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Moderne Telemedizin und die Chancen für Patienten

| Autor / Redakteur: Henning Schäfer* / Susanne Ehneß

Via Videotelefonie können sich Fachärzte, Allgemeinmediziner oder auch Ergo- und Psychotherapeuten mit ihren Patienten austauschen
Via Videotelefonie können sich Fachärzte, Allgemeinmediziner oder auch Ergo- und Psychotherapeuten mit ihren Patienten austauschen (© Agenturfotografin - stock.adobe.com)

Henning Schäfer von Plantronics erläutert in seinem Gastbeitrag die Einsatzmöglichkeiten der Telemedizin für Patienten in ländlichen Gegenden, bei fehlendem Fachpersonal vor Ort sowie in der ambulanten Psychotherapie.

Bis zum Jahr 2020 sollen etwa 50.000 niedergelassene Ärzte in den Ruhestand gehen. Zwar gibt es genügend Nachwuchs – mit etwa 380.000 praktizierenden Medizinern steht Deutschland im internationalen Vergleich weit oben – doch dieser spezialisiert sich selten auf die Allgemeinmedizin. Heute sind es gerade mal 10,4 Prozent, die diesen Weg einschlagen. Und die Mediziner, die es tun, bleiben lieber in der Stadt. Die Konsequenz: Gerade in ländlichen Gebieten kann es in Zukunft zu einer dramatischen Unterversorgung kommen. In Brandenburg spricht man sogar von einem möglichen Kollaps.

Landarztquote

Eine Landarztquote soll dem entgegenwirken: Zehn Prozent der Studienplätze für Medizin werden für diejenigen reserviert, die sich für zehn Jahre in einem ländlichen Gebiet mit Ärztemangel verpflichten. Da die medizinische Ausbildung aber bis zu zwölf Jahre dauern kann, ist es schwierig, den Erfolg der Quote richtig abzubilden.

Genossenschaft

In Rheinland-Pfalz gründete ein Bitburger Arzt außerdem eine Genossenschaft, die Praxen in ländlichen Gebieten führt. Diese stellt junge Mediziner aus der Region ein, die sich nicht selbständig machen wollen, da sie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit einer eigenen Praxis als zu große Herausforderung sehen.

Telemedizin

Abhilfe schaffen könnte ebenso der Beschluss zur Liberalisierung von Fernbehandlungen, der im Mai 2018 von den Delegierten des Deutschen Ärztetags beschlossen wurde. Demnach dürfen Mediziner Patienten künftig im Einzelfall über Kommunikationsmedien ohne persönlichen Erstkontakt behandeln, sofern es ärztlich vertretbar ist.

Das öffnet völlig neue Wege für die Telemedizin in Deutschland, da rechtliche Grauzonen beseitigt werden. Gerade Videotelefonie birgt hier viele Möglichkeiten. Über den Bildschirm tauschen sich Fachärzte, Allgemeinmediziner oder auch Ergo- und Psychotherapeuten mit ihren Patienten aus. Weder muss die Arzttasche gepackt, noch der eingegipste Fuß vor die Tür gesetzt werden.

Die einen reagieren auf diese Entwicklung skeptisch – schließlich ist das Arzt-Patienten-Verhältnis sehr wichtig und eine gründliche, körperliche Untersuchung sicherlich nicht per Videochat zu gewährleisten. Fachexperten erkennen aber die vielen Vorteile der digitalen Kommunikation, gerade in Bezug auf den Mangel an Spezialisten in ländlichen Gegenden und die alternde Bevölkerung.

Herzkatheter-Untersuchungen per Video

Ein gelungenes Beispiel, wie Telemedizin über Grenzen hinweg Leben retten kann, ist das Red Cross Children’s Hospital in Westkap, Südafrika: Bis zu 260.000 Patienten zählt das Kinderkrankenhaus jährlich. Circa ein Drittel der Kinder sind Säuglinge unter einem Jahr. Das Personal erkannte einen wachsenden Bedarf an kardialen Eingriffen. Es fehlte aber an erfahrenen pädiatrischen Kardiologen.

In Afrika werden Kinderkardiologen während ihrer Fachausbildung in der allgemeinen Herzkatheter-Behandlung geschult. Tiefergreifende Fähigkeiten und Kenntnisse erwerben sie in der Regel über einen längeren Zeitraum durch Weiterbildungen an internationalen Zentren oder die Teilnahme an kostspieligen Kongressen im Ausland. Infolgedessen fehlt es in Afrika an voll ausgebildeten, spezialisierten interventionellen Kinderkardiologen. Noch dazu gibt es lediglich begrenzte Möglichkeiten zur qualitativen Weiterbildung.

Damit sich Klinikchirurgen mit internationalen Experten austauschen können, implementierte das Red Cross Children’s Hospital Videokollaborationslösungen in seinem pädiatrischen Herzkatheterlabor. Das ermöglicht es Medizinern rund um den Globus, sich beispielsweise während einer Herzkatheter-Untersuchung einzuwählen, Ratschläge zu geben, Fragen zu stellen oder neue Behandlungsmethoden zu erlernen. So erhalten Patienten lebensrettende Eingriffe, die eine Operation am offenen Herzen vermeiden können.

Darüber hinaus etablierte das Krankenhaus eine virtuelle Workshop-Reihe namens CATHCHAT. Dabei lernen lokale Kinderkardiologen sowie Medizinstudenten über Live-Video-Übertragungen von internationalen Fachexperten. Durch die Interaktionen der Experten via Video sparen sich das Red Cross Children’s Hospital sowie die zugeschalteten Teilnehmer die teuren Reisekosten. Was aber viel wichtiger ist: Die exklusiven Schulungen helfen nicht nur, die Expertise bei der interventionellen Herzkatheter-Untersuchung in Afrika auszubauen, sondern ermöglichen den Patienten außerdem die bestmögliche ärztliche Behandlung.

Verbesserung der Symptomatik für Angst, Depressivität und Somatisierung

Auch für die Psychotherapie ist Telemedizin eine positive Ergänzung zur traditionellen Behandlung: Jeder zehnte Deutsche leidet beispielsweise an einer Depression. Das zeigt eine aktuelle EU-Statistik. Dabei sind die häufigsten Erkrankungen Angst- und somatoforme Störungen.

Dass Telemedizin auch bei der Behandlung dieser Leiden unterstützen kann, zeigt eine Studie am Institut für Community Medicine an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Das Ziel war es, die Symptome für Angst, Depressivität und Somatisierung zu verbessern. Dabei wurden Patienten nach der Entlassung aus einer psychiatrischen Tagesklinik in drei Studiengruppen geteilt – die erste erhielt regelmäßige, individuelle Telefonate, die zweite wurde zusätzlich durch SMS-Nachrichten betreut, während die dritte Gruppe als Kontrollgruppe eine reguläre Therapie bekam.

Sechs Monate nach Entlassung wurden die Krankheitsbilder der Patienten erneut erfasst. Als Messwert diente die Symptomskala BSI-18 (Brief Symptom Inventory 18) für Angst, Depression und Somatisierung, die eine hochsensible Beurteilung psychologischer Faktoren ermöglicht. Dabei stellten die Experten fest, dass sich insbesondere die Angst- und Depressionswerte der Gruppen eins und zwei signifikant positiver entwickelten im Gegensatz zur Kontrollgruppe. Die Telemedizin bietet also auch in der psychiatrischen ambulanten Versorgung als zusätzliche Behandlungsmethode einen Mehrwert.

Technische Hilfsmittel bei Patienten schon heute im Alltag verbreitet

Während die Telemedizin in Deutschland langsam Fuß fasst, sind Apps bereits heute im Alltag von Patienten angekommen. Ein Beispiel, das zeigt, wie offen Patienten neuen technologischen Hilfsmitteln im medizinischen Umfeld gegenüberstehen, sind beispielsweise Diagnose-Apps, die Blutzuckerwerte oder EKGs analysieren können.

Beliebt sind auch Applikationen, die Menschen beim Abnehmen helfen. Dass diese gerade Adipositas-Patienten positiv unterstützen können, zeigt unter anderem eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Software und Systemtechnik. Die Studie begleitete 100 Betroffene nach einem stationären Klinikaufenthalt, die mit einem Prototyp des Adipositas-Begleiters ausgestattet wurden. Die App diente dabei als Ratgeber und Feedbackinstrument für Patienten. Über ein Tagebuch trugen die Teilnehmer wichtige Termine ein und dokumentierten ihre Befindlichkeiten. Hinzu kam, dass sich die Betroffenen über die App mit anderen Nutzern vernetzen konnten, um sich über Ernährung, Sport- oder Selbsthilfegruppen auszutauschen. Auch mit ihren Therapeuten konnten sie in Verbindung treten.

Der Autor: Henning Schäfer
Der Autor: Henning Schäfer (© Plantronics)

Neue Chancen

Ob per Video, Telefon oder App: Der Beschluss zur Liberalisierung von Fernbehandlungen birgt für Patienten, Ärzte und Therapeuten neue Möglichkeiten für tiefergreifende Behandlungsmethoden. Gerade ländliche Gebiete, in denen es bereits heute einen Medizinermangel gibt, profitieren: Patienten müssten keine langen Wege auf sich nehmen, um eine umfangreiche Behandlung zu erhalten. Doch auch bei Nachbehandlungen oder Kontrollen eröffnet Telemedizin neue Wege für Patienten und Ärzte.

*Der Autor: Henning Schäfer, Regional Director Sales and Marketing, DACH bei Plantronics.

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