Trends bei Bediensystemen für die Medizintechnik

Medizingeräte werden „interoperabel“

| Autor / Redakteur: Monika Zwettler / Ira Zahorsky

Bediensysteme in der Medizintechnik müssen einiges aushalten und dabei kommunikativ und leicht bedienbar sein.
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Bediensysteme in der Medizintechnik müssen einiges aushalten und dabei kommunikativ und leicht bedienbar sein. (Bild: Steute)

Das Geschäftsfeld Meditec von Steute entwickelt und fertigt Bediensysteme für Medizingeräte. Unser Schwesterportal Konstruktionspraxis sprach mit Guido Becker, Produktmanager Meditec, über die besonderen Anforderungen dieser anspruchsvollen Branche.

Welche Trends sehen Sie bei der Entwicklung medizintechnischer Geräte?

Die Bedienung der Geräte wird immer komplexer und die User Interfaces ebenfalls. Außerdem kommen im OP immer mehr Geräte zum Einsatz, häufig mit dem Ziel, operationsbegleitend bildgebende Verfahren einzusetzen. Auch das hat Auswirkungen auf die Bediensysteme.

Welche Konsequenzen hat das für Ihre Tätigkeit?

Wir müssen uns – gemeinsam mit unseren Kunden – Gedanken darüber machen, wie wir diese Komplexität managen und eine ergonomische, intuitive und fehlerfreie Bedienung der Geräte im OP ermöglichen. Dabei hilft eine intelligente Menüführung, die eine Mehrfachbelegung von Funktionen erlaubt, und – das ist ein ganz wichtiger aktueller Trend – die Vernetzung, d. h. die Bedienung verschiedener Geräte mit ein und demselben User Interface.

Was bedeutet das konkret?

Das heißt: Der Operateur bedient über das User Interface zunächst ein Navigationssystem, um die OP zu planen. Dann schaltet er um und führt mit verschiedenen elektrochirurgischen Geräten die Operation durch, wobei er dasselbe User Interface nutzt. Während der Operation nutzt der Arzt das OP-Mikroskop zur Kontrolle und kann auch hier mit dem gleichen Bediensystem arbeiten, weil die Geräte über ein gemeinsames Interface vernetzt sind.

Vernetzung ist ja auch in der Industrie ein zentrales Thema. Wie wird das in der Medizintechnik gelöst – wer definiert Schnittstellen und Standards?

Es gibt ein Leuchtturmprojekt zur Interoperabilität von Medizingeräten, an dem sich viele renommierte Hersteller und Hochschulen beteiligen. Wir sind als assoziierter Partner mit dabei. Ziel von OR.NET ist es, offene Standards zu entwickeln und zu etablieren, die eine solche Interoperabilität für Geräte verschiedener Hersteller ermöglichen. Zugleich wird OR.NET Schnittstellen für die Anbindung der Geräte an ganzheitliche Krankenhaus-Informationssysteme schaffen.

Ist das noch Zukunftsmusik oder schon Realität?

Auf der Medica im November 2015 haben wir gemeinsam mit weiteren OR.NET-Partnern die praktischen Vorteile der Vernetzung gezeigt: Ein Ultraschall-Dissektor und ein OP-Mikroskop wurden über ein gemeinsames User Interface gesteuert. Bei diesem Projekt wird das Fußbediensystem des OP-Mikroskops genutzt. Der Operateur wählt über ein Touchscreen eines der beiden Medizingeräte an und kann damit das gewünschte Gerät bedienen. Damit wird die Komplexität der Bediensysteme deutlich reduziert, und der Operateur, der abwechselnd den Dissektor und das Mikroskop nutzt, muss sich nicht immer wieder umstellen.

Dieses Projekt betrifft die Zukunft – und wie sieht die Gegenwart aus, was bietet Steute seinen Kunden?

Wir haben unser Produktspektrum in zwei Linien unterteilt. Die „Classic“-Bediensysteme werden auf der Basis eines Modulsystems nach den Wünschen des Kunden konfiguriert. Die User Interfaces der „Custom“-Linie werden von Grund auf gemeinsam mit dem Kunden entwickelt. Den Schwerpunkt unserer Tätigkeit bilden die Fußbediensysteme für unterschiedlichste medizinische Disziplinen, wir bieten aber auch Handbediensysteme an.

Häufig wird über die Hygiene in Krankenhäusern diskutiert. Hat das Auswirkungen auf die Gestaltung der User Interfaces?

Durchaus. Wir haben Fußbediensysteme entwickelt, die sich für die maschinelle Reinigung und Desinfektion (RDG) eignen. Dieses Verfahren ist bisher nur bei den im OP benutzten Instrumenten üblich. Außerdem ist die Hygiene ein wesentlicher Grund dafür, dass die Bediensysteme heute per Funk mit dem Medizingerät kommunizieren.

Diesen Trend gibt es in der Industrie ebenfalls. Können Sie die gleichen Funkstandards nutzen wie Ihre Kollegen im Geschäftsbereich Wireless?

Nein. Wir haben eine dezidierte Funktechnologie für die Medizintechnik entwickelt.

Was wird der Schwerpunkt Ihres Messeauftritts auf der Medtec 2016 sein?

Wir sind gemeinsam mit anderen Zulieferern auf dem VDMA- Gemeinschaftsstand Medizintechnik vertreten und zeigen beispielhafte User Interfaces für Medizingeräte aus verschiedenen Disziplinen – natürlich auch maschinell reinigbare und funkgesteuerte Bediensysteme.

War es rückblickend eine gute Strategie, die Medizintechnik als Zielbranche zu erschließen?

Für uns war es auf jeden Fall der richtige Schritt. Wir haben uns damit vor etwa zwanzig Jahren einen sehr innovativen und technologie-affinen neuen Kundenkreis erschlossen, mit dem wir intensiv zusammenarbeiten und gemeinsam wachsen. Allerdings muss man auch sagen, dass die Eintrittsbarrieren hoch sind.

In der Medizintechnik gibt es ein völlig eigenständiges Normenwerk, und als Medizinprodukte unterliegen die User Interfaces sehr hohen Anforderungen an Qualität und Rückverfolgbarkeit etc.

Deshalb werden sie bei uns auch in einem vollständig separaten Produktionsbereich gefertigt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Der Artikel erschien zuerst in unserem Schwesterportal konstruktionspraxis.

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