Was würde Cicero tun?

Humanistische Realpolitik für das digitale Zeitalter

| Autor / Redakteur: Dr. Philipp Müller, General Manager Public Sector bei CSC / Manfred Klein

#Cloud und #SocialMedia

Der erste Treiber ist eine Verschiebung der Grund-Metapher, wie wir Organisation und Zusammenleben verstehen. Was heißt das? Bis vor kurzem haben territoriale Souveränität, das heißt Grenzziehung, wie sie ursprünglich im Eigentumsbegriff des römischen Privatrechts vorkommt, definiert, wie wir Menschen in nicht-natürlichen Personen wie Konzernen, Organisationen der Zivilgesellschaft oder Staaten organisieren.

Heute wird diese Form, Organisation zu denken, abgelöst durch den Netzwerk-Begriff.  Netzwerke werden durch Kommunikationsflüsse definiert, nicht durch die Grenzziehung. Die Topographie von Netzwerkbeziehungen löst also die Geographie territorial-souveräner Räume ab.

Die Netzwerk-Metapher ist flexibler als die Souveränitäts-Metapher und ermöglicht neue Arten von Governance und Politik. In Netzwerken beziehungsweise sozialen Medien ist es theoretisch möglich, den von Habermas geforderten herrschaftsfreien Kommunikationsraum zu strukturieren, in dem Verständlichkeit, objektive Wahrheit, normative Richtigkeit und subjektive Wahrhaftigkeit zur intersubjektiven Wahrheit beziehungsweise zum Konsens führen können, und damit die Einbeziehung von ehemals marginalisierten Meinungen und Bevölkerungsteilen ermöglichen.

Ganz praktisch sind aber soziale Medien heute geprägt von Echokammern, #FakeNews und unvollkommenen beziehungsweise nicht neutralen Algorithmen. Die Befürchtung der europäischen Parlamentarier, dass es zu einem Wettrüsten der Beeinflussungsmechanismen kommt, ist mit #brexit und #trump spürbar geworden. Putins Troll-Fabrik in St. Petersburg hat diesen Ansatz industrialisiert, wie der Guardian jüngst schreibt.

#KünstlicheIntelligenz und #BigData

Der zweite Treiber ist eine Verschiebung in unserem Denken: weg vom theoriegeleiteten, hin zum datengetriebenen. Wer Daten hat, braucht keine Theorie, frei nach Sergei Brin, dem Gründer von Google.  Seit der Renaissance und der Aufklärung hat sich das Denken der Menschheit auf den Menschen als Leitmotiv konzentriert. Das Denken wurde deduktiv, das heißt theoriegeleitet und hypothesengetrieben.

Diese Denkweise, die die Menschheit von den Fesseln der selbst­auferlegten Unmündigkeit durch das Kant'sche „Wagnis zu Wissen“ (sapere aude) befreite, ermöglichte die wissenschaftliche Revolution und parallel dazu die ingenieursgetriebene Veränderung unserer Umwelt, soweit dass Geologen inzwischen das Anthropozän ausgerufen haben.

Dieses datengetriebene oder induktive Vorgehen, wie es zum ersten Mal in Craig Venter’s Ansatz beim Human Genome Project in den 1990er Jahren industrialisiert wurde, ist die Basis einer neuen Art zu Denken, die aus Mustern Wahrscheinlichkeiten berechnet und auch als Basis für künstliche Intelligenzen gilt. Die algorithmische Reflexion unstrukturierter Massendaten erlaubt uns beziehungsweise den Maschinen, Entscheidungen auf Basis induktiv erzeugter Muster zu begründen, ohne auf ein deduktives Verständnis von Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu rekurrieren.

In der Entwicklung von schwacher zu starker künstlicher Intelligenz und möglicherweise zu Super­intelligenz müssen wir nicht nur ethische Rahmenbedingungen für nichtmenschliche Formen des Denken zu entwickeln, sondern auch die Menschlichkeit in unserem metaphysischen Universum neu zu positionieren. Und dafür müssen wir uns und unsere Herkunft verstehen.

#Blockchain und das #InternetderDinge

Der dritte Treiber ist eine Verschiebung der Wertschöpfung von unserer atomaren Welt in die digitale. Mit Marc Andreessens Idee, dass Software die Welt „auffrisst“, kann das gegenständlich und begreifbar gemacht werden.

Der Mehrwert, der heute bei Forschung und Entwicklung, in der Organisation, der Produktion, dem Marketing und Vertrieb geschaffen wird, ist digitalisiert. Der Mehrwert des iPhones, das „designed in California, assembled in China“ wurde, akkumuliert sich dort, wo digital gearbeitet wird, wo es um die Gestaltung von digital erstellten immateriellen Werten wie Design, Funktionalitäten und Vertrieb geht – nicht da, wo es zusammengesetzt wird.

Mit dem Internet der Dinge kann inzwischen, zumindest theoretisch, jedes Atom im Universum grundsätzlich digital angesprochen und manipuliert werden. Mit Blockchain-Technologien kann die Verteilung von Werten sowohl digital als auch analog ohne zentralisierte Vermittler organisiert werden. Dies zwingt jede Organisation, die als zentralgestaltlicher Intermediär auftritt, weil sie eine Infrastruktur bereitstellt oder Werte verwaltet, sei es eine Bank, ein Energie-Unternehmen oder ein Staat, ihre Rolle neu zu bewerten.

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Danke für die tolle Diskussion, die ich erst gerade entdeckt habe (im Cafe neben dem Globe Theater...  lesen
posted am 12.01.2017 um 16:52 von philippmueller@gmail.com

Hallo Herr Günter, endlich kommuniziert man :-) Also ein paar Ergänzungen: zu 1) Cicero hat...  lesen
posted am 16.12.2016 um 19:24 von woksoll

Hallo woksoll, da haben sie sich wirklich viel Mühe gegeben bei ihrer ausführlichen Antwort...  lesen
posted am 15.12.2016 um 19:52 von Unregistriert

Dazu will ich gerne ein paar Punkte sagen: 1.) Cicero. Robert Harris hat uns in seiner...  lesen
posted am 14.12.2016 um 19:57 von woksoll

Es gibt Vieles schon dass Niemand gedacht haette. Trump. Aleppo. Was in der Türkei los Ist. Ein...  lesen
posted am 14.12.2016 um 19:35 von Unregistriert


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