Linux-Migration in München Microsoft veröffentlicht umstrittene LiMux-Studie von HP

Redakteur: Manfred Klein

Der Glaubenskrieg über den Linux-Einsatz in der Münchner Stadtverwaltung geht in die nächste Runde. Microsoft hat nun die Studie veröffentlicht, die belegen soll, dass die Landeshauptstadt über 40 Millionen Euro hätte sparen können, wenn sie bei Windows-Produkten geblieben wäre. Aber wie belastbar ist die Studie?

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Microsoft will den Pinguin unter die Lupe nehmen – ob es gelingt?
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(Foto: © julien tromeur - Fotolia.com)

Die Studie offenbart zahlreiche, zumeist bekannte Schwachstellen des LiMux-Projektes, hat aber selbst auch mit einem Problem zu kämpfen.

So verweisen die Autoren auf die bereits recht lange Laufzeit des Projekts und die ungewöhnlich hohe Anzahl an involvierten IT-Mitarbeitern. „Das LiMux-Projekt wird damit eine Projektlaufzeit von über zehn Jahren haben. Diese Laufzeit ist bei 15.000 zu migrierenden Mitarbeitern weit überdurchschnittlich lang. In Client-Modernisierungen vergleichbarer Größenordnungen auf modernere Windows-Versionen werden in der Regel Durchschnittdauern von vier Jahren erzielt. In der dem Projekt vorausgehenden Client-Studie wurde sogar davon ausgegangen, dass die Migration nach 27 Monaten komplett abgeschlossen ist.“

Und: „Bei der Stadt München sind derzeit ca. 1.000 IT-Mitarbeiter für die Betreuung der ca. 15.000 Arbeitsplätze zuständig. Auch diese Zahl ist weit überdurchschnittlich. In Kommunen der Größenordnung von München sind in der Regel zwischen 300 und 400 IT-Mitarbeiter angestellt.“

Ein weiteres Problem der Münchner: Die Stadtverwaltung arbeitet keineswegs mit einer einheitlichen Betriebs­systemplattform.

„Die Migration der Betriebsplattform der Stadt München begann im Jahr 2006. Zu dieser Zeit war Debian Linux 3.1 Sarge die aktuelle Debian-Version. Aktuell kommen Debian-Linux Etch und Ubuntu-Linux 10.04 zum Einsatz. Langfristig soll wohl nur noch Ubuntu Linux zum Einsatz kommen, da Debian Etch mittlerweile offiziell nicht mehr unterstützt wird, und weil Ubuntu die bessere Hardwareunterstützung besitzt. Ausschlaggebend für die Entscheidung in Richtung Ubuntu könnte gewesen sein, dass es aus Debian hervorgegangen ist.“

Dementsprechend müssen die Münchner derzeit zwei unterschiedliche Linux-Plattformen betreuen. Und das, obwohl eines der wichtigsten Argumente für das Linux-Projekt der Wegfall der Support-Unterstützung für Windows NT 4 und die damit verbunden Migrationskosten auf Windows XP waren.

Bei den eingesetzten Office-Lösungen sieht es laut Studie nicht viel besser aus. „Als Office-Lösung wurde ursprünglich auf OpenOffice.org gesetzt und auch heute noch verwendet. Im September 2010 ist aus OpenOffice.org das Produkt LibreOffice hervorgegangen, während später aus demselben OpenOffice.org das sogenannte Apache OpenOffice geworden ist. Da sich damit aus einem Produkt zwei neue ähnliche Office-Produkte entwickelt haben, musste sich die Stadt München entscheiden, welches der Produkte sie in Zukunft einsetzen möchte. Sie entschied sich schließlich für einen Wechsel auf LibreOffice.“

Die Autoren der Studie schließen daraus: „Die vielen Plattformwechsel im Rahmen des LiMux-Projektes tragen einen Teil dazu bei, dass das Projekt eine überdurchschnittlich lange Laufzeit hat und eine Etataufstockung benötigte. Für Verzögerungen waren auch zahlreiche Probleme verantwortlich, die sich aus der Migration von Fachprogrammen und Microsoft-Office-Makros ergaben.“

Tatsächlich stehe München innerhalb des LiMux-Projektes bereits vor einem weiteren Wechsel der Plattform, da auch Ubuntu 10.04 nur noch bis zum April 2013 unterstützt wird.

Ebenfalls kritisch merkt die Studie die Situation bei der Einbindung der Fachverfahren an.

In der Regel würden diese Anwendungen für die Microsoft Windows beziehungsweise Office-Systeme entwickelt. Nur eine kleine Anzahl Hersteller mache sich die Arbeit, ihre Anwendungen hier auch an Open-Source-Plattformen anzupassen geschweige denn, dafür zu entwickeln.

Aufgrund der wirtschaftlichen Interessen der Hersteller müssten die dadurch zu erwartenden Kosten in der Kostenkalkulation berücksichtigt werden.

Anzumerken ist, dass die Verfasser ihr Material aus unterschiedlichen Quellen schöpfen – auch aus dem Münchner Stadtrat.

Die besonders heiß diskutierten Lizenzkosten des LiMux-Projektes gibt die HP-Studie mit fast 23 Millionen Euro an. Allerdings räumt die Studie ein, dass dieser Wert, wie auch andere Kostenblöcke, auf den Erfahrungen aus vergleichbaren Migrationsprojekten abgeleitet wurden.

Dies dürfte der größte Schwachpunkt der Studie überhaupt sein. Die angegebenen Gesamtkosten in Höhe von fast 61 Millionen für das Münchner Projekt sind letztlich ein Schätzwert. Auch hätte man gerne gewusst, inwieweit hier auch die Linux-Projekte anderer Kommunen berücksichtigt wurden.

An anderer Stelle der Studie heißt es zur Bewertung der monetären Situation des LiMux-Projektes: „Dieses Dokument macht bei den personellen und den daraus zum Teil resultierenden monetären Aufwandsbetrachtungen nur grobe Schätzungen, weil oft kein geeignetes Zahlenmaterial der Stadt München vorliegt. Für die Betrachtung der Windows-Seite wurden bevorzugt Zahlen der Firma Microsoft, für die LiMux-Seite bevorzugt Zahlen der Stadt München herangezogen. Lücken wurden mit Annahmen, die sich zum Teil aus Projekterfahrungen der Firma HP ableiten lassen, geschlossen.“

Und: „Zur Bestimmung der Betriebskosten bei der Stadt München wäre ein leider derzeit nicht vorhandener tiefer Einblick in die Prozesse der Stadt München und den Umfang beziehungsweise der Diversität der Arbeitsplätze erforderlich.“

Darum habe im Rahmen dieser Studie nur ein Orientierungswert erarbeitet werden können. Dabei sei von üblichen Betriebskosten eines Workplace Managements ausgegangen worden, bei dem es rein um die Aufrechterhaltung des Betriebs der bestehenden Umgebung und der Erfüllung der Anforderungen aus der täglichen Arbeit gehe.

Man darf gespannt sein auf die Reaktion der Landeshauptstadt. Die Glaubenskämpfe werden wohl weiter gehen.

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