Breitbandausbau Keine Flächendeckung ohne Vectoring

Autor / Redakteur: Staatssekretär Jürgen Lennartz / Manfred Klein

Jürgen Lennartz, Staatssekretär und Chef der Staatskanzlei des Saarlandes und seit kurzem auch CIO des Landes, erläutert in seinem Gastbeitrag zum Thema Breitbandausbau für eGovernment Computing, welche Schritte nach Meinung seines Landes zwingend für den Erfolg beim Breitbandausbau sind.

Firmen zum Thema

Gibt es Alternativen zur Glasfaser
Gibt es Alternativen zur Glasfaser
(Bild: Teteline Fotolia.com)

Infrastrukturinvestitionen waren und sind bedeutende Eckpfeiler für gleichwertige Lebensbedingungen in Deutschland. Unser Land hat sich ein ambitioniertes und wichtiges Ziel gesetzt. Bis 2018 soll eine flächendeckende Verfügbarkeit von Breitbandanschlüssen mit Bandbreiten von 50 Mbit/s gewährleistet werden. In vielen Regionen besteht jedoch noch Aufholbedarf, insbesondere im ländlichen Raum.

Das Breitbandförderprogramm des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur wird sicherlich an vielen Stellen das Aufholen vereinfachen und damit einen grundlegenden Beitrag zur Erreichung des angestrebten Ziels leisten.

Diskussionen um die technologische Umsetzung des Breitbandausbaus werden in Deutschland bereits seit Jahren sehr kontrovers geführt. Dabei allein von einer optimalen Ausbautechnologie zu sprechen, wird dem Technologiespektrum und den vielen legitimen Ausbaustrategien nicht gerecht.

Die regional unterschiedlichen Strategien werden maßgeblich vom Marktgeschehen, von verfügbaren Haushaltsmitteln, vom Zeithorizont und nicht zuletzt von der Flächendeckung des Ausbaus beeinflusst. Hier ausschließlich auf einen zukunftsträchtigen Glas­faservollausbau zu setzen, würde die Wirklichkeit in unserem Land verkennen.

Deutschland verfügt über ein flächendeckendes Telefonkabelnetz auf Kupferbasis. Dieses vor Jahrzehnten entstandene Netz mag zunächst angestaubt erscheinen. Durch moderne Technologien wie Vectoring lassen sich die im Kupfernetz realisierbaren Bandbreiten heute aber auf Werte zwischen 50 und 100 Mbit/s erhöhen, die dank zukünftiger Entwicklungen noch weiter steigen dürften.

Im Zuge einer solchen Netz­aufrüstung werden weite Teile des Kupfernetzes durch Glasfaser­strecken ersetzt, sodass nur die letzten wenigen hundert Meter zu den Haushalten noch über Kupferleitungen führen. Die dabei geschaffenen Glasfasertrassen lassen sich für den späteren Ausbau der Glasfasern bis in die Gebäude hinein nutzen und stellen damit einen wichtigen Zwischenschritt zum Glasfaservollausbau dar.

Jürgen Lennar pladiert für Breitband vor Glasfaserausbau
Jürgen Lennar pladiert für Breitband vor Glasfaserausbau
(Bild: Staatskanzlei des Saarlands /(c) 2012 Carsten Simon / cs@luminanz.eu)

Die Aufrüstung von Bestandsnetzen ist meist wesentlich schneller, vor allem aber sehr viel kostengünstiger zu bewerkstelligen, als der langwierige und außerordentlich kostenintensive durchgängige Glasfaserausbau. Die vergleichsweise niedrigen Kosten können oftmals durch Einnahmen aus der Netzvermarktung refinanziert werden. Vielerorts ist eine Aufrüstung daher die wirtschaftlichste Alternative, die dem mittelfristigen Bedarf gerecht wird.

Das zeigt auch ein Blick auf den Markt: Vectoring gilt derzeit als Ausbauvariante der Wahl für eine große Mehrheit der Netzbetreiber – unabhängig davon, ob der Ausbau marktgetrieben erfolgt, oder gefördert wird.

Es geht vor diesem Hintergrund auch an der Wirklichkeit vorbei, zu meinen, nach Bereitstellung eines vollausgebauten Glasfasernetzes in zuvor unterversorgten Regionen fände keine Aufrüstung älterer Infrastrukturen mehr statt. Im Gegenteil: Oft lohnt sich eine Netzaufrüstung für regional etablierte Anbieter gerade dann, wenn sie Kunden an ein anderes Netz zu verlieren drohen.

Jedes Glasfasernetz muss als Parallelinfrastruktur noch auf viele Jahre oder sogar Jahrzehnte hin mit immer weiter aufgerüsteten Bestandsnetzen konkurrieren, bis der Endkundenbedarf deren maximale Leistungs­fähigkeit endgültig übersteigt. Wann dies geschieht, kann heute kaum prognostiziert werden.

Noch immer gibt es im Privatkundenmarkt kaum Anwendungsfälle, die deutlich höhere Bandbreiten als 50 Mbit/s erfordern. Solange kein entsprechender Bedarf besteht, rechnen sich die meisten reinen Glasfasernetze allenfalls bei außerordentlich langfristiger Betrachtung, die mit heute noch nicht absehbaren Unwägbarkeiten verbunden ist.

Insgesamt steht in Deutschland ein einstelliger Milliardenbetrag für die Förderung des Breitbandausbaus zur Verfügung. Bund, Länder und Kommunen müssen nun entscheiden, wie diese Mittel sinnvoll einzusetzen sind. Fördern wir die jeweils wirtschaftlichste Technologie, können wir eine hohe Flächendeckung recht kurzfristig erzielen. Setzen wir auf den Glasfaservollausbau, werden wir mit der derzeitigen Mittelausstattung nur punktuell Verbesserungen erreichen.

Viele Bürger und Unternehmen sind heute noch immer vom Breitbandinternet abgeschnitten. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie den Anschluss an die zügig voranschreitende Digitalisierung verpassen, die unseren Alltag und unsere Arbeitswelt schon heute prägt.

Wir müssen den Breitbandausbau daher zunächst zügig in die Fläche tragen und akzeptieren, dass wir den Glasfaservollausbau erst in einem späteren Schritt, sobald der tatsächliche Bedarf dies rechtfertigt, verwirklichen können. Investitionen in diesen Zwischenschritt sind sinnvoll, auch aus ökonomischer Sicht. Sie legen den Grundstein für den weiteren Auf- und Ausbau der Glasfasernetze.

(ID:43544026)