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Gastbeitrag Holt mehr Startups in den öffentlichen Sector!

| Autor / Redakteur: Michael Pfefferle / Manfred Klein

Die Smart Country Convention kündigt sich an. Auf der Veranstaltung werden die Teilnehmer auch Konzepte diskutieren, wie Startups Kommunen auf dem Weg zur den Smart City unterstützen können. Aber kann das funktionieren? Unser Gastautor, Michael Pfefferle, Smart City & Smart Region Experte im Bitkom, meint ja.

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Verfolgen Kommunen und Startups auf dem Weg zur Smart City wirklich die gleichen Ziele?
Verfolgen Kommunen und Startups auf dem Weg zur Smart City wirklich die gleichen Ziele?
(© Tierney – stock.adobe.com)

Startups könnten der Digitalisierungsbeschleuniger für die Aktenberge in der öffentlichen Verwaltung sein. Sie könnten uns Lösungen für die digitale Stadt von morgen präsentieren, während Kommunen noch an Konzepten feilen. Ich glaube sogar, Startups könnten am Ende das Zünglein an der Waage sein, wie schnell wir smarte Städte und Regionen in Deutschland entwickeln. Aber genug der Metaphern, es sollte deutlich geworden sein, dass ich ein Fan bin – denn innovative Ideen und Agilität sind genau das, was Stadt und Land brauchen und Startups liefern.

In Deutschland wächst seit Jahren eine Startup-Landschaft rund um die smarte Kommune heran. Dabei sind die Bereiche, in denen Startups aktiv werden, so vielfältig wie die Themen in einer Smart City selbst und reichen von GovTech über Mobilität und Energie bis hin zu Quartiersmanagement. In Berlin, Leipzig und Dresden sind eigene Startup-Ökosysteme entstanden, in denen eine Vielzahl von Akteuren gemeinsam an digitalen Technologien für Stadt und Land arbeiten und so den Erfolg der Innovation entscheidend mitbestimmen. In diesen Ökosystemen treffen Startups mit etablierten Unternehmen, Universitäten und Städten zusammen und werden gefördert durch Inkubatoren, Accelerators und Venture Capital. Die Städte, in denen diese Ökosysteme entstehen, sind häufig nicht nur Unterstützer der Kooperationen, sie sind als Anwender auch Profiteure der digitalen Technologien.

Städte wie Leipzig und München kooperieren etwa mit der Stadtverwaltung und unterhalten „Digital Hubs“ der Hub-Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums, in denen Startups und ihre Ideen heranwachsen. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Das Umfeld ermöglicht Gründerinnen und Gründern die optimalen Bedingungen, um aus ihren Ideen große Erfolge zu machen, Investitionen abzustauben und die Überlebenschancen ihres Startups maßgeblich zu erhöhen. Sie werden gecoacht, absolvieren Workshops und bauen sich ein umfassendes Netzwerk aus Investoren und Partnern auf. Die Stadt profitiert von den kreativen Arbeitsplätzen und wird zugleich zum attraktiven Standort für Unternehmen, Investoren und junge Familien. Doch bei ihrer täglichen Arbeit geraten junge Investoren und Gründer häufig an schwer überwindbare rechtliche und kulturelle Hürden.

Über Förderprojekte wie den Digitalpakt Schule und über den bundesweiten Wettbewerb „Smart Cities made in Germany“ wollen Bund, Länder und Kommunen in den kommenden Monaten verstärkt in die Digitalisierung von Verwaltung und Schulen investieren und könnten dabei gut auf die Ideen von Startups setzen. Doch um mehr Startups eine erfolgreiche Beteiligung an öffentlichen Ausschreibungen zu ermöglichen, müssen diverse Maßnahmen für eine Startup-freundlichere Vergabe vorgenommen werden. Denn die veralteten Strukturen erschweren es Startups, überhaupt den Fuß in die Tür zu kriegen.

Erster und wichtigster Schritt: Es sollte in den Kommunen einen Startup-Beauftragten geben oder einen Ansprechpartner für Startup-Belange festgelegt werden. Viele Startups wissen häufig nicht, wer ihr korrekter Ansprechpartner bei den unzähligen Ämtern und Stabsstellen ist. Manche Städte wie Darmstadt oder Leipzig machen es bereits richtig und bilden zentrale Einheiten, um das Thema Digitalisierung und Smart City in der Kommune zentral und verstärkt anzugehen. Bei der Zusammenarbeit von Kommune und Startups treffen zwei Welten, ja, zwei Kulturen aufeinander. Einerseits die häufig jungen, hippen Leute, in vielen Fällen frisch von der Universität, die querdenken und innovativ an neue Geschäftsmodelle herangehen. Auf der anderen Seite Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Ämtern, die an feste Strukturen und Abläufe gewöhnt und an ihre Vorschriften und Gesetze orientiert und gebunden sind. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte nicht in Klischees denken und auch nicht alle über einen Kamm scheren, denn überall gibt es Bewegung zu beobachten. Ich möchte nur klarstellen: Unterschiedliche Arbeitskulturen dürfen die Prozesse nicht erschweren, sie sollten mitgedacht werden. Das geht etwa, indem Stadtverwaltungen jemandem im Hause haben, der zentraler Ansprechpartner für Startups ist, bestenfalls beide Welten kennt und bei Fragen weiterhilft und mitunter eine Vermittlungsfunktion inne hat. Dieser Ansprechpartner sollte die persönlichen und wirtschaftlichen Anliegen der Startups verstehen. Idealerweise ist er Teil einer Organisationseinheit, die auch grundsätzlich mit der Digitalisierung der Kommune vertraut ist, aber auch weitere gesellschaftliche Player der Smart City kennt, sprich: Eigenbetriebe, Stadtwerke, soziale Initiativen, die Ämter und weitere Unternehmen.

Zugleich sollte die Funktion der Beschaffungsverantwortlichen gestärkt werden, etwa durch Schulungsangebote zu den aktualisierten Regelungen der Vergaberechtsreform 2016. Auch ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch zwischen Beschaffungsverantwortlichen und Startups zu Best-Practices und erfolgreichen Projekten wäre von Vorteil, denn diese könnten die Hemmungen vor der Zusammenarbeit mit Startups reduzieren. Daher: Gebt den Startups einen zentralen Kontakt für die Zusammenarbeit. Davon profitieren beide Seiten.

Generell wird es Startups gegenwärtig mit komplizierten Vergabeprozessen und hohen Anforderungen wie Bonität und Referenzkunden schwer gemacht, an öffentliche Aufträge zu gelangen und im Public Sector Fuß zu fassen. In einem weiteren Schritt sollten daher die Rahmenbedingungen angepasst werden, indem die Anwendung bestehender innovativer Vergabekriterien und -verfahren erfolgt. Dazu zählen angemessene Anforderungen an Wirtschaftlichkeitskriterien oder Projektreferenzen. Forderungen nach einer hohen Eigenkapitalquote, Bonitätsnachweise, der Nachweis von mindestens drei Jahresabschlüssen oder gar eine hohe Bestandsdauer, sind kaum erfüllbare Hürden für Startups. Die Anzahl an Referenzprojekten im öffentlichen Sektor oder Wirtschaftlichkeitskriterien sollten daher verhältnismäßig angesetzt werden.

Ein weiterer Schritt ist ein breiterer Einsatz von Innovationspartnerschaften und anderen vorhandenen innovativen Vergabeinstrumenten, was das Vergaberecht seit 2016 ermöglicht. Hierbei fördert der Auftraggeber im Rahmen einer Partnerschaft die Entwicklung einer neuen Bau-, Liefer- oder Dienstleistung und erwirbt zugleich das aus der Kooperation entstandene Produkt. Eine weitere Möglichkeit ist der größere Einsatz von Funktions- anstatt Leistungsanforderungen im Vergabeverfahren. Hierbei wird im Vergabeverfahren im Zuge einer funktionalen Leistungsbeschreibung das zu lösende Problem definiert und nicht die entsprechende Lösung. Beschaffer haben dadurch einen größeren Gestaltungsraum, die bestmögliche angebotene Lösung zu wählen. Dadurch profitieren sowohl die öffentliche Hand als auch die Startups, da sachgerechtere und innovativere Lösungen im Ausschreibungsverfahren angeboten werden können.

Die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit zwischen Startups und Public Sector sind gegeben – wenngleich Startups vorm Ergreifen der Chance eben noch stundenlang komplizierte Unterlagen ausfüllen müssen. Aber neben schwierigen Vergabeprozessen erschweren auch eingefahrene Strukturen im öffentlichen Sektor die gemeinsamen Kooperationen. Diese Differenzen sind allerdings nicht unüberbrückbar, sondern die Hürden können nach und nach von der Politik abgebaut werden. Dazu kommen natürlich noch der Mensch auf der Arbeitsebene sowie die unterschiedlichen Organisationskulturen: Die Arbeitsweise, die Strukturen und die Prozesse in Startups und im öffentlichen Sektor sind häufig grundverschieden. Daher ruckelt es häufig auch am Anfang, bevor sich alle Akteure eingespielt haben. Eine womöglich schwierige Anfangsphase sollte Städte, Gemeinden und die öffentliche Verwaltung aber nicht davon abhalten, einen gemeinsamen Weg einzuschlagen.

Ich empfehle, neugierig Kooperationen einzugehen und die unterschiedlichen Werte und Menschen als eine Stärke wahrzunehmen. Was für Startups langwierig und schwierig erscheint, bringt häufig akkurate und verbindliche Ergebnisse mit sich. Was auf den öffentlichen Sektor chaotisch wirkt, bringt die besten und kreativsten Lösungen hervor. Ich ermuntere alle Startups sich auf öffentliche Aufträge zu bewerben und den öffentlichen Sektor, Startups für ihre Digitalprojekte auszuwählen. Das käme nicht nur den jungen, innovativen Unternehmen zugute, sondern auch der öffentliche Sektor würde profitieren und sich schneller modernisieren. Wichtig ist, dass man nicht aus den Augen verliert, dass man im Grunde das gleiche Ziel verfolgt: Die Entwicklung smarter Städte und Regionen in Deutschland.

Mehr Informationen zur Smart Country Convention findet Sie hier.

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