Polizei und Feuerwehr machen’s weiter analog Milliardenprojekt Digitalfunk noch später und noch teurer

Redakteur: Gerald Viola

Was lange währt … Eigentlich sollten die Sicherheitsbehörden in Deutschland bei der Fußball-WM 2006 bundesweit digital funken. Jetzt hat die Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS) die Alcatel-Lucent Digitalfunk Betriebsgesellschaft mbH beauftragt, ab 1. Juli 2010 den technischen Netzbetrieb aufzunehmen.

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Polizeifunk: Digitale Verbrecherjagd muss warten (Foto: vio)
Polizeifunk: Digitale Verbrecherjagd muss warten (Foto: vio)
( Foto: vio )

„Das Angebot des Unternehmens hatte das beste Preis-Leistungs-Verhältnis“, sagt die Bundesanstalt: „Aufgabe des Betreibers ist es, die hohe Verfügbarkeit und Qualität des digitalen Funknetzes für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste sicherzustellen. Mit dem Abschluss des Vergabeverfahrens Betrieb ist ein weiterer wichtiger Meilenstein beim Aufbau des BOS-Digitalfunknetzes erreicht.“

Deutschland plant das weltweit größte Sicherheitsnetz

Der Vertrag umfasst die Übernahme des Netzbetriebs von der derzeitigen Interimsbetreiberin und die Sicherstellung des Betriebs über zehn Jahre. Das BOS-Digitalfunknetz ist mit 500.000 Nutzern das weltweit größte Sicherheitsnetz nach dem TETRA-Standard (Terrestrial Trunked Radio). Es soll die schnelle und sichere Kommunikation zwischen den Hilfs- und Sicherheitskräften im täglichen Einsatz und bei operativ-taktischen Maßnahmen bei Großereignissen und im Krisenfall gewährleisten.

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IBM und IABG sind mit im Boot

Die Betriebsleistung wird aus zwei voll redundant ausgebauten Netzbetriebszentren heraus erbracht. Auch die Testplattform, die unter anderem als Zertifizierungsplattform für die vorgeschriebene Freigabe der digitalen Endgeräte nach dem TETRA-Standard dient, wird zukünftig von Alcatel-Lucent betrieben. Außerdem stellt Alcatel-Lucent den autorisierten Stellen der Länder und des Bundes im Rahmen des Regelbetriebes IT-Systeme zur Verfügung mit denen die Sicherheits- und Hilfskräfte im Feld gesteuert werden.

Partner für den technischen Netzbetrieb sind die IBM Deutschland GmbH, die die Verantwortung für die Lieferung und den Betrieb der IT-Systemumgebung übernimmt und die IABG (Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft mbH), die für das Sicherheitsmanagement verantwortlich sein wird.

Die Bundesanstalt unterstreicht: „Bereits heute ist der Digitalfunk BOS in Deutschland im Einsatz – ob für Großveranstaltungen wie Fußball-Länderspiele, Volksfeste oder für tägliche Routineeinsätze. So sind gegenwärtig die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg sowie die Städte München (Bayern), Köln (Nordrhein-Westfalen) und Stuttgart (Baden-Württemberg) „on air“. Insgesamt haben bereits 13 Bundesländer Basisstationen in Betrieb genommen. Beide Netzverwaltungszentren des BOS-Digitalfunknetzes – in Berlin und Hannover – haben ihre Arbeit aufgenommen.

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Allein der Bund muss 40 Prozent drauflegen

Doch selbst der neue Zeitplan gerät ins Wanken. Alcatel-Lucent Digitalfunk: „Gemäß Plan sollen voraussichtlich bis 2012 die alten analogen Netze für die Sicherheits- und Hilfskräfte in ganz Deutschland schrittweise abgelöst werden.“

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, rechnet damit, dass der neue Digitalfunk frühestens 2015 vollständig in Betrieb gehen kann. Für die Umsetzung seien die Länder zuständig. Dort sei aber zum Beispiel in der Vergangenheit versäumt worden, zügig Funkmasten aufzustellen. Zudem sei noch unklar, wer die Kosten für die Umstellung bei den Feuerwehren übernehme, die bei den Kommunen angesiedelt seien. Die Kommunen hätten dafür jedoch kein Geld, sagte Wendt.

Das wäre dann ein IT-Projekt des Staates, das sich um nahezu ein Jahrzehnt verspätet. Und es wird nicht billiger: Das Innenministerium rechnet bis 2021 mit Gesamtkosten – allein für den Bund – von rund 3,5 Milliarden Euro für Planung, Aufbau und Betrieb des Digitalfunks – 40 Prozent mehr, als ursprünglich geplant. Die Gesamtkosten werden mittlerweile auf rund zehn Milliarden Euro veranschlagt.

Fazit

Digitalfunk zur WM 2006 – das war wohl nichts. Aber vielleicht klappt’s ja bis 2018 – München hat sich als Austragungsort für die Olympischen Winterspiele beworben ...

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