Virtuelles Lernen

Migranten lindern kommunalen Mangel an Busfahrern

| Autor / Redakteur: Michael Sudahl / Ann-Marie Struck

Fahrlehrer Burkhard Mülln (l.) bei der Ausbildung
Fahrlehrer Burkhard Mülln (l.) bei der Ausbildung (© SUDAHL)

Bundesweit fehlen nicht nur tausende Bus- und Lkw-Fahrer, die Belegschaften kommunaler Verkehrsbetriebe und Bauhöfe sind zudem überaltert wegen des demographischen Wandels. Entlastung kommt bundesweit von Migranten, die zunehmend die deutsche Sprache gelernt und Qualifizierungen absolviert haben.

Die Fahrschule Mülln in Köngen bei Stuttgart hat sich auf diese Zielgruppe spezialisiert und bildet auch im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit (BA) aus. „Flüchtlinge, die bereits über Monate Busse gereinigt oder in der Grünpflege gearbeitet haben, und sich bei diesen Aufgaben bewährt haben, eignen sich in der Regel auch für den Bus- oder Lkw-Führerschein“, sagt Burkhard Mülln.

Der 58-Jährige betreibt in der Region Stuttgart an mehreren Standorten Fahrschulen und hat die AZAV-Zulassung, um im Auftrag von BA und Jobcentern zu qualifizieren. Schickten diese seit 2009 vor allem Umschüler, etwa Fliesenleger mit kaputten Knien oder Bäcker mit Mehlallergie, um diese in einer Teilqualifizierung binnen fünf, sechs Monaten zu Bus- oder Lkw-Fahrern auszubilden, kommen seit 2017 vermehrt junge Afghanen, Syrer oder Schwarzafrikaner.

„In deren Heimatländern ist der Beruf des Fahrers hoch angesehen und die Hightech-Fahrzeuge faszinieren die jungen Männer“, weiß der Fahrlehrer, der je Schüler 12.000 Euro bekommt. Teil der halbjährigen Ausbildung ist ein mehrmonatiges Praktikum in einem Betrieb, das Mülln ebenso vermittelt wie im Einzelfall ein standortnahes Zimmer, Nachhilfe oder soziale Kontakte, da viele der jungen Männer in der neuen Heimat emotional nicht gefestigt und mit den neuen Freiheiten und Möglichkeiten überfordert seien.

Sein aktueller Engpass sind genügend Fahrlehrer, Moderatoren für den Theorieunterricht und Verwaltungskräfte, die die Fahrzeug- und Raumbelegung, Dokumentation und Abrechnung machen. Möglichst bald will Mülln in den Zwei-Schicht-Betrieb wechseln, um den Fahrlehrern attraktivere Arbeitszeiten zu bieten und seine Fahrzeuge besser auszulasten.

Virtuelles Lernen am Simulator

Ein Ansatz, um die Kapazitäten von Fahrlehrern zu schonen und mehr Menschen in kürzerer Zeit für den Einsatz als Bus- oder Lkw-Fahrer fit zu machen, sind digitale Schulungen. Mit der Datenbrille auf der Nase lernen Lokführer bei der deutschen Bahn seit Jahren in der virtuellen Realität. Auch in der Logistikbranche erfahren Brummifahrer immer häufiger animiert, wie sie sich im Straßenverkehr verhalten müssen.

„Virtuelle Szenarien bleiben im Gedächtnis besser haften als trockener Lernstoff, weil sie erlebt statt gelernt werden,“ sagt Christian Wachter. Der Experte für digitale Bildung entwickelt in seinem Saarbrücker Unternehmen IMC virtuelle und digitale Lernwelten für alle Branchen. Für weniger sprachbefähigte Migranten sei das emotionale Lernen zudem eine Erleichterung.

Logistikdienstleister UPS etwa setze in Nordamerika zur Ausbildung der Paketzusteller auf Fahrertrainings mit Hilfe von Virtual Reality (VR). Gleichzeitig werden mit Szenarien, die an Animationen aus Computerspielen erinnern, gezielt jüngere Generationen sowie lernferne Zielgruppen angesprochen. „Menschen, die sich mit dem Büffeln schwertun, lernen gerne in der Praxis“, erläutert Wachter. In der digitalen Variante werde zudem kein Sprit verfahren und kein Lkw oder Bus benötigt.

Der Fahrer trägt eine Virtual-Reality-Brille und bedient ein Gaming-Lenkrad. Die Simulation erlaubt einen 360-Grad-Blick in bis ins Detail ausgearbeitete Straßenlandschaften.

Auf diese Weise lernen die Fahrer, wie sie gefährliche Verkehrssituationen durch Fußgänger oder geparkte Autos erkennen. In der Animation nimmt unvermittelt ein Kleinlaster die Vorfahrt oder springt in der Dämmerung ein Reh auf die Straße. Der Ausbilder beobachtet die Situation entspannt vom Nebenraum oder schaut sich die Aufzeichnung später an. Problematische Situationen können wiederholt und somit jederzeit geübt werden. Assistenzsysteme wie ESP, Tempomat oder Spurhaltefunktionen funktionierten wie auf der richtigen Straße

Das Fahrgefühl werde über alle Sinne vermittelt. Die Simulator-Kabine sitzt auf hydraulischen Achsen. Wer also gegen einen Bordstein brettert oder ein Verkehrsschild rammt, wird durchgeschüttelt. Auch Witterung, abschüssige Straßen, Seitenwind und das Verhalten eines Anhängers können einige Systeme naturgetreu abbilden, so Wachter.

Er beobachtet, dass die Nachfrage nach Schulungen mit Datenbrille steigt. Der eLearning-Experte empfiehlt, spielerische Elemente einzubinden. Das kann eine von den Kollegen einsehbare Tabelle der besten Fahrer sein oder ein Punktesystem, das in der realen Welt zu kleinen Belohnungen führt. „Je näher wir beim Lernen einem Computerspiel kommen, desto weniger nimmt das Gehirn die Informationsvermittlung als Lernen wahr“, sagt der IMC-Vorstand.

Vorteile der virtuellen Simulation

Lkw-Fahrsimulatoren könnten für 1.500 bis 2.000 Euro pro Tag gemietet werden. Da weder Spritkosten noch Fahrzeugverschleiß anfallen, sei der Preis attraktiv, insbesondere, wenn das Gerät intensiv genutzt wird.

Ob am Simulator eine material- und kraftstoffschonende Fahrweise erlernt werden kann, untersuchte die TU Berlin. Testfahrer legten acht Kilometer zurück. Nach einer theoretischen Einweisung zum ökologischen und vorausschauenden Fahren wurde der Test wiederholt. Das Ergebnis: Alle Fahrer reduzierten ihren Verbrauch: Das beste Ergebnis lag bei minus 30 Prozent, der Durchschnitt bei 21 Prozent.

Fahrlehrer Mülln, der solche Verfahren mit Simulatoren kennt, bestätigt den Nutzen in Teilbereichen: „Das passt vor allem für Flugzeuge oder Panzer mit höchster Komplexität.“ Das physische Erleben hinterm Lenkrad sei aber durch keine virtuelle Realität ersetzbar.

Drängendstes Problem sei aktuell bundesweit, genügend Fahrlehrer zu finden. Er hat deshalb deren Löhne bereits deutlich angehoben und einen Headhunter beauftragt.

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