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Interview Mehr Leistung für Bürger

Redakteur: Gerald Viola

Die aktuelle IBM-CEO-Studie 2008 für den Öffentlichen Sektor und die Studie eGovernment 2020 des IBM Institute for Business Value zeigen auf, in welche Richtungen sich Öffentliche Verwaltungen voraussichtlich entwickeln werden.

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Thorsten Gorchs
Thorsten Gorchs
( Archiv: Vogel Business Media )

eGovernment Computing sprach mit Dr. Thorsten Gorchs, Leiter der IBM-Unternehmensberatung Global Business Services für den Öffentlichen Dienst, über die Konsequenzen für Behörden und für das Beratungsgeschäft der IBM.

Herr Gorchs, zwei Studien, viele Erkenntnisse. Was sind denn die konkreten Ergebnisse der Studien und welche Trends zeichnen sich ab?

Gorchs: Während die Studie eGovernment 2020 des IBM Institute for Business Value die langfristigen Trends untersucht, zeigt die aktuelle IBM-CEO-Studie 2008 die kurz- bis mittelfristigen Entwicklungen auf. Für letztere haben wir weltweit 1.130 CEOs und Führungskräfte aus der Privatwirtschaft und dem Öffentlichen Sektor befragt. Bei den 179 interviewten Führungskräften aus dem Öffentlichen Sektor sind alle Verantwortungsbereiche, also Bund, Länder und auch Kommunen vertreten. Die Analyse bezieht sich auf das aktuelle qualitative und quantitative Verhalten. Insbesondere werden Investitionsmuster, Pläne für die Zukunft und Entscheidungsgrundlagen durchschnittlich und überdurchschnittlich erfolgreicher Organisationen wie auch Themen wie die soziale Verantwortung einer Organisation bewertet. Für den Öffentlichen Bereich wurden die folgenden fünf wesentlichen Trends festgestellt:

Der Öffentliche Sektor ist fokussiert auf Veränderungen, der Öffentliche Sektor ist innovativer als von seinen Kunden erwartet. Er ist global integriert, von Natur aus revolutionär und – der Öffentliche Bereich ist nicht nur regelkonform, sondern engagiert.

Lassen Sie mich die Ergebnisse anhand einiger Beispiele erläutern. Wir befragten die CEOs nach der Notwendigkeit und dem Erfolg ihrer Veränderungsmaßnahmen. Dabei hat sich gezeigt, dass Entscheidungsträger des Öffentlichen Sektors weiterhin eine Umsetzungslücke zwischen dem erwarteten Umfang der erforderlichen Veränderungen und dem Erfolg bei der Steuerung der Veränderungen in der Vergangenheit sehen – ähnlich ihrer Kollegen aus der Wirtschaft – aber gleichzeitig weniger zuversichtlich hinsichtlich des Umgangs mit Veränderungen sind.

Ein weiterer wesentlicher Punkt ist das Investitionsverhalten. Hier ist deutlich zu sehen, dass der Öffentliche Bereich sowohl in der Vergangenheit stärker investiert hat und auch plant in Zukunft stärker zu investieren als der privatwirtschaftliche Bereich. Dabei hat auch das Thema Soziale Verantwortung einen höheren Stellenwert. Führen mit effizienten Richtlinien, Fördern von Initiativen und Demonstration verantwortlichen Verhaltens eröffnet Chancen sowohl für Behörden, öffentliche Körperschaften als auch verstärkt für die Privatwirtschaft, insbesondere bei Umweltthemen.

Ich möchte Ihnen für den letzten Punkt ein Beispiel geben. Die Stadt Stockholm hat – wie andere Städte auf der Welt auch – mit Staus und Luftverschmutzungen zu kämpfen. Nach einem Pilotprojekt und intensiver Beratung mit Experten und mit der Öffentlichkeit, führte die Stadt mit Unterstützung der IBM ein Mauterhebungssystem ein. Dieses belastet abhängig von der Tageszeit in die/aus der Mautzone fahrende Fahrzeuge. Nach der sieben monatigen Pilotierungsphase bestätigten die Wähler durch ein deutliches Votum die permanente Einführung, gefolgt von der Genehmigung des schwedischen Parlaments. Im Ergebnis ist das Verkehrsaufkommen um 25 Prozent (100.000 Fahrzeuge) gesunken. Staus und Luftverschmutzung sind spürbar zurückgegangen. Dieses Beispiel zeigt, wie engagierte öffentliche Organisationen in Abstimmung mit ihren Kunden mehr für alle Bürger leisten können.

Die globalen Megatrends – sind die deutschen Verwaltungen auf diese Entwicklungen vorbereitet? Wie können IBM Global Business Services sie bei diesem Wandel unterstützen? Da ist doch eine Menge Missionarsarbeit notwendig?

Gorchs: Die globalen Megatrends, wie die sich verändernde Demografie, die wachsende Bedeutung von Umweltaspekten und der kontinuierlich wachsende Einfluss von gesellschaftlichen Beziehungen haben auch in Deutschland eine große Bedeutung. Dies hat Einfluss auf den immer schneller werdenden Wandel unserer Sozialsysteme, aber auch auf die Notwendigkeit der Effizienzsteigerung unserer Verwaltung. Während unsere Sozialsysteme sich immer besser den sich verändernden Tatsachen anpassen, ist in anderen Bereichen weiterhin viel Veränderungsbedarf vorhanden.

Hier bieten wir als IBM Global Business Services unsere Unterstützung an. Wir konzentrieren uns dabei auf folgende Schwerpunkte: Unterstützung unserer Kunden bei der weiteren Professionalisierung ihrer Tätigkeit durch Erhöhung ihrer Prozessorientierung, Qualität und Quantität; Unterstützung bei der Transformation der Kunden selbst und dem Finden neuer Arbeits- und Organisationsformen; Transformation der Informationsverarbeitung und Informationstechnik unserer Kunden hin zu einem eigenständigen oder gemeinsamen Generator für die Wertschöpfung.

Ihre Beratungsschwerpunkte haben eine große Bandbreite. Wo besteht derzeit der größte Handlungsbedarf, wie gehen Sie vor, welche Leistungen bieten Sie an und wie beein-flussen die Studienergebnisse ihre Vorgehensweise?

Gorchs: Wir haben eine große Anzahl von Beratern, die je nach ihrem Schwerpunkt in der Lage sind, die unterschiedlichen Themen im Öffentlichen Sektor mit profundem Fachwissen zu analysieren, Optimierungsmöglichkeiten aufzuzeigen und dann auch umzusetzen. Ein Hauptschwerpunkt der aktuellen Projekte ist die Europäische Dienstleistungsrichtlinie. Dabei sehen wir die Europäische Dienstleistungsrichtlinie nicht (nur) als ein Projekt, bei dem ein Einheitlicher Ansprechpartner platziert wird, der eine passende Software erhält. Vielmehr sehen wir die Europäische Dienstleistungsrichtlinie als einen Katalysator zur Integration und Transformation der Front- und Backoffice-Prozesse in Kommunen oder dafür beauftragten Verwaltungen (Agenturen). Hier geht es, wie in vielen anderen Verwaltungsbereichen auch, in Transformationsprojekten darum, die entsprechenden Geschäftsprozesse zu integrieren und zu optimieren. So wird eine durchgängige und zügige Bearbeitung der Anliegen der Bürger Deutschlands und der Europäischen Union ermöglicht. Ein gutes Beispiel hierfür ist unser Engagement bei der Stadt Dortmund. Hier beraten wir bei der Modellierung und der Umsetzung der für die Europäische Dienstleistungsrichtlinie relevanten Geschäftsprozesse. Die Umsetzung schließt dabei sowohl die Implementierung einer entsprechenden Front- und Backoffice-Software als auch die Anpassung der notwendigen Verwaltungsabläufe ein.

Ein weiterer Schwerpunkt unser Beratung sind Transformationsprojekte im Sozialversicherungsbereich. Gerade die in den Studien festgestellten Trends führen auch in Deutschland zu Änderungen – sowohl in den einzelnen Geschäftsprozessen als auch in den Organisationsstrukturen. Die Bandbreite unserer Aufgaben geht hier von der Beratung zur Einführung oder Modernisierung bestehender Dienstleistungszentren (Shared Services) bis hin zur Umsetzung von Softwareentwicklungsprojekten im Sozialversicherungsbereich, die die bestehenden IT-Systeme zur Unterstützung der Geschäftsprozesse modernisieren oder ersetzen.

Ein erheblicher Teil unserer Berater ist in Projekten des öffentlichen Finanz- und Rechnungswesens engagiert. Hier geht es schwerpunktmäßig darum, in Behörden, Einrichtungen und Verwaltungen von Ländern und Kommunen das kaufmännische Rechnungswesen und Produkthaushalte zur outputorientierten Steuerung einzuführen. Eine solche Umstellung soll mehr Flexibilität und eine wirtschaftlichere Verwendung von Haushaltsmitteln ermöglichen.

Von allein kommt eine Effizienzsteigerung durch eine Umstellung auf eine kaufmännische Buchhaltung jedoch nicht. Hierfür sind weitere Instrumente notwendig. Business-Intelligence- und Datawarehouse-Lösungen schaffen die notwendigen Voraussetzungen für weitergehende Analysen, die dann die Möglichkeit geben, effiziente Steuerungsinstrumente einzusetzen. Unsere Berater bringen in die Projekte vorgefertigte Muster ein, die es dann unseren Kunden erlauben schnell einen Return on Investment (ROI) zu erzielen.

Erläutern Sie uns bitte anhand der übrigen Schwerpunkte, wie Sie durch Ihre Beratung die Verwaltung unterstützen und wie sich der ROI darstellt.

Gorchs: Nicht nur in den Bundesländern und Kommunen ist das kaufmännische Rechnungswesen ein Schwerpunkt. Auch an den Universitäten, Hoch- und Fachhochschulen sind die finanztechnischen Abläufe umzustellen. Neben diesen sind hierbei auch die für einen Campus typischen Geschäftsprozesse mit einzubeziehen. Heute sind Informationen über Studium und Finanzen in verschiedenen Systemen der Hochschule verteilt. Eine umfassende Betrachtung der Ressourcenausnutzung und der Kosteneffizienz ist nahezu unmöglich, die Entscheidungen werden oft auf Basis von subjektiven Einschätzungen getroffen. Im Rahmen einer kürzlich mit der Firma Datenlotsen Informationssysteme GmbH vereinbarten Kooperation, realisiert die IBM erstmals eine integrierte Plattform für eine effiziente Hochschulverwaltung. Das Besondere an der neuen, gemeinsam entwickelten Plattform, ist die Übertragung der Informationen aus dem Campus Management System in die betriebswirtschaftliche Software der SAP.

Ein weiterer Schwerpunkt ist das Gesundheitswesen. Die IBM hat hier mit ihren Partnern in den vergangenen Jahren einen herausragenden Platz eingenommen. Wir haben sehr frühzeitig begonnen, die Telematikinfrastruktur für das deutsche Gesundheitswesen mit zu definieren und zu entwickeln. Heute kümmern wir uns neben der Weiterentwicklung der Telematikinfrastruktur darum, wie man darauf aufbauend Mehrwertdienste zum Wohle der Patienten und zur Steigerung der Effizienz des deutschen Gesundheitswesens einsetzt.

Hierfür haben wir die entsprechenden Beratungsprodukte definiert. Diese gehen über die Bereitstellung von Telematikdiensten über die Beratung zu Themen wie Patienten- oder Fallakte bis hin zu Lösungen und Beratungsleistungen zur Sicherheit im Gesundheitswesen. Neben diesen aufgeführten Feldern bietet die IBM-Unternehmensberatung Global Business Services auch Lösungen und Beratung für die Sicherheitsbehörden sowie für die Bundeswehr an.

In welchen Feldern ergibt sich für die Öffentlichen Verwaltungen das beste Kosten-/Leistungsverhältnis?

Gorchs: Immer dort, wo es in Projekten des öffentlichen Bereiches um die Verbindung von Verbesserungen in den Verwaltungsabläufen, verbunden mit dem Einsatz von modernen IT-Technologien geht, ist bei überschaubaren Kosten eine zügige Verbesserung der Leistungsfähigkeit sichtbar. Hier sind nach relativ kurzer Zeit innerhalb von 12 bis 14 Monaten schon bedeutsame Effekte zu erzielen. Dabei müssen nicht sofort alle Abläufe einer Verwaltung betrachtet werden, sondern es können die Geschäftsprozesse aufgabenbezogen nacheinander verändert werden. Die Verwaltungsabläufe mit dem höchsten Effizienzpotenzial, sind dabei an die Spitze zu stellen.

Entscheidend ist dabei der Mut einer Verwaltung, solche Dinge auch anzugehen und nicht in dem Gewohnten zu verharren. Die Europäische Dienstleistungsrichtlinie kann hier der notwendige Katalysator sein. Die IBM-CEO-Studie hat uns auch in Deutschland gezeigt, dass immer mehr Verwaltungen bereit sind, diesen Weg zu gehen.

(ID:2017020)