Modellieren statt programmieren Low Code und die Körperschaftsteuer

Autor / Redakteur: Dr. Sebastian Lorenz* / Susanne Ehneß

Software anpassen ohne Programmierung? Genau das verspricht das Entwicklungskonzept Low Code. Wie das in der Praxis funktionieren kann, zeigt die Digitalisierung der Körperschaftsteuer.

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Software selbst gestalten, ohne klassische Programmierung, das bedeutet Low Code
Software selbst gestalten, ohne klassische Programmierung, das bedeutet Low Code
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Wenn es um die Anwendung neuer technischer Entwicklungen geht, gilt der öffentliche Sektor selten als „Early Adopter“ und Innovationstreiber. Dass dieser Eindruck manchmal trügt, zeigt die Verwendung einer Low-Code-Plattform im Rahmen der Elektronischen Steuererklärung (ELSTER). Dort ist der moderne Softwareentwicklungsansatz – wenn auch ursprünglich unter anderem Namen – seit 2008 produktiv im Einsatz.

Das Marktforschungsunternehmen Forrester etablierte den Begriff „Low Code“ im Jahr 2014. Die Idee hinter Low Code ist simpel: Fachexperten sollen mithilfe möglichst einfach zu bedienender Werkzeuge in der Lage sein, Teile von Software selbst zu gestalten – ohne klassische Programmierung. Mithilfe der Werkzeuge lassen sich bestimmte Aspekte der Anwendung, wie die Gestaltung der Oberfläche oder die dahinterliegende Geschäftslogik, modellieren. Spezielle Generatoren und Interpreter überführen diese in den Werkzeugen erstellten Modelle dann in Programmcode und lauffähige Software.

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Es entfällt also der Schritt, dass die Fachexperten ihre Änderungswünsche an Entwickler weiterreichen, die die Neuerungen dann ausprogrammieren. De facto muss weniger Code von Hand geschrieben werden. Genau dieses Prinzip ist mit „Low Code“ gemeint. Und genau dieses Prinzip ist eben mit den Werkzeugen von ELSTER, die das Bayerische Landesamt für Steuern bereitstellt, in der Steuerverwaltung seit Jahren in Gebrauch. Mittlerweile sind über 18 Millionen Zeilen Code der Umgebung „Mein ELSTER“ generiert.

Steuerverwaltung als ­Vorreiter

Zu den Anwendern der ELSTER-Werkzeuge gehört unter anderem der Finanzbeamte Björn Claudy aus der Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main. Zusammen mit einem sechsköpfigen Team (Team Fachautomation) verantwortet er die elektronische Körperschaftsteuererklärung in ELSTER und das dazugehörige Backendsystem (Steuerberechnung und Bescheiderstellung). „Das Steuerverfahren ist ein Massenverfahren, das administrativ beherrschbar sein muss“, sagt Claudy. „Schon seit den 1970er Jahren war klar: Nur mit Bleistift und Papier wird das nichts. Die Steuerverwaltung war eine der ersten, die massiv auf Computer gesetzt hat.“ Das ist sicherlich ein Grund dafür, dass auch Low-Code-Ansätze bzw. modellgetriebene Softwareentwicklung in der Steuerverwaltung schon vergleichsweise früh genutzt wurden und heute nicht mehr wegzudenken sind.

„Früher war man der Ansicht, dass bestimmte Digitalisierungsschritte nur von Technikern machbar sind. Dass man es dem Fachmann nicht zumuten kann, zum Beispiel den Typ eines Feldes festzulegen“, fährt Claudy fort. „Heute wissen wir, dass das nicht stimmt. Wenn es die richtigen Werkzeuge gibt, kann man es lernen – auch ohne IT-Background.“

Der Bereich „Fachautomation“ mag technisch klingen. Er ist jedoch nicht mit Informatikern besetzt, sondern ausschließlich mit Steuer­experten. Digitalisierung wird von der Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main zuallererst als fachliche Aufgabe verstanden. Sehr gute Steuerkenntnisse sind unabdingbar. Neue Werkzeuge, die gerade dem Fachbereich größere Freiheiten bei der Anpassung der Software einräumen, passen sehr gut zu diesem Verständnis.

Mittlerweile enthält der Low-Code-Ansatz von ELSTER eine ganze Reihe von Modellierungswerkzeugen, die an unterschiedlichen Stellen der Prozesskette zum Einsatz kommen. Der neueste Spross des Werkzeugkoffers ist für die digitale Bearbeitung von Vordrucken ausgelegt.

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