient bereit, warten die Config-Management-Lösung, betreuen unsere Office-Migration und unsere Vorlagen-Software WollMux.“

In diesem Gespräch mit orf.at nannte er auch die neue Zielmarke: „Die Migration soll bis 2012 auf 80 Prozent unserer Arbeitsplätze abgeschlossen sein. Das ist so unsere Zielgröße. Wir werden niemals Linux auf allen Arbeitsplätzen einsetzen können. Genauso wenig wie wir in der Vergangenheit zu hundert Prozent Microsoft-Betriebssystem hatten. Das liegt daran, dass bestimmte Fachverfahren und Arbeitsplätze Software brauchen, die es nur auf Macintosh und Windows gibt. Bei diesen Systemen wäre die Umstellung unwirtschaftlich.“

Und zu den Kosten: „Die Kostenschätzung, die bereits verifiziert wurde, geht von rund 13 Millionen Euro aus. Momentan ist es so, dass wir weit weniger ausgegeben haben als veranschlagt wurde. Darin enthalten sind die Kosten, um die Umstellung zu meistern. 2003 wurde ein Betrachtungszeitrum von fünf Jahren gewählt, der allerdings ausgedehnt wurde. Momentan gehen wir von einem Zeitraum von 2005 bis 2011, maximal 2012 aus, für den diese 13 Millionen Euro bereitgestellt wurden.“

Und bis dahin?

... werden Rechner der Stadtverwaltung in München weiter mit Windows 2000 (Baujahr 2000, Hotline-Unterstützung endete 2005, Sicherheitsaktualisierung bis Juli 2010) und mit Windows NT 4.0 (Baujahr 1996, die Sicherheitsaktualisierungen wurden Ende 2004 eingestellt) arbeiten.

(ID:2014006)