Interview mit Frank Steimke, Leiter KoSIT „Im eGovernment zählen letztlich nur erfolgreiche Lösungen“

Redakteur: Manfred Klein

Seit drei Jahren arbeitet die Koordinierungsstelle für IT-Standards, kurz KoSIT, an der Schaffung offener Standards für eGovernment. Dabei gilt es nicht nur technische Aspekte zu berücksichtigen, sondern auch politische Entwicklungen. eGovernment Computing sprach mit Leiter der KoSIT, Frank Steimke.

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Frank Steimke, Leiter der KoSIT
Frank Steimke, Leiter der KoSIT
(Foto: Senator für Finanzen Bremen)

Herr Steimke, wie fortschrittlich ist die deutsche Verwaltung in Sachen IT-Standardisierung?

Steimke: Sehr fortschrittlich! Wir haben ein methodisches Rahmenwerk, das sich in der Praxis bewährt. Zudem sind die Projektleiter hinter den zahlreichen Standardisierungsvorhaben sehr aktiv und untereinander gut vernetzt. Und wir haben mit dem IT-Planungsrat ein Gremium auf politischer Ebene, das sich mit einem gesetzlichen Auftrag aktiv für die Standardisierung in der Öffentlichen Verwaltung einsetzt. Im Vergleich zu anderen Ländern sind wir überaus fortschrittlich.

Welchen Beitrag leistet dabei die KoSIT?

Steimke: In erster Linie wollen wir Standardisierungsvorhaben in der Öffentlichen Verwaltung im Sinne einer Service-Einrichtung unterstützen. Wir stellen das methodische Rüstzeug und Werkzeuge bereit, mit deren Hilfe hochwertige Fachstandards relativ schnell entwickelt werden können. Die Fachleute hinter den Standardisierungsvorhaben können sich so auf ihre fachlichen Fragestellungen konzentrieren und müssen sich nicht in zu vielen methodischen und technischen Detailfragen verlieren. Die KoSIT informiert dazu auch über bereits vorhandene Lösungen und vernetzt die Vorhaben untereinander.

Daneben haben wir die methodischen Grundlagen der Standardisierungsagenda entwickelt, um den bei Bund und Ländern vorhandenen Bedarf an Standardisierung geordnet bearbeiten zu können.

Das hört sich gut an. Aber dennoch sind bundesweite Standardisierungsvorhaben oft sehr aufwändig. Woran liegt das?

Steimke: Standardisierung ist nur ein anderes Wort für „Abstimmung“ auf technischer Ebene. Jeder weiß, wie zeitaufwendig und schwierig bundesweite Abstimmungsprozesse üblicherweise sind.

Außerdem greifen Standards häufig in bestehende IT-Verfahren ein. Anders ausgedrückt: Ihre Umsetzung verursacht zunächst einmal Kosten, auch wenn am Ende Einsparungen winken. Das können wir leider nicht ändern.

Aber wir können bewährte Verfahren anwenden, um die notwendigen Abstimmungen möglichst effizient zu organisieren.

Was sind für Sie wichtige Erkenntnisse der vergangenen Jahre?

Steimke: Die wichtigste Erkenntnis ist, dass auch im eGovernment letztlich nur erfolgreiche Lösungen zählen. Dazu gehören – mal mehr, mal weniger – auch technische Standards. Standardisierung darf nicht als Selbstzweck betrieben werden, sondern muss einen tatsächlich bestehenden Bedarf decken. Häufig werden wir als KoSIT mit scheinbar guten Lösungen konfrontiert und gebeten, diese bundesweit als Standard zu etablieren. Wir bemühen uns dann zu ermitteln, welcher Bedarf dieser Lösung zugrunde liegt, und ob andere diesen Bedarf ebenfalls haben. Das ist mühsam und aufwendig, aber unserer Meinung nach unverzichtbar.

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit der EU?

Steimke: Schon jetzt ist die Kooperation auf europäischer Ebene sehr wichtig, und die Bedeutung wächst stetig. Die EU hat sich klar und deutlich zu offenen Standards positioniert. Das Europäische Interoperabilitäts-Framework (EIF) ist eine der Vorgaben für unser eigenes nationales XÖV-Rahmenwerk.

In diesem Zusammenhang gleichen wir auch Werkzeuge und Lösungen ab. So ist die von uns entwickelte Software zur Umsetzung des XÖV-Rahmenwerkes auch Teil des von der EU für die Mitgliedsstaaten betriebenen Softwareverzeichnisses. Auf europäischer Ebene wurde eine Multi-Stakeholderplattform zur Festlegung von IT-Standards eingerichtet. Zudem plant die EU eine Verordnung über die elektronische Identifizierung und Vertrauensdienste für elektronische Transaktionen im Binnenmarkt.

Das ist für uns höchst bedeutsam, denn fast alle eGovernment-Verfahren sind auf eine gut funktionierende Infrastruktur für die sichere Datenübermittlung angewiesen. Glücklicherweise sind wir mit unserem Standard OSCI 2 gut vorbereitet – die technische Kompatibilität zu den kommenden Vorgaben ist bereits mitgedacht und angelegt.

Sie bereiten gerade die Version 2.0 des XÖV-Rahmenwerkes vor. Was ändert sich?

Steimke: Der XÖV-Standardisierungsrahmen soll sowohl bei den einzelnen Standardisierungsvorhaben wie auch für die Öffentliche Verwaltung einen konkreten Nutzen erzeugen. Eine zentrale Bedeutung erlangen daher die Methoden, Werkzeuge und Bausteine, die von der KoSIT zur Entwicklung von Standards bereitstellt werden. Wir haben die Rückmeldungen zur aktuellen Fassung des Rahmenwerkes aufmerksam verfolgt und gemerkt, dass es viel Optimierungspotenzial gibt.

Mit der Veröffentlichung von XÖV 2.0 werden wir den Grad der Wiederverwendung deutlich verbessern. Dies hilft dabei, Vorhaben effizient und in anerkannter technischer Qualität zu entwickeln. Gleichzeitig erlangen wir durch die häufige Wiederverwendung und die damit verbundene Harmonisierung der methodischen, technischen und semantischen Lösungsvielfalt eine tiefere fachübergreifende Interoperabilität.

Wie ist die KoSIT organisiert? Wer finanziert sie?

Steimke: Im Zuge der Umsetzung des neuen Artikel 91c des Grundgesetzes wurde die OSCI-Leitstelle in die KoSIT überführt. Der entsprechende Beschluss wurde bereits Ende 2009 gefasst. Die Abstimmung eines Konzeptes für die Errichtung der KoSIT mit dem Bund und den Ländern, in dem unsere Aufgaben und die Grundsätze der Steuerung und der Finanzierung beschrieben sind, hat Zeit beansprucht. Daher konnte die tatsächliche Gründung der KoSIT erst im April 2011 erfolgen.

Die KoSIT gehört zur Kernverwaltung der Senatorin für Finanzen in Bremen. Wir arbeiten nicht nur für den Planungsrat, sondern auch für andere Stellen der Öffentlichen Verwaltung. Zurzeit ist das die Innenverwaltung. Von beiden Stellen werden die in Bremen entstehenden Aufwände refinanziert.

Wie schafft es die KoSIT, ihr sehr breites Aufgabenspektrum abzudecken?

Steimke: Momentan arbeiten acht Personen in der KoSIT, außerdem arbeiten wir eng mit kompetenten Partnern aus der IT-Wirtschaft zusammen.

Natürlich reicht das nicht, um alle Bedürfnisse innerhalb der deutschen Verwaltung zu befriedigen. Auch im Bereich der Standardisierung muss priorisiert werden, um die vorhandenen Ressourcen optimal zu nutzen. Die Standardisierungsagenda ist hierfür gut geeignet, weil die Priorisierung anhand offener und transparenter Kriterien erfolgt.

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