Was würde Cicero tun?

Humanistische Realpolitik für das digitale Zeitalter

| Autor / Redakteur: Dr. Philipp Müller, General Manager Public Sector bei CSC / Manfred Klein

Humanistische Realpolitik in digitalen Zeiten

Die Transformation ist radikal, und sie kommt schon heute in unseren Gesellschaften an. Um das zu verteidigen, was wir zu schätzen gelernt haben – Rechtsstaatlichkeit, das staatliche Gewaltmonopol, ­gute Infrastruktur, Ausgleich, Chancengleichheit und öffentliche Güter wie Schulen, Nationalparks und Schwimmbäder – müssen wir in der heutigen Welt in die Vorwärtsverteidigung gehen.

Habermas’sche herrschaftsfreie Diskursräume müssen programmiert, beworben und verteidigt werden. Eine wehrhafte Demokratie muss sich den globalen Social Media getriebenen Diskursen aktiv stellen und die Möglichkeitsräume der digitalen Transformation erobern.

Unsere Aufgabe als Gesellschaft ist es also, politische Räume zu gestalten, die der intersubjektiven Konsens-Suche dienen, und dafür gibt es jede Menge Möglichkeiten. Parallel hierzu müssen Politiker und politische Akteure im Wettstreit der Interessen lernen, die Klaviatur der sozialen Medien zu bespielen.

Dazu müssen wir eine klare operative Strategie entwickeln. Die Frage, wie komplexe humanistische Ideen – wie etwa das europäische Projekt – gesichert und weiterentwickelt werden können, muss auf drei verschiedenen Ebenen angegangen werden: der taktischen, der politisch-strategischen und der metaphysisch-politischen.

#Taktik: Da die Politik auf und zwischen verschiedenen Social-Media-Plattformen entschieden wird, müssen wir unsere Social-Media-Teams in Größe und Kapazität schnell vergrößern. Das taktische Wissen, wie man authentisch auf Twitter, Facebook, Snapchat etc. reagiert, muss kontinuierlich entwickelt und aktualisiert werden. Das Wettrüsten ist eröffnet und kann nur so gewonnen werden. Habermas kann helfen, politische Diskursräume zu strukturieren.

#Politik: Heute haben Social-­Media-Teams und die IT im Ganzen eine unterstützende, nicht eine gestaltende Rolle. Das ist ein großer Fehler. Politiker und andere Strategen müssen die Möglichkeiten der Netzwerkgesellschaft umfassend verstehen und ihre ­Social-Media- und Cloud-Berater als Sparringspartner ernst nehmen. Die Europäische Kommission hat etwa eine gegen die russische Propaganda gerichtete Task Force „East Stratcomm“ aufgesetzt, aber nicht mit genügend Ressourcen und Kompetenzen ausgerüstet. Nur wenn das Netzwerk der Kern jeder Strategie ist, werden sie in der digital vernetzten Welt erfolgreich sein.

#Metaphysik: Nur wenn wir die Möglichkeitsräume unseres digital vernetzten Universums ausmessen, und harte ontologische Fragen über die Rolle der Menschheit in einer digital gewordenen Welt stellen, können wir damit beginnen, das zu bewahren, was uns wichtig ist. Unser Glaube an Rechtsstaatlichkeit, Umverteilung, soziale Sicherheit, Chancengleichheit, sanktionierende Macht der Staatlichkeit und Menschenrechte müssen ins Digitale übersetzt, politisiert, verteidigt und weiterentwickelt werden. Das heißt, wir brauchen eine metaphysische Vorwärtsverteidigung.

Metaphysische ­Vorwärtsverteidigung

Wir sind eine privilegierte Generation, die gerade durch eine der größten Transformationen der Menschheit geht. Die Vorwärtsverteidigung unserer Werte, durch die Übersetzung des Humanistischen ins Digitale, ist eine Berufung, die die Zusammenarbeit mehrerer Disziplinen zu taktischen, politischen und metaphysischen Dimensionen erfordert. Wir können uns nicht den Luxus erlauben, unseren Kopf in den Sand zu stecken. Wir brauchen mehr #Ciceros, die die Möglichkeitsräume ausmessen und ­zugleich ohne Furcht und mit real­politischer Schärfe unsere humanistischen Interessen im digitalen Zeitalters vertreten.

In Ciceros Worten: Dem Staatsmann obliegt es, sich in der Phantasie ein Bild von der Zukunft zu entwerfen und sich lange im Voraus klar zu machen, welche Zufälle glücklicher- und unglücklicherweise eintreten könnten, und was zu tun sei, wenn etwas Menschliches passiert; aber es nie so weit kommen zu lassen, dass man einmal sagen müsste: „Das hätt' ich nicht gedacht“.

Inhalt des Artikels:

Kommentar zu diesem Artikel abgeben
Danke für die tolle Diskussion, die ich erst gerade entdeckt habe (im Cafe neben dem Globe Theater...  lesen
posted am 12.01.2017 um 16:52 von philippmueller@gmail.com

Hallo Herr Günter, endlich kommuniziert man :-) Also ein paar Ergänzungen: zu 1) Cicero hat...  lesen
posted am 16.12.2016 um 19:24 von woksoll

Hallo woksoll, da haben sie sich wirklich viel Mühe gegeben bei ihrer ausführlichen Antwort...  lesen
posted am 15.12.2016 um 19:52 von Unregistriert

Dazu will ich gerne ein paar Punkte sagen: 1.) Cicero. Robert Harris hat uns in seiner...  lesen
posted am 14.12.2016 um 19:57 von woksoll

Es gibt Vieles schon dass Niemand gedacht haette. Trump. Aleppo. Was in der Türkei los Ist. Ein...  lesen
posted am 14.12.2016 um 19:35 von Unregistriert


Mitdiskutieren
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 44414313 / Projekte & Initiativen)