Digitalisierung im Krankenhaus

IT im Dienste des Menschen

| Autor: Susanne Ehneß

Passt sich die medizinische Aus- und Weiterbildung an, um das Personal auf die digitalen Veränderungen vorzubereiten?

Prof. Werner: Die Ausbildung der Studierenden wird sich ebenfalls grundlegend verändern müssen, weil wir ein neues Kompetenzprofil der angehenden Ärzte benötigen. Die tradierte Ausbildung, in der nach wie vor die Vermittlung rein fachlichen Wissens im Vordergrund steht, wird den Herausforderungen der Zukunft nicht mehr ausreichend gerecht. Dies betrifft sowohl das Arbeiten in einer zunehmend digitalisierten Umgebung als auch die Sozialisation während des Studiums. Wir müssen dahin kommen, den Gedanken des Teamworks, der Interdisziplinarität und ganz besonders der Interprofessionalität noch viel stärker im Bewusstsein und dem Selbstverständnis der angehenden Ärzte zu verankern. Diese kommunikativen Qualitäten werden der Schlüssel zum Behandlungserfolg und immer mehr auch zum persönlichen Karriereerfolg.

In abgeschwächter Form gilt das auch für die Pflege. Auch hier muss die Ausbildung künftig auf die Tätigkeit in einem digitalisierten Arbeitsumfeld vorbereiten. Insbesondere die Pflegekräfte werden erst dann die Möglichkeiten der Digitalisierung in vollem Umfang nutzen können, wenn sie in die Lage versetzt werden, verfügbare Hilfsmittel wie zum Beispiel die Elektronische Patientenakte tatsächlich effizient und unter Ausschöpfung aller Möglichkeiten zu nutzen. In der Universitätsmedizin Essen bieten wir zudem für alle neuen Beschäftigten verpflichtend mehrtägige Einführungskurse zu allen Aspekten der täglichen Arbeit an, explizit auch zum richtigen Umgang mit digitalen Assistenzsystemen. So können alle neuen Beschäftigten schon am ersten Tag auf Station diese Möglichkeiten nutzen.

Wie ist Ihre Einschätzung: Ist die Digitalisierung im Gesundheitswesen nicht nur Segen, sondern auch Fluch?

Prof. Werner: Ohne die auch zweifellos vorhandenen Gefahren einer unreflektierten Digitalisierung negieren zu wollen, wie es sich im Datenschutz und in Cyber Crime niederschlagen kann, möchte ich feststellen, dass die Digitalisierung für mich als Arzt, Mensch und Manager ein Segen ist. Sie hilft entscheidend weiter, unsere Kernaufgabe zu erfüllen: Menschen zu helfen und Menschen zu heilen. Dafür bieten sich völlig neuartige Möglichkeiten und Perspektiven, die es in der Vergangenheit nicht gab.

Es ist unserer Aufgabe, die Digitalisierung so zu gestalten dass sie kein Selbstzweck wird, sondern den Menschen nutzt: Unseren Patienten, ihren Angehörigen und unseren Mitarbeitern. Der Personalentwicklung müssen wir dabei eine ganz besondere Aufmerksamkeit widmen. Dies ist bereits deshalb erforderlich, weil die staatliche Ausbildung den künftigen Erfordernissen einer modernen Arbeitswelt hinterher hinkt – was im Übrigen keineswegs nur ein Problem in der Medizin ist. Hier müssen wir uns alle extrem engagieren, um unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine sichere berufliche Zukunft bieten zu können, in deren ursprünglichen Berufsfeldern oder eben auch in neuen.

Nehmen wir an, Ihre Einschätzungen treffen zu, warum tun sich andere mit der von Ihnen so nachdrücklich verfolgten Initiative zur Wandlung in ein Smart Hospital so schwer? Die Signalwirkung an die Politik und die Kostenträger wäre doch eine ganz andere.

Ergänzendes zum Thema
 
Smart Hospital

Prof. Werner: Wie eingangs gesagt, mir obliegt es in keiner Weise, die Handlung anderer zu bewerten und in einem solchen Interview schon gar nicht. Strategieänderung in einem Krankenhaus, ob klein oder groß, ist an sich schon eine gewaltige Aufgabe und erfordert unglaublich viel Kommunikation. Der heutige Druck auf Geschäftsführungen oder Vorstände von Krankenhäusern ist teilweise extrem hoch, maßgeblich natürlich in wirtschaftlicher Hinsicht. Und genau hier wird man einen Tod sterben müssen. Entweder lassen sich die Aufsichtsgremien überzeugen, dass die Medizin und damit auch das Krankenhauswesen in den nächsten 10 Jahren extrem verändern wird und alle denken früher an später oder es wird die Krankenhausmedizin auf der Stelle treten, in einem leider heute schon morastigen Umfeld. Natürlich ist die Digitalisierung einer Klinik oder gar einer Universitätsmedizin mit zum Teil extrem hohen Kosten verbunden. Zum Schluss werden sich die Investitionen aber finanziell rentieren. Vor allem steigt durch die digitale Transformation auch die Versorgungsqualität unserer Patienten, einschließlich deren Sicherheit.

Der Gesprächspartner: Professor Dr. Jochen A. Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Essen
Der Gesprächspartner: Professor Dr. Jochen A. Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Essen (© Universitätsmedizin Essen)

Ein hervorragendes Beispiel für die Notwendigkeit zur Forcierung der Digitalisierung im Krankenhaus ist die aktuelle Ausweglosigkeit im Zusammenhang mit dem Pflegenotstand. Reagiert wird hier immer nur mit Verweis auf zusätzlich einzustellendes qualifiziertes Personal, das es in der Breite eben nicht gibt. Der viel sinnhaftere Weg liegt in konsequenten Prozessoptimierungen und digitalbasierten Entlastungen im administrativen Bereich, um den vorhandenen qualifizierten Pflegekräften endlich wieder mehr Kontaktzeiten am Patienten zu ermöglichen. Letztlich geht es also auch hier um Investitionen und damit verbunden um Querdenkertum, um Kooperationen mit Unternehmen, Einbindung von Start ups etc. Jeder muss und wird seinen Weg zur Finanzierung der Digitalisierung finden oder eben warten, bis übergeordnete Finanzierungen von Bund oder Ländern ausgerufen werden.

Werfen Sie einen Blick in das Universitätsklinikum Essen und sehen Sie, inwieweit die Digitalisierung die einzelnen Klinikbereiche bereits durchdrungen hat:

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