Kommentar von IDC zur Personalie Ist HP durch den Weggang von Mark Hurd am Scheideweg?

Autor / Redakteur: Lynn-Kristin Thorenz / Katrin Hofmann

Hewlett-Packard-Chef Mark Hurd trat am Freitag, 6. August 2010, von seinem Amt zurück, nachdem HP aufgrund von Vorwürfen wegen sexueller Belästigung gegen ihn ermittelt hatte. Mark Hurd stand bei HP für Wandel und Umsatzwachstum.

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Als Mark Hurd bei HP den Vorstandsvorsitz übernahm, hatte das Unternehmen gerade alle Hände voll damit zu tun, Computerhersteller Compaq, der 2002 aufgekauft worden war, zu integrieren und dafür zu sorgen, dass diese Akquisition sich auszahlte. Hurd konzentrierte sich auf die Umsetzung und Abwicklung der anstehenden Aufgaben und schaffte es, Konsistenz und Fokus in ein Unternehmen zu bringen, das manchmal gar zu groß erschien und viele unterschiedliche Märkte bediente. Er setzte Prozesse und Metriken durch und leitete so eine Wachstumsphase ein, in der die Umsätze von 86,7 Milliarden US-Dollar im Kalenderjahr 2005 auf 114 Milliarden US-Dollar im Kalenderjahr 2009 hochgingen und HP sich damit in den Jahren 2007, 2008 und 2009 umsatzmäßig vor IBM, das größte IT-Unternehmen weltweit, an die Spitze setzte.

Pläne fürs Unternehmen

Hurd verfolgte einen Sparkurs: Das operative Geschäft wurde rationalisiert, der weltweite Personalbestand wurde nach und nach auf derzeit 300.000 abgebaut. Die Zielsetzung von Hurd war eine unternehmensweite Konsolidierung, was unter anderem auch dazu führte, dass redundante, sich überlappende Vertriebsfunktionen weggekürzt wurden (Customer Solutions Group), um die Problemlösung für die Kunden zu verbessern. Außerdem wurden zwecks Kosteneinsparungen Dutzende von Rechenzentren auf ein paar wenige Datenzentren konsolidiert. Seine interne strategische Vision für HP hieß Reinvestieren. Durch seinen Einblick in die Bilanzen konnte er latente Vermögenswerte identifizieren, sie zu Geld machen und dieses Geld wieder in das Unternehmen stecken. Beispielsweise wurde dadurch klar, dass HP weltweit beträchtliche Summen in Immobilien investiert hatte – einer der Bereiche, aus dem man Nutzen ziehen konnte. Diese Sachwerte wurden veräußert, und mit den daraus fließenden Einkünften wurden erhebliche Investitionen in den Vertrieb und die Rechenzentrums-Infrastruktur getätigt. Im Zuge der geplanten Rechenzentrums-Konsolidierung zeigte sich, dass weltweit 85 Rechenzentren betrieben wurden. Sie wurden zu ein paar wenigen Mega-Rechenzentren zusammengeführt, die Support für die interne IT leisteten und neue Hosting-Möglichkeiten eröffneten.

Produkt-Visionen

Unter Produkt-Gesichtspunkten wollte Hurd das HP-Portfolio vor allem mit neuen Urheberrechten und zusätzlichen Möglichkeiten aufstocken und das Vertriebsnetz ausweiten. Zunächst lag der Fokus auf dem Software- und PC-Geschäft. Software-seitig kaufte HP eine Reihe von Firmen, unter anderem Mercury und Opsware, auf. Diese neuen Software-Produkte wurden mit dem bestehenden OpenView(inzwischen BTO)-Portfolio von HP zusammengeführt, wodurch HP eine kritische Masse im Software-Management-Sektor aufbauen konnte. Im PC-Geschäft trennte Hurd die PC- von der Drucker-Sparte (die in den letzten Tagen von HP-Chefin Carly Fiorina in einem einzigen Geschäftsbereich vereinigt worden waren) und stellte Todd Bradley als Leiter der Personal Systems Group ein.

Im Enterprise Business wollte Hurd vom Wechsel zur konvergenten Infrastruktur profitieren: durch eine Plattform, auf der sowohl Server- als auch Speicher- und Kommunikationslösungen betrieben werden können. HP-Kunden hatten so die Möglichkeit, flexibel und nach Bedarf ihre Kapazitäten auszubauen.

Was das für das Unternehmen HP bedeutet, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

Wie geht es für HP weiter?

Die Ereignisse im Zusammenhang mit Hurds Rücktritt kamen überraschend und die Bekanntgabe schlug wie eine Bombe ein. Doch für das Unternehmen, seine Mitarbeiter und das Silicon Valley läuft es aufs Gleiche hinaus: Hurds Zeit als HP-Chef ist vorbei. Dieser Job wird nun von jemand anderem übernommen.

Ironischerweise verlässt Hurd HP zu einem Zeitpunkt, der für das Unternehmen durchaus Sinn macht und auch kontrollierbar ist – eine gute Voraussetzung für die Sparten-Verantwortlichen, die in den nächsten Wochen und Monaten, während der Vorstand einen neuen Vorsitzenden sucht, das Ruder in der Hand haben. Cathie Lesjak wird nach eigenen Angaben nicht als Kandidatin für die Chefposition zur Verfügung stehen.

Mark Hurd verlässt ein Unternehmen, das in der obersten Liga mitspielt. Zum jetzigen Zeitpunkt ist der IT-Gigant in allen Märkten, in denen er dank Hurds Entscheidungen vertreten ist, besser positioniert als zuvor. Hurd hat einen sehr hohen Effizienzgrad etabliert und neue Wachstumsfelder eröffnet: mit EDS in der IT-Services-Branche, 3Com im Bereich konvergente Infrastruktur und Palm im Markt für Mobile Computing. Diese Geschäftsfelder werden von einem sehr starken Team geführt. Dieses Team sorgt dafür, dass die Pläne auch wirklich umgesetzt werden. HP-Kunden brauchen sich wegen Hurds Rücktritt nicht den Kopf zu zerbrechen: Sie müssen sich bezüglich HPs Lieferfähigkeit keine Sorgen machen.

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Was die Zukunft angeht, steht HP an einem Scheideweg. Während der letzten fünf Jahre ging es um Rendite und Effizienz. Die Umsatzzahlen stiegen zwar, allerdings hauptsächlich aufgrund von Akquisitionen und mit einem eher bescheidenen organischen Wachstum. Kurz gesagt liegen die Renditezuwächse weit über den Umsatzzuwächsen. Gerechterweise muss man sagen, dass Mark Hurd auch das kurzfristige Wachstum ankurbelte.

Vor allem zwei kühne Schritte dürften wohl die Spielregeln im Markt verändern: zum einen der Aufkauf von EDS, mit dem HP seine Position in der IT-Services-Branche ausbauen und im potenziellen Zukunftsmarkt der Cloud-Applikationen und -Services Fuß fassen will. Ebenso mutig war die Akquisition von Palm als zukünftigem Differenzierungsfaktor im Mobile Computing Umfeld – mit Smartphones, Tablet PCs und angebundenen Endgeräten, oft auf Basis des Palm Betriebssystems. Damit könnte sich für HP das Blatt in dem von den Privatkunden gesteuerten Endgerätemarkt der Zukunft wenden.

Allerdings sind dafür ein fähiger Unternehmensführer und hohe Investitionen von Nöten. Ein neuer Chef wird gebraucht, der auf dem aufbauen kann, was HP derzeit am Laufen hält. Sicherlich müssen zur weiteren Transformation des Unternehmens auch neue Fähigkeiten dazukommen. Jetzt ist allerdings nicht der richtige Zeitpunkt für einen solchen Umbau: Vielmehr gilt es, aus dem bereits Geleisteten entsprechenden Nutzen zu ziehen.

Fast immer wenn Mark Hurd die Finanzzahlen bekannt gab, sagte er zum Abschluss: “HP macht Fortschritte, aber es gibt noch viel zu tun.” Das gilt auch heute noch.

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