Umsetzung der BITV 2.0 lässt zu wünschen übrig

Krankenkassen-Websites sind nicht barrierefrei

| Autor: Ira Zahorsky

Nicht nur der Weg zur Krankenkasse, sondern auch ihre Webseite, sollte barrierefrei sein.
Nicht nur der Weg zur Krankenkasse, sondern auch ihre Webseite, sollte barrierefrei sein. (© cirquedesprit - stock.adobe.com)

Die Webseiten der 15 mitgliederstärksten deutschen Krankenkassen sind nicht für die Nutzung durch blinde, motorisch beeinträchtigte oder gehörlose Menschen ausgelegt.

„Rund 90 Prozent der Deutschen sind in einer gesetzlichen Krankenversicherung“, sagt Peter Klingenburg, Geschäftsführer beim Digitaldienstleister T-Systems Multimedia Solutions, der die Untersuchung durchführte. „Natürlich werden auch hier im Zuge der Digitalisierung immer mehr Verwaltungs- und Kommunikationsprozesse über digitale Kanäle erledigt. Dass die entsprechenden Inhalte dabei für alle Nutzergruppen zugänglich sein sollten, ist nicht nur Teil des Versorgungsauftrags der Krankenkassen, es ist auch im Behindertengleichstellungsgesetz festgeschrieben“, so Klingenburg weiter.

Peinlich, wenn ausgerechnet die Online-Angebote von Krankenkassen nicht auf die Bedürfnisse von körperlich behinderten Menschen ausgerichtet sind. Und doch ergab diee Untersuchung genau das: 14 von 15 überprüften Webauftritten weisen so große Mängel auf, dass beeinträchtigte Nutzer diese nicht selbstständig nutzen können.

Barrierefreiheit mangelhaft

Im Februar 2018 testeten acht Barrierefreiheitsexperten von T-Systems Multimedia Solutions die Webauftritte der 15 größten Krankenkassen Deutschlands (nach Anzahl der Mitglieder) auf Barrierefreiheit. Betrachtet wurden acht Prüfkriterien, die auf der Barrierefreien-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) basieren.

Getestet wurden der Mindestkontrast zwischen Text und Hintergrund für Menschen mit geringer Sehschärfe. Bei neun Krankenkassen war diese Anforderung nicht für alle Texte erfüllt. In 6 von 15 Onlineangeboten war der Text-Hintergrund-Kontrast gut wahrnehmbar gestaltet. Die Erhöhung der Textgröße mit Hilfe des Browserzooms auf mindestens 200 Prozent war in allen Online-Angeboten durchgängig möglich.

Nur bei zwei Krankenkassen war die Strukturierung der Überschriften auf der Website für blinde Nutzer umgesetzt. Die Verknüpfung von Formularfeldern mir deren Beschriftung sowie die verständliche Benennung wurde immerhin von sechs Kassen erfüllt. In einem Onlineangebot waren Felder falsch oder gar nicht beschriftet. In weiteren acht waren die Beschriftungen unverständlich oder mussten umständlich aus dem Kontext ermittelt werden.

Da blinde User nicht mit der Maus arbeiten, müssen alle interaktiven Elemente auch mit der Tastatur bedient werden können. Dies gilt auch für motorisch beeinträchtigte Menschen. Für diese muss zudem der Tabulatorfokus immer deutlich sichtbar sein. Diese Vorgaben erfüllten nur drei Krankenkassen.

Am härtesten trifft es gehörlose Nutzer, die auf eine alternative Sprache, wie Leichte oder Gebärdensprache angewiesen. Trotz gesetzlicher Vorgaben, die beide Sprachen für gehörgeschädigte beziehungsweise kognitiv beeinträchtigte Nutzer fordern, bieten nur zwei Krankenkassen Informationen in Leichter Sprache an. Nur fünf Kassen boten mit einem erreichbaren Live Chat eine unmittelbare Kontaktmöglichkeit für hörgeschädigte Benutzer an.

T-Systems Multimedia Solutions bietet die vollständigen Untersuchungsergebnisse zum kostenfreien Download an, allerdings ohne die Krankenkassen beim Namen zu nennen.

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