Digitalisierung an Hessens Schulen Lehrkräfte zwischen Unterricht und IT-Support

Von Natalie Ziebolz

Das Programm „Digitale Schule Hessen“ soll junge Menschen fit für die digitale Zukunft machen. Die technische Ausstattung ist mittlerweile vorhanden, der First-Level-Support wird jedoch meist von Lehrkräften übernommen – zum Nachteil der Schüler.

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Hessen hat zahlreiche Notebooks und Tablets für Schüler und Lehrkräfte angeschafft, dadurch werden jedoch auch neue IT-Supportstrukturen notwendig
Hessen hat zahlreiche Notebooks und Tablets für Schüler und Lehrkräfte angeschafft, dadurch werden jedoch auch neue IT-Supportstrukturen notwendig
(© Robert Kneschke - stock.adobe.com)

87.300 Tablets und Notebooks für bedürftige Schüler, fast 63.900 Endgeräte für Lehrkräfte und ein gigabitfähiger Internetanschluss an 1.509 von 2.000 Schulen – die Zwischenbilanz zur Digitalisierung an Hessens Schulen liest sich gut. Auch die landeseigene digitale Lehr- und Lernplattform wächst stetig: Mittlerweile nutzen 700.000 Anwender, 85 Prozent der Grundschulen sowie 97 Prozent der öffentlichen weiterführenden Schulen das kostenfreie Angebot mit Lernmanagementsystemen, Lerninhalten oder Applikationen für die Unterrichtsorganisation.

„Digitale Ausstattung und Unterricht sind kein Selbstzweck, sondern die wesentliche Grundlage für die individuelle Förderung unserer Schülerinnen und Schüler“, erklärte Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz im Hessischen Landtag. Er betonte im Rahmen dessen auch, dass die Digitalisierung an den Schulen nur gelinge, wenn eine gute technische Ausstattung der Unterrichtsräume und geeignete pädagogische Konzepte mit gut ausgebildeten Lehrkräften ineinandergriffen.

Lehrkräfte übernehmen IT-Support

Für den Hessischen Philologenverband (hphv) wird dabei jedoch ein entscheidender Punkt außer Acht gelassen: die Doppelbelastung, der die Lehrkräfte an vielen Schulen ausgesetzt sind. Sie können sich nicht mehr ausschließlich auf den Unterricht konzentrieren, sondern müssen oftmals auch den technischen Support übernehmen. Sebastian Krämer, Kreisvorsitzender des hphv-OF und Mitglied der AG Digitalisierung des GPRLL-Offenbach, spricht im Interview über die aktuelle Situation der Lehrkräfte und die Forderung des Verbandes nach IT-Assistenten für den First-Level-Support:

Bisher gibt es in den einzelnen Schulamtsbezirken Medienassistentenstellen. Wie viele Stellen gibt es genau und wie viele sind davon tatsächlich besetzt?

Krämer: Darüber, wie viele Medienassistenten-Stellen es bisher gab – und ob davon aktuell überhaupt noch welche besetzt sind –, liegen mir keine Daten vor. Mein Stand ist, dass auf jeden Fall keine neuen Stellen an den Schulen geschaffen wurden. Die Stellen der Medienassistenten, die in Rente gegangen sind, wurden auch nicht mehr neu besetzt.

Welche Ausbildung haben diese Medienassistenten?

Krämer: Über die genauen Ausbildungsinhalte habe ich keine Informationen, allerdings sah das damalige Stellenprofil unter anderem vor, dass zum Beispiel VHS-Videorekorder, Overhead-Projektoren und Kopierer gewartet werden sollen. Somit wurden diese Stellen vor der Digitalisierung der Schulen geschaffen.

Warum werden die Medienassistentenstellen in einigen Schulamtsbezirken abgeschafft?

Krämer: Als Begründung wird immer wieder angeführt, dass es auf dem Markt kein Personal gäbe, da der Bedarf an IT-Fachkräften sehr hoch sei. Eine Rolle spielen bestimmt auch Kostengründe.

Zum Thema Service und IT-Support schreibt das Bildungsministerium: „Die Hauptaufgabe der Lehrkräfte soll in der pädagogischen Vermittlung von Kompetenzen und Inhalten und nicht in der Wartung von Netzen und Geräten liegen“. Personalkosten für Administration und Wartung sind laut den hessischen Förderrichtlinien aber nicht förderfähig. Wie passt das zusammen?

Krämer: Hier zeigt sich die Ambivalenz in dieser Frage. Einerseits wird den Schulen kein externes Personal in diesem Bereich zur Verfügung gestellt, andererseits fühlen sich die Schulen an vielen Stellen bei technischen Problemen alleingelassen. Auch wenn an den Schulen hochengagierte Lehrkräfte versuchen, diese Mängel zu beheben, müssen sie dies neben ihrem Unterricht erledigen. Stundenentlastungen müssen aus dem Schuldeputat entnommen werden und fehlen somit an anderer Stelle, worunter unter anderem die Förderung der Kinder leidet. Zudem werden diese Aufgaben häufig von Informatik-, Physik- und Mathematiklehrkräften übernommen, deren Fächer zu den sogenannten Mangelfächern gehören. Da es für diese Lehrkräfte keinen Ersatz gibt, können unter anderem Förderkurse nicht stattfinden.

Um das Support-Problem in den Griff zu bekommen, fordert der hphv die Schaffung des Stellenprofils „IT-Assistent“. Welche Vorteile würde das mit sich bringen?

Krämer: Durch die Schaffung der IT-Assistenz wird gewährleistet, dass die Endgeräte auch eingesetzt werden können. Fällt aktuell beispielsweise das Schulnetzwerk aus, können unter Umständen in der kompletten Schule die digitalen Tafeln nicht eingesetzt werden. Darunter leidet der Unterricht erheblich. Aber schon bei grundsätzlicheren Fragen, wie zum Beispiel, wer die Druckertoner austauscht oder sich um die Verwaltung der Leihgeräte kümmert, gibt es keine zufriedenstellenden Antworten. Aufgaben wie das Aufspielen und Updaten von Software und die Wartung der Geräte können gerade bei kleineren Schulen – wie Grundschulen mit Kollegien mit weniger als zehn Personen – kaum ohne externes Personal erledigt werden. Aktuell muss bei akuten technischen Problemen die „IT-affine Lehrkraft“ gegebenenfalls ihren Unterricht verlassen, um eine Lehrkraft in einem anderen Raum zu unterstützen. In keinem anderen Berufsfeld wird erwartet, dass der IT-Support „so nebenbei“ erledigt werden soll.

Wie würde diese Stelle dann finanziert werden?

Krämer: In der Vergangenheit wurden die Medienassistenten vom Schulträger bezahlt. Bei Landesprogrammen wie „Starke Heimat Hessen“ wurden die Kommunen allerdings bereits vom Bundesland unterstützt. Eventuell wäre ein ähnliches Programm in diesem Zusammenhang möglich.

Was muss sich in Zukunft ändern, damit von der Digitalisierung der Schulen alle – also Lehrer, Schüler und Schulen – profitieren?

Krämer: Neben der Einstellung von externem Personal zur Unterstützung, ist ein Abbau bürokratischer Hürden sowie ein umfangreiches Fortbildungsangebot für die Lehrkräfte notwendig. Zusätzliche finanzielle Mittel zum Beispiel für die Anschaffung von Tablet-Koffern und geeigneter Lernsoftware wären ebenso wünschenswert.

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Der Interviewpartner: Sebastian Krämer
Kreisvorsitzender des hphv-OF und Mitglied in der AG Digitalisierung der Gesamtpersonalräte der Lehrerinnen und Lehrer (GPRLL) Offenbach

Bildquelle: hphv-OF

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