Digitalisierung im Krankenhaus

IT im Dienste des Menschen

| Autor: Susanne Ehneß

Prof. Reza Wakili (hinten) und Dr. Johannes Siebermair interpretieren beim 3D-Mapping die elektrische Landkarte der Herzoberfläche, die dank neuester Technik innerhalb weniger Minuten mehr als 20.000 Datenpunkte im EPU Labor sammelt
Prof. Reza Wakili (hinten) und Dr. Johannes Siebermair interpretieren beim 3D-Mapping die elektrische Landkarte der Herzoberfläche, die dank neuester Technik innerhalb weniger Minuten mehr als 20.000 Datenpunkte im EPU Labor sammelt (© Universitätsmedizin Essen)

Die Universitätsmedizin Essen will das erste „Smart Hospital“ Deutschlands werden. Professor Dr. Jochen A. Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender, erläutert im Gespräch, wie digital sein Klinikum bereits ist und wohin die Reise geht.

Inwieweit hat die Digitalisierung das deutsche Kranken­hauswesen bereits durchdrungen?

Prof. Werner: Durchdrungen hat die Digitalisierung das deutsche Krankenhaussystem sicher nicht. Vielmehr stehen wir am Anfang einer dynamischen und bahnbrechenden, letztlich revolutionären Entwicklung. Die größte Veränderung in der Geschichte der Medizin nimmt gerade erst Fahrt auf, die Geschwindigkeit steigert sich spürbar von Woche zu Woche.

Wenn man die aktuelle Situation im Gesundheitswesen mit den Entwicklungen in anderen Branchen vergleicht, kann man sich vorstellen, welche Transformation uns noch bevorsteht. Die Digitalisierung hat beispielsweise die Kommunikation oder die Mobilität dramatisch verändert und tut es noch. Die weltweit wertvollsten und bedeutendsten Konzerne fördern heute kein Öl mehr oder bauen Maschinen oder Fahrzeuge, sondern verkaufen Kommunikations-Endgeräte oder handeln mit Daten und Informationen. Auch in vielen anderen Industriezweigen ist die Digitalisierung für jedermann deutlich spürbar.

Geht man hingegen in ein Krankenhaus oder in eine Arztpraxis, sind die heutigen Abläufe vielfach nicht wesentlich anders als in den vorherigen Jahrzehnten. Die Optimierung und Modernisierung von Strukturen im Sinne einer deutlich verbesserten Patientenorientierung wird daher ein zentrales Handlungsfeld der Digitalisierung sein. Im rein medizinischen Bereich sind wir allerdings sicherlich schon deutlich weiter. Dies betrifft die Diagnostik noch stärker als die Therapie.

Künftig wird aber auch die Pflege von der Digitalisierung profitieren, weil diese Berufsgruppe durch intelligente Assistenzsysteme von zeitraubenden Dokumentations- und Bürokratieaufgaben entlastet werden wird. Aber erst die Optimierung und Verzahnung aller Bereiche bedeutet einen signifikanten Qualitätssprung in der Behandlung der Patienten, wenn man sie wirklich umfassend – nämlich über die ärztliche und pflegerische Leistung hinaus – definiert.

Ich bin davon überzeugt, dass – auch im globalen Maßstab – nunmehr die Medizin im Zentrum der technischen Entwicklung und der Digitalisierung stehen wird. Viele Start-ups, aber auch große Konzerne beschäftigen sich intensiv mit der Nutzbarmachung von Algorithmen und der Verarbeitung großer Datenmengen für die Medizin. Dies wirft selbstverständlich auch ethische Fragen auf, die wir beantworten müssen. Letztendlich aber wird die Digitalisierung mit großer Dynamik weiter voranschreiten. Trotz der vorhandenen Limitierungen der staatlichen Gesundheitssysteme in den Industrieländern stehen unter dem Strich enorme Geldmengen zur Verfügung, die diesen Sektor für Innovationen und Investitionen interessant machen. Allein in Deutschland reden wir über einen Gesundheitsmarkt mit einem jährlichen Volumen von weit über 400 Milliarden Euro.

Die Universitätsmedizin Essen soll das erste „Smart Hospital“ Deutschlands werden. Wie ist der Status quo?

Ergänzendes zum Thema
 
Smart Hospital

Prof. Werner: Bevor ich darauf eingehe, was wir unter einem Smart Hospital verstehen, möchte ich feststellen, dass es uns in keiner Weise um einen Wettbewerb geht, aus dem wir als Sieger hervorgehen möchten. Unser Ziel ist es, die aktuelle Krankenhausstruktur deutlich zu optimieren und dies mit einem relevanten Innovationssprung. Dieser ist genau jetzt möglich. Die Digitalisierung bietet die Basis für den Schritt zum Smart Hospital.

Darunter verstehen wir ein intelligent arbeitendes Steuerungssystem, das die Sektoren überschreitet und im gesamten Gesundheitswesen hervorragend vernetzt ist. Dieses Krankenhaus der Zukunft wird nicht durch bauliche Rahmenbedingungen definiert, sondern orientiert sich entlang der Krankengeschichte seiner Patienten. Dieses digitalisierte und prozessoptimierte Krankenhaus stellt explizit und viel entschlossener als heute den Menschen in den Mittelpunkt – die Patienten, deren Angehörige und ganz besonders auch die Beschäftigten. Mit der Digitalisierung wird es u.a. möglich, die Mitarbeiter im Krankenhaus von patientenfernen Aufgaben zu entlasten, um ihnen mehr Zeit und Zuwendung für die uns anvertrauten Menschen einzuräumen. Das Smart Hospital macht durch seine digitalisierte Infrastruktur, aber auch durch seine moderne Kommunikationsstruktur die enormen Fortschritte der medizinischen Entwicklung für den Patienten nutzbar.

Die Transformation in ein Smart Hospital geht mit einem umfassenden Kulturwandel einher, unter Aufbrechen vorhandener Kommunikations- und Hierarchiestrukturen. Führungsqualität und Teamwork werden immer bedeutsamer. Die Digitalisierung wirkt dabei - anders als in anderen Branchen – allerdings nicht disruptiv: Auch im digitalisierten Krankenhaus der Zukunft werden Menschen andere Menschen behandeln. Letztlich wird der Arzt, im engen Austausch mit dem Patienten und dessen Angehörigen und unter Nutzung aller digitalen Möglichkeiten, seine medizinischen Entscheidungen treffen.

Werfen Sie einen Blick in das Universitätsklinikum Essen und sehen Sie, inwieweit die Digitalisierung die einzelnen Klinikbereiche bereits durchdrungen hat:

Wir gehören mit der Universitätsmedizin Essen sicherlich zu den Pionier bei der Umsetzung des Smart Hospital, vor allem aber, was die Erfahrungen im dafür unumgänglichen Change-Prozess innerhalb der Mitarbeiterschaft betrifft. Wir haben das Smart Hospital zum Kern unserer unternehmerischen Strategie gemacht, an dem sich alle Entscheidungen und Weichenstellungen orientieren – sei es in die dafür erforderliche Infrastruktur, in medizinische Geräte, aber auch und vor allem hinsichtlich der allermeisten Personalentscheidungen. Letzten Endes ist das Smart Hospital ein Marathonlauf, weil wir vorhandene Mechanismen und Denkweisen aufbrechen und überwinden müssen. Das geht nicht über Nacht. Wir haben aber alle erforderlichen Strukturen und die dazu gehörigen Kommunikationsprozesse geschaffen, um das Krankenhaus der Zukunft im Sinne unserer Patienten und Beschäftigten zu realisieren.

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