Digitalisierung im Krankenhaus

IT im Dienste des Menschen

| Autor: Susanne Ehneß

In welchen Bereichen wird künstliche Intelligenz derzeit eingesetzt?

Prof. Werner: Am weitesten ist die Einführung von Künstlicher Intelligenz (KI) im Gebiet der Radiologie, was auch nicht verwunderlich ist, schließlich handelt es sich bei der Radiologie um die am längsten digitalisierte Fachdisziplin mit dem größten Erfahrungsschatz. So hat das Team der Universitätsmedizin Essen um Prof. Forsting Applikationen entwickelt, mit denen man zum Beispiel viel tiefer in die Biologie eines Tumors hineinschauen kann, als es bislang möglich war. So hilft ihnen mittlerweile KI bei Abschätzungen zur Wahrscheinlichkeit von Metastasen, zur Diagnostik bestimmter Lungenerkrankungen oder zur Bestimmung des Knochenalters. Hiermit ist in den diagnostischen Fächern nur der Anfang gemacht. Schon heute gibt es KI-Anwendungen beispielsweise in der Pathologie, Kardiologie, Notfallmedizin oder auch in der Augenheilkunde.

Auch wenn es primär die diagnostischen Fächer sind, in denen KI mehr und mehr an Bedeutung gewinnen wird, sind bereits interessante KI-Anwendungen auch im therapeutischen Bereich erkennbar. Mit Hilfe komplexer Algorithmen lassen sich für Patienten in der Onkologie maßgeschneiderte Strategien für Vorsorge, Früherkennung und Behandlung erstellen. Ein weiteres Beispiel für die zunehmende Bedeutung von KI ist die Behandlung seltener Krankheiten, wo KI maßgeblich dazu beiträgt, durch den IT-gestützen Abgleich weltweiter Datenbanken mögliche Diagnosen mit einer hohen Treffsicherheit zu identifizieren sowie umfangreiches, häufig unsortiertes Datenmaterial als Folge eines häufig langwierigen Krankheitsverlaufes nutzbar zu machen. Aber auch im Management und der Betreuung unserer Patienten setzen wir in der Universitätsmedizin Essen auf selbstlernende, intelligente Systeme, etwa bei der Spracherkennung oder der Einrichtung eines mobilen Patientenportals.

Inwiefern hat sich der Alltag der Ärzte durch die Digitalisierung verändert?

Prof. Werner: Die Veränderungen sind in vollem Gange, aber bei weitem noch nicht abgeschlossen. Bereits heute zeichnet sich ab, dass die Ärzte die Möglichkeiten der Digitalisierung wo immer sinnvoll zum Wohl ihrer Patienten einsetzen. Das ist auch logisch, denn das ärztliche Ethos ist seit jeher davon geprägt, den Menschen immer die bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen. Konkret werden die Ärzte außer bei der Unterstützung für Diagnose und Therapie vor allem bei der Entlastung von bürokratischen Aufgaben profitieren. Viele Ärzte verbringen heutzutage die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit Administration. Mit der anstehenden, digital gestützten Entlastung in diesem Bereich – etwa durch die elektronische Patientenakte, die wir in der Universitätsmedizin Essen eingeführt haben – bleibt wieder mehr Zeit für die Patienten.

Neben der medizinischen Dimension ist aber vor allem auch die kulturelle Dimension für den Arzt der Zukunft entscheidend. Ärzte wurden im Rahmen ihrer Ausbildung in sehr hierarchischen Strukturen sozialisiert. In Zukunft aber sind in den Führungspositionen Teamplayer gefragt und keine Bosse alter Prägung. Immer stärker setzt sich die Erkenntnis durch, auch als erfahrener Mediziner nicht mehr Träger des gesamten medizinischen Wissens der eigenen Fachdisziplin zu sein.

Beim Arzt von morgen wird die Nutzung digitaler Informationen eine wesentlich größere Rolle spielen, und damit auch der fach- und hierarchieübergreifende Austausch mit Kollegen und nicht-ärztlichen Spezialisten. Dies bedeutet einen Paradigmenwechsel im Selbstverständnis, zu dem es keine Alternative gibt. Festzuhalten bleibt aber, dass auch in Zukunft keine Maschine und kein Algorithmus die umfassende Rolle des Arztes einnehmen wird. Er ist und bleibt die Instanz, die auch künftig die relevanten medizinischen Grundsatzentscheidungen trifft – mit seiner ärztlichen Expertise, aber auch als Manager und Interpretierer externer Daten und digitaler Informationen.

Ergänzendes zum Thema
 
Smart Hospital

Dies wird sich auch auf die Arzt-Patienten-Beziehung auswirken. Wir haben es ja bereits heute immer mehr mit aufgeklärten, selbstbewussten Patienten zu tun, die ärztliche Entscheidungen hinterfragen. Künftig wird die Arzt-Patienten-Beziehung weniger hierarchisch geprägt sein, sondern von Kommunikation und Partnerschaft. Die Ärzte werden im engen Austausch mit ihren Patienten Entscheidungen unter Nutzung aller digitalen Möglichkeiten treffen, mit einem anderen Rollenverständnis, aber nach wie vor als medizinische Entscheidungsträger. Insofern wird die Digitalisierung auch nicht zu einem automatisierten, entmenschlichten Krankenhaus führen, wie manche befürchten. Sondern sie wird vielmehr die Voraussetzung für mehr Zeit mit dem Patienten sein, sei es als Arzt oder Pflegekraft. Um den Entwicklungsprozess zum Smart Hospital möglichst patientenzentriert zu gestalten, haben wir in Essen zudem das bundesweit erste „Institut für PatientenErleben“ gegründet, das die Fokussierung auf den Patienten auch und gerade im Zeitalter der Digitalisierung fördern und noch stärker in den Mittelpunkt stellen soll.

Auf der nächsten Seite: Medizinische Aus- und Weiterbildung. Digitalisierung: Segen oder Fluch? Und: Signalwirkung an die Politik und Kostenträger.

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