Redaktionsbeirat II

Mehr Kommunikation und Marketing für eGovernment

| Redakteur: Manfred Klein

Die Beiräte Volker Kadow, Matthias Kammer und Jon Abele
Die Beiräte Volker Kadow, Matthias Kammer und Jon Abele (Foto: mk)

Scheitern eGovernment und Prozessoptimierung wirklich an der Selbstzufriedenheit der Industrie? Oder müssen sich Staat und Verwaltung nicht doch vorwerfen lassen, sie verfolgten die Projekte nicht mit der notwendigen Energie und Nachdrücklichkeit? Und wird die Wirtschaft überhaupt ausreichend informiert? Hier der zweite Teil der Diskussion.

Willi Kaczorowski fuhr fort, das Verhältnis von Staat und Wirtschaft zu analysieren: „Das ist jedenfalls meine Beobachtung. Als Freiberufler habe ich nun ja vermehrt mit staatlichen Stellen zu tun, und eines kann ich wirklich bestätigen: Das Allererste, was nach einer Gewerbeanmeldung geschieht, ist, dass die Finanzverwaltung die Schnittstelle zum frischgebackenen Unternehmer perfektioniert. Wenn ich nicht termingerecht meine Umsatzsteuererklärung abgebe, habe ich schnell ein richtiges Problem. Allerdings ist die Umsatzsteuererklärung aber auch nahezu der einzige Prozess, der wirklich elektronifiziert wurde.“

Ganz anders verhalte sich das jedoch im umgekehrten Fall, wenn der Unternehmer Leistungen vom Staat abrufen wolle, so Kaczorowski.

„Zahllose antiquierte V­erwaltungsprozesse“

„Wenn ich aber bei der Bundesagentur für Arbeit Leute für mein Unternehmen suche, dann stoße ich auf Formulare, die noch gestempelt werden müssen, weil sie einen Firmenstempel – so steht das da wirklich noch drin – benötigen. Ich glaube nicht, dass viele Start-up-Unternehmen sich noch ernsthaft einen Firmenstempel anschaffen.“

Kazorowskis Bilanz: „Wir haben also eine ganze Reihe von antiquierten Verwaltungsprozessen zwischen der Öffentlichen Verwaltung und Unternehmen.“ Der Leidensdruck, der sich daraus für Unternehmen ergebe, sei allerdings recht unterschiedlich. Man müsse differenzieren, ob es sich dabei um ein Großunternehmen handele, das in der Regel selbst bürokratisch organisiert sei, selbst ein Mittelständler habe mit den beschriebenen Prozessen relativ wenig zu tun. Aber für ein Start-up-Unternehmen, das erst einmal darauf angewiesen sei, dass es beim Gründungsakt staatliche Unterstützung bekomme – zum Beispiel bei der Suche nach Mitarbeitern oder der Beantragung von Fördermitteln –, werde durch solche Prozessabläufe zum Teil massiv behindert.

Auf die Frage von Matthias Kammer, wo die Nachfrage nach eGovernment-Dienstleistungen bleibe, meinte Willi Kaczorowski: „Die fragen wir leider nicht ab, und genau das ist das Problem.“

„Aber diese Nachfrage formuliert ja auch niemand. Die Unternehmen könnten ja auch selbst sagen, dass das und das geändert werden soll“, so Matthias Kammer.

Darauf Willi Kaczorowski: „Selbstzufriedenheit war das Stichwort. Das Bewusstsein für die Veränderungsmöglichkeiten und -Chancen fehlt – sowohl in der Öffentlichen Verwaltung als auch in der Wirtschaft. Ob das aber auf Dauer durchzuhalten ist, wenn ich die internationale Entwicklung im eGovernment beobachte, wage ich zu bezweifeln.“

Gastgeber Dr. Michael Tschichholz von Fraunhofer FOKUS merkte zu dem Problem, weshalb von der Wirtschaft keine Veränderungswünsche formuliert würden, noch an: „Ich kann auch bestätigen, dass von der Wirtschaft kein Druck zur Veränderung kommt. FOKUS hat im Zusammenhang mit der Vorbereitung des Prozessdatenbeschleunigers P23R viele ausführliche Interviews mit Firmen geführt, in denen wir gefragt haben, wie die Prozesse zwischen Verwaltung und Wirtschaft verbessert werden könnten. Dabei sind wir häufig auf die Einstellung gestoßen: Na ja, das können wir ja eigentlich nicht verbessern, weil die Situation mit der Verwaltung nicht änderbar ist.“

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