Bildungspolitik setzt auf Digitalisierung

Mehr Chancengleichheit durch Digitalisierung

| Autor / Redakteur: Hinrich Herkewitz / Ann-Marie Struck

Digitale Medien in Deutschlands Schulen? Noch ist das bislang Zukunftsmusik. Der Digitalpakt soll das nun ändern
Digitale Medien in Deutschlands Schulen? Noch ist das bislang Zukunftsmusik. Der Digitalpakt soll das nun ändern (© contrastwerkstatt – stock.adobe.com)

Der Digitalpakt für das deutsche Schulwesen kommt: Zur Umsetzung der „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ stellt der Bund insgesamt 5 Milliarden Euro bereit. Sehr viel Geld – für sehr große Herausforderungen. Gelingt den Schulen damit der Sprung ins digitale Zeitalter?

Der bereits in der letzten Legislaturperiode viel diskutierte Digitalpakt hat es in den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung geschafft. Schulen sollen so in den nächsten Jahren bundesweit unter­ anderem mit Breitbandanbindung und technischer Infrastruktur versorgt werden. Möglicherweise werden die verfügbaren Mittel sogar noch größer, falls die Länder zu einer Kofinanzierung verpflichtet werden. Das Finanzministerium wird wohl bereits dieses Jahr einen Teil der Bundesmittel bereitstellen – noch vor Abschluss der als Finanzierungsquelle vorgesehenen Versteigerung der 5G-Lizenzen im Jahr 2020.

Ein derartiges Investitionsprogramm im Schulwesen ist nicht nur aufgrund der finanziellen Größenordnung bemerkenswert, sondern auch wegen der bisher verfassungsmäßig gebotenen Zurückhaltung des Bundes im Schulwesen. Die Herausforderungen dieser Sondersituation sind für alle Beteiligten enorm. Es beginnt mit der geplanten Grundgesetzänderung und der nachfolgend abzuschließenden Bund-Länder-Vereinbarung, gefolgt von der zentralen Strategieentwicklung und dem Programm-Management. Auf Länderebene muss die fachliche Begleitung einschließlich konkreter Ausgestaltung der pädagogischen und technischen Konzepte geregelt werden. Und nicht zuletzt bedarf es der operativen Umsetzung in den Einzelschulen. Von der Verfassungsänderung bis zum Verlegung des Breitbandanschlusses vor Ort ist also alles dabei.

Eine Beschaffung von Endgeräten ist hingegen nicht vorgesehen, sondern wird voraussichtlich landes- oder sogar schulträgerspezifisch abgewickelt. Für die Bereitstellung kommen verschiedene Szenarien wie Leasing, Kauf und „Bring your own Device“ in Frage. Ähnliches gilt für den Betrieb, der über den Schulträger, zentrale IT-Dienstleister auf kommunaler oder Landesebene oder neugestaltete IT-Verbünde durchgeführt werden könnte. Erfahrungen aus den IT-Betriebskonsolidierungen der letzten Jahre von Bund, Ländern und Kommunen sind hier eine Hilfe. Da die Investitionen in Infrastruktur und Know-how dauerhaft wirken sollen, wurden Endgeräte beim Digitalpakt bewusst ausgeklammert, um „digitale Strohfeuer“ zu vermeiden.

Es bleibt festzuhalten, dass es die Kommunen als Schulträger sind, die die dauerhafte finanzielle Verantwortung für Betrieb und Instandhaltung tragen werden. Laut einer Studie der Universität Bremen von 2017 kostet eine angemessene IT-Ausstattung aller Schulen mindestens 2,8 Milliarden Euro pro Jahr. Auf den ersten Blick scheint dies vor allem für finanzschwache Kommunen nicht zu stemmen zu sein, doch ein genauer Blick lohnt: Bereits heute werden große Summen ausgegeben, aber aufgrund verteilter Zuständigkeiten gibt es wenig belastbare Zahlen. Trotzdem ist anzunehmen, dass es zu Mehrkosten kommen wird.

Lehrmethoden und Lerninhalte ändern sich

Dem Thema Hardware-Ausstattung schließt sich folgerichtig die Frage nach zeitgemäßer Software-Unterstützung an: So wird etwa über eine offene Schul-Cloud diskutiert, an die sich verschiedene Angebote und vorhandene Plattformen über eine einheitliche Schnittstellen anbinden lassen. Neben administrativen Funktionen könnte der Nutzen vor allem in der Bereitstellung qualitativ hochwertiger und praxisbewährter Lehr- und Lernmaterialien liegen, die unter offenen Lizenzen veröffentlicht werden („Open Educational Resources“).

Unverzichtbar scheint es in diesem Zusammenhang, dass auch die Bildungsinhalte die digitale Transformation der Gesellschaft berücksichtigen. So verweist die von Capgemini und den Trendforschern von Prognos veröffentlichte Studie „Gesellschaft 5.0 – Implikationen der Digitalisierung für ausgewählte Lebensfelder“ darauf, dass Schulen und Ausbildungseinrichtungen sich künftig noch stärker auf die Vermittlung von Methoden- statt Faktenwissen konzentrieren müssen. Dazu zählen insbesondere auch „digitale Grundfertigkeiten“ wie Programmieren.

Weiterhin sollten Kompetenzen wie Datensouveränität sowie der richtige Umgang mit eigenen und fremden Daten und sozialen Medien vermittelt werden. Nur so wird das Bewusstsein geschärft, welche Risiken Cyber-Mobbing, Hate Speech und Fake News oder gar gezielte Manipulation der öffentlichen Meinung darstellen.

Bei dem Fokus auf die politische und planerische Perspektive dürfen diejenigen nicht außer Acht gelassen werden, die letztlich Kompetenzen und Werte vermitteln sollen – hohe gesellschaftliche Erwartungen und schwierige Rahmenbedingungen dürfen nicht zur Überlastung der Lehrer führen. Nach eigenen Erfahrungen des Autors aus Veränderungsprozessen im Schulwesen ist die Akzeptanz seitens der Lehrkräfte der wichtigste Erfolgsfaktor für die bevorstehende digitale Transformation. Mit Informationskampagnen und praktischen Einweisungen in neue technische Lösungen ist es dabei nicht getan.

Es muss das Ziel sein, dass Veränderungen und aufgewendete Mittel letztlich dazu beitragen, dass Lehrkräfte ihre Arbeit besser erledigen können und Schülerinnen und Schüler anspruchsvollere Lern- und Entwicklungsziele erreichen als ohne digitale Hilfsmittel. Digitalisierung ist weder Selbstzweck noch ein neues Betätigungsfeld von Bildungspolitikern, die angesichts ermüdender Strukturdiskussionen um das dreigliedrige Schulsystem, Hürden bei Inklusion und Integration und dem mancherorts enormen Personalmangel um positive Nachrichten bemüht sind.

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