IT-Infrastrukturen bei Polizeiorganisationen Informationsmanagement als Kernkompetenz

Autor / Redakteur: Ralf Wagner, Leiter Öffentliche Sicherheit, SAP Deutschland / Gerald Viola

Früher war die Welt übersichtlich. Weil der Streifenpolizist, unser Freund und Helfer, die Menschen seines Reviers, ihre Sorgen und Nöte aus erster Hand kannte, konnte er Rechtsverstöße meist zügig aufklären. Wenn nicht, schaltete sich der Polizeichef ein, kämpfte sich im Büro durch Aktenberge oder ermittelte am Tatort. Zwischen dem einen oder anderen Einsatz holte auch er sich seine Informationen am liebsten auf der Straße.

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( Archiv: Vogel Business Media )

Lang sind sie her, diese beinahe romantisch anmutenden Zeiten. Längst ist die Strafverfolgung viel komplexer geworden. In der mobilen Gesellschaft von heute weiß kaum noch jemand über den Nachbarn Bescheid. Das Erbe der Wachtmeister und diensterfahrener Kommissare von einst haben gut ausgebildete, IT-kundige Ermittler angetreten, die in einer Welt des vernetzten Verbrechens, des globalisierten Terrorismus, der Wirtschafts- und Internetkriminalität agieren. Doch so sehr sie dabei auf Informationen angewiesen sind, hindert deren schiere Masse sie eher daran, Straftaten aufzudecken oder diesen vorzubeugen.

Hätte Scotland Yard es geschafft, Jack the Ripper zu verhaften, wenn Ende des 19. Jahrhunderts bereits dieselben informationstechnischen Möglichkeiten wie heute zur Verfügung gestanden hätten? Über die Antwort lässt sich nur spekulieren.

Doch eines steht fest: Heute investiert Scotland Yard im Rahmen des Policing London Business Plan kräftig in den Ausbau der eigenen IT-Infrastruktur. Im Mai 2008 konnten SAP und der London Metropolitan Police Service – so der offizielle Name von Scotland Yard – den Abschluss eines umfassenden Rahmenvertrages bekanntgeben.

In London verfolgt man in Zukunft einen integrativen IT-Ansatz, bei dem die verschiedenen Anwendungen und Systeme intensiv zusammenarbeiten und zur Optimierung der Strafverfolgung genutzt werden sollen. Damit gibt eine der größten und renommiertesten Polizeiorganisationen Europas einen Trend vor, dem sich Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben in anderen europäischen Ländern nicht entziehen können werden. Doch sieht die Situation vielerorts noch ganz anders aus.

Polizei und IT heute

IT-Infrastrukturen sind bei Polizeiorganisationen – wie in vielen anderen Bereichen auch – historisch gewachsen. Das geschah in der Regel entlang von Abteilungen und Aufgabenfeldern und relativ unabhängig voneinander. So entstanden beispielsweise Systeme für die Ressourcenbeschaffung und Verwaltung, Systeme für die Einsatzplanung und -steuerung, Systeme zur Fahndungsunterstützung etc. Die einzelnen Systeme wurden jeweils für sich alleine weiterentwickelt und verbessert, was überwiegend in Eigenentwicklung geschah. Zwar gab und gibt es Versuche, diese Teilsysteme zu integrieren, doch meist geht dieser Versuch über die Programmierung von einzelnen Punkt-zu-Punkt-Schnittstellen nicht hinaus. Was fehlt ist ein integrierter Ansatz, der sich auch in der Gesamtarchitektur der Systeme niederschlägt. Vor allem fehlt eine für alle Anwendungen der Organisation einheitliche und intuitive Benutzeroberfläche.

Die Nachteile der bisherigen Situation liegen auf der Hand: Der notwendige Austausch von Daten zwischen den Anwendungen wird zum größten Teil noch von Hand erledigt, also durch Neueingabe von Daten oder durch Ausdruck und Weiterverarbeitung von Informationen in Papierform – mit allen dazugehörenden Nachteilen wie Zeitverzögerung und Fehleranfälligkeit. An vielen Stellen werden Daten mehrfach erfasst und müssen später in einem zusätzlichen System zusammengeführt werden. Die Benutzerführung der Systeme ist nicht aufeinander abgestimmt. Folge: Der fehlende Bedienkomfort führt zu mangelnder Akzeptanz und weiter sinkender Datenqualität. Darüber hinaus bewirkt die zunehmende Komplexität steigende Wartungskosten sowie bei neuen Anforderungen Inflexibilität und hohe Zusatzinvestitionen.

IT-Infrastruktur der Zukunft

Futuristische Szenarien zur technischen Ausstattung von Polizeiorganisation findet man zuhauf: von der Kameraüberwachung auf öffentlichen Plätzen mit integrierter Gesichtserkennung bis zur Undercover-Informationsbeschaffung in dubiosen Internet-Foren. Doch während die Medien häufig auf besonders skurrile Einzelprojekte oder technische Spielereien abheben, bleibt die Kernfrage meist unbeantwortet: Wie sollte die Gesamt-IT-Infrastruktur einer Polizeiorganisation aufgebaut sein, um eine möglichst erfolgreiche und effiziente Arbeit zu gewährleisten? Diese Frage ist nun einmal etwas prosaischer, doch für den Erfolg der Polizeiarbeit nicht weniger entscheidend. Ganz im Gegenteil. Es lohnt sich dabei, zunächst einen Schritt zurückzutreten und sich das Ganze modellhaft vorzustellen. Die Ausgangsfrage der Überlegungen lautet: „Welche Bestandteile braucht eine ganzheitliche IT-Infrastruktur einer Polizeiorganisation?“

Zunächst gibt es Kernprozesse der Polizeiarbeit, die sich auch in Zukunft inhaltlich nicht ändern werden und mit IT-Systemen zu unterstützen sind. Zu diesen Kernprozessen gehören:

  • Präventive Aufgabenwahrnehmung

Hier geht es um IT-Anwendungen, mit denen sich der Regeldienst bis hin zu Großlagen planen und leiten lässt. Zur Unterstützung der Aufgaben müssen Szenarien mit Planentscheidungen und Maßnahmenkataloge hinterlegt werden. Für die verschiedenen polizeilichen Anlässe sollten sich die notwendigen Abläufe koordinieren lassen. Die gesamte Informationssteuerung sowie Meldeverpflichtungen können mit solchen Systemen standardisiert und teilautomatisiert werden. Der Überblick über eingesetzte Kräfte und verfügbare Ressourcen ist im System auch hinsichtlich geografischer Informationen integriert.

  • Repressive Aufgabenwahrnehmung

Bei der repressiven Aufgabenwahrnehmung stehen IT-Anwendungen im Vordergrund, mit denen alle strafprozessualen Maßnahmen in der Massen- und Alltagskriminalität sowie der Bekämpfung der Organisierten Kriminalität geplant und bei der Durchführung dokumentiert werden. Mithilfe von im System hinterlegten Ermittlungskonzepten können Strukturverfahren gesteuert werden. Der Aufbau von Ermittlungsakten kann strukturiert und die Dokumente automatisiert zugeordnet werden. Die Auswertung von Massendaten – beispielsweise aus Telekommunikationsüberwachnungssystemen – wird unterstützt, ebenso die Verfolgung und Ahndung von Ordnungswidrigkeiten. Die automatisierte Zahlungsüberwachung und die Integration in Haushaltsmanagementsysteme ist fester Bestandteil solcher Lösungen.

  • Fahndung

Bei fahndungsunterstützenden Systemen werden Personen- und Sachdaten zentral gespeichert und stehen für alle Berechtigten bereit. Die im System vorgehaltenen Informationen zu Personen und Sachverhalten stehen landesweit und gegebenenfalls darüber hinaus für die Fahndung zur Verfügung und können für Ermittlungen auf Bundes- und EU-Ebene genutzt werden. Diese Daten können neben der täglichen Fahndungsarbeit auch für die Internetfahndung verwendet werden. Kriminalakten werden über eine digitale Akte vorgehalten. Datenschutzfunktionen – wie die Fristüberwachung zur Aussonderung sowie eine umfassende Zugriffs- und Berechtigungsverwaltung – gehören üblicherweise zu der einer solchen Software.

Der Weg zur Gesamtlösung

  • Einsatzbezogene Ressourcensteuerung:

In diesem Aufgabenfeld geht es um die klassisch verwaltungsorientierten Bereiche der Personal- und Materialwirtschaft sowie das Haushaltsmanagement. Von der unterstützenden Software wird erwartet, dass sie für Einsätze anhand taktischer Vorgaben alle notwendigen Informationen über die Personal-, Material-, Haushalts- und Infrastrukturdaten automatisiert in einem sogenannten Strukturelement bündelt und zur Verfügung stellt.

Der Polizeiführer hat damit beispielsweise Informationen über Qualifikationen der Beamten eines Einsatzzuges sowie die mitgeführten Führungs- und Einsatzmittel. Darüber hinaus sind klassische Funktionen wie Asservatenverwaltung, elektronische Beschaffung, Waffenverwaltung und -nachweisung im Standard der SAP-Lösungen enthalten.

Daneben wird eine serviceorientierte Technologie-Plattform benötigt, über die sich die einzelnen Anwendungen und unterstützenden Systeme integrieren lassen und welche auch dafür sorgt, dass die Einsatzkräfte von unterschiedlichen Endgeräten – vom Bürorechner bis zum gesicherten Mobiltelefon – auf die relevanten Informationen zugreifen können. Zur Technologieplattform zählen im Wesentlichen vier Komponenten:

  • In einer gewachsenen IT-Landschaft werden bestehende Anwendungen und zentrale Komponenten in den präventiven oder repressiven Gesamtprozess eingebunden. Dazu benötigt man ein Prozesssteuerungswerkzeug, das unterschiedlich Schnittstellen bedienen kann. Hierzu zählen Geografische Informationssysteme und Biometrie-Systeme.
  • Stammdaten aus verschiedenen Systemen und Anwendungen für eine Reihe von Spezialaufgaben, welche in verschiedenen Kernprozessen benötigt werden, können nicht immer sofort zentralisiert werden. Hierzu gehören beispielsweise eine zentrale Personenverwaltung für alle polizeilich relevanten Personen. In einer Plattform muss es aber eine Komponente geben, die eine Harmonisierung, Konsolidierung und ein zentrales Stammdatenmanagement zulässt und dabei eine hohe Qualität aller Daten sicherstellt.
  • Die vielfältigen Informationen – strukturiert oder unstrukturiert – werden teilweise aus externen Quellen wie dem Internet beschafft. Komplexe IT-Landschaften wie sie in Polizeiorganisationen üblich sind, benötigen nicht zuletzt kraftvolle Instrumente zur operativen und strategischen Steuerung. Komponenten, welche große Datenbestände auswerten, analysieren und zu einem führungstauglichen Berichtswesen zusammenstellen, gehören zum wesentlichen Bestand einer integrierten Gesamt-Lösung. Neben der Datenbewertung und -verdichtung sind unterschiedliche Visualisierungswerkzeuge notwendig.
  • Eine einheitliche Benutzeroberfläche über alle Anwendungen und Teilsysteme hinweg trägt wesentlich zum Erfolg einer IT-Gesamtarchitektur bei. Nur wenn sich das Informationssystem intuitiv und einfach nutzen lässt, wird es auch in der täglichen Praxis genutzt.

Welcher IT-Anbieter bietet die Gesamtlösung?

Wie man auf den ersten Blick an dem Diagramm (Grafik unten) erkennen kann, umfasst das Gesamtsystem bestimmte Kernkomponenten, die sich vor allem durch ihre umfassende fachliche Funktionalität definieren. Daneben gibt es jedoch auch technische Komponenten, wie die Technologieplattform, die Schnittstellenverwaltung, die Benutzeroberfläche, die vor allem durch technische Präzision und Erfahrung geprägt sind. Außerdem gibt es eine Reihe von Spezialkomponenten, die vertiefte Expertise und Spezialistenwissen auf einem klar definierten Teilgebiet charakterisiert sind. Es liegt auf der Hand, dass es im Markt wohl keinen Anbieter geben dürfte, der alle Komponenten der Gesamtarchitektur aus einer Hand und in höchster Qualität zur Verfügung stellt. SAP verfolgt aus diesem Grund auch einen anderen Ansatz.

Zur Zeit trägt der Bereich Public Services – dazu gehören neben Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben die Öffentliche Verwaltung, das Gesundheitswesen sowie der Verteidigungsbereich und das Hochschulwesen – rund 10 Prozent zum Gesamtumsatz der SAP bei (10,2 Milliarden Euro im Jahr 2007). Schon in wenigen Jahren soll sich dieser Prozentanteil auf 20 Prozent belaufen. Deshalb wird derzeit kräftig in den Ausbau des Produktangebots investiert. Das betrifft im Speziellen auch das Leistungsangebot für Polizeiorganisationen. Dabei konzentriert sich die SAP bei der Entwicklung eigener Lösungen auf folgende Teilbereiche der Gesamtarchitektur:

Technologieplattform SAP NetWeaver

Diese beinhaltet mehrere Funktionsbereiche, unter anderem:

  • Stammdatenverwaltung und Management mithilfe von SAP NetWeaver Master Data Management (SAP NetWeaver MDM): Die Komponente wird für die zentrale Personenverwaltung eingesetzt.
  • Anbindung und Integration von Drittanwendungen oder Schnittstellenmanagement.
  • Qualitätssicherung, beispielsweise beim Dublettenabgleich.
  • Auswertung und Berichtswesen wie beispielsweise Verkehrsstatistik oder polizeiliche Kriminalstatistik mithilfe von SAP NetWeaver Business Intelligence (SAP NetWeaver BI).
  • Auswertung von unstrukturierten und Massendaten (Business Objects Textanalyser).
  • Bereitstellung der Informationen via Portal auf unterschiedliche Endgeräte mit SAP NetWeaver Portal sowie SAP NetWeaver Mobile.
  • Rollenbasierende Definition von Zugriffsrechten.

Anwendungen für die Unterstützung von Kernprozessen

Insbesondere stehen dabei die folgenden Bereiche im Vordergrund:

  • SAP Enterprise Resource Planning einschließlich branchenspezifischer Lösungen wie SAP Identity Management for Public Sector, SAP Payment Processing for Public Sector sowie SAP Procurement for Public Sector. SAP ERP bietet eine umfassende Lösung für den Kernprozess der einsatzbezogenen Ressourcensteuerung. Zahlreiche Polizeiorganisationen in vielen Ländern der Welt arbeiten in diesem Bereich bereits heute mit SAP-Systemen.
  • SAP Investigative Case Management (SAP ICM) als umfassende Lösung zur Unterstützung der Ermittlungs- und Fahndungsarbeit. SAP ICM ist die branchenspezifische Weiterentwicklung von SAP Customer Relationship Management, der weltweit führenden Software für Fallbearbeitung und Kundenbeziehungsmanagement.
  • SAP Emergency Management for Public Sector unterstützt Prozesse in der präventiven Aufgabenwahrnehmung, um das Tagesgeschäft zu optimieren und in größeren Einsatz- und Schadenslagen die Ressourcenplanung und den -einsatz sowie Informationsprozesse zu unterstützen.

Ausgewählte Systeme für Spezialaufgaben

Beispielsweise diverse Systeme von SAP und Business Objects für Datensuche, Textanalyse und Datenaufbereitung. Die bekannteste Anwendung in diesem Umfeld ist die bislang als Inxight bekannte Software-Lösung, die jetzt zum SAP-Geschäftsbereich Business Objects gehört. Die bekanntesten Produkte sind Business Objects TextAnalyzer für die Analyse größerer Datenmengen wie beispielsweise von beschlagnahmten Computer-Festplatten und Business Object VizServer für die grafische Aufbereitung von Daten.

Was andere Teilbereiche der Gesamtarchitektur anbelangt, setzt die SAP auf die Zusammenarbeit mit Spezialisten. Bei dieser Zusammenarbeit geht es nicht nur darum, dafür Sorge zu tragen, dass Software-Lösungen von Spezialanbietern wie ESRI (Geografische Informationssysteme), Cognitec oder Daon (beide Biometrie-Lösung) via SAP NetWeaver mit den Kernsystemen integriert werden. Die Kooperation ist vielmehr dauerhaft angelegt. Mit dem Industry Value Network for Public Security, einem Branchenforum in dem Kunden, Partner und SAP selbst vertreten sind, hat das Unternehmen ein Forum geschaffen, in dem Lösungen für die spezifischen Anforderungen von Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben entwickelt werden. Das Anfang dieses Jahres ins Leben gerufene Forum forciert die Entwicklung gemeinsamer Software-Anwendungen für durchgängige Geschäftsprozesse und nutzt dabei SAP NetWeaver als Technologieplattform. Erste Schwerpunkte des Forums sind das Fallmanagement im Bereich Strafverfolgung und Ermittlung, das Identitäts- sowie Notfallmanagement, die Ressourcenplanung und -steuerung sowie die informationsgestützte Einsatzplanung. Zu den ersten Mitgliedern des Forums zählen Softwarehersteller wie Cognitec und Daon, zwei Spezialanbieter für Biometrie-Lösungen, Idematrix, ein Hersteller von biometrischen Identitätsmanagement-Lösungen, der Anbieter von Dokumentenmanagement-Lösungen Adobe, ESRI, ein Anbieter von Geografischen Informationssystemen, Genesys, ein Hersteller von Contact Center-Lösungen, der Datenqualitäts-Spezialist Human Inference, Ontos, ein Spezialanbieter im Bereich semantischer Technologien, Open Text als Spezialist für Enterprise-Content-Management-Lösungen sowie der Netzwerkausrüster Cisco. Auch die IT-Dienstleister Capgemini und Itelligence gehören dem neuen Industry Value Network (IVN) an.

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