Online-Wahlen Hat das Wahllokal ausgedient?

Autor: Ira Zahorsky

Einer Umfrage des Bitkom zufolge wünschen sich zwei Drittel der Deutschen, dass wählen künftig digital möglich ist, am liebsten direkt zur anstehenden Bundestagswahl am 26. September. Auch der Wahlkampf und die Informationssuche zur Wahl finden vermehrt online statt.

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Vor allem jüngere Deutsche würden gerne online wählen.
Vor allem jüngere Deutsche würden gerne online wählen.
(Bild: © ulff-stock.adobe.com)

Bislang kann man in Deutschland nur vor Ort im Wahllokal oder per Briefwahl abstimmen. Letzteres allerdings nur, wenn man die Unterlagen vorher beantragt hat. Immerhin das geht in den meisten Fällen inzwischen digital, sogar in kleinen Kommunen, per QR-Code auf der Wahlbenachrichtigung. Allerdings würden 61 Prozent der vom Bitkom Befragten künftig am liebsten online wählen.

Vor allem jüngere Menschen könnten laut Bitkom-Präsident Achim Berg so besser abgeholt werden. „So ließe sich die Wahlbeteiligung erhöhen und gleichzeitig der Aufwand bei der Durchführung der Wahl und der Auszählung der Ergebnisse reduzieren“, ist Berg überzeugt. Eine höhere Wahlbeteiligung erwarten sich auch 37 Prozent der Befragten. Weitere Vorteile werden in schnelleren Ergebnissen (64 %) sowie einer bequemeren (56 %) und zeitgemäßeren (49 %) Wahlmethode gesehen.

Die Digitalisierung bietet die Chance auf ein Update unserer Demokratie.

Achim Berg, Bitkom-Präsident

Unter den 18- bis 29-Jährigen wünschen sich knapp drei Viertel (73 %) die Möglichkeit zur Online-Wahl. Bei den 30- bis 49-Jährigen und den 50- bis 64-Jährigen sind es 68 beziehungsweise 69 Prozent. Selbst unter den über 65-jährigen Bundesbürgern können sich 48 Prozent die digitale Stimmabgabe vorstellen.

Die Anhänger von Bündnis 90 / Die Grünen können sich am ehesten für die Online-Wahl erwärmen. 72 Prozent von ihnen gaben dies in der Bitkom-Umfrage an. AfD-Wähler liegen mit 71 Prozent knapp dahinter. Bei den SPD-Anhängern sind es 69 Prozent, bei den Linken 64 Prozent und bei den CDU/CSU-Wählern immerhin noch 62 Prozent. Unter den FDP-Favorisierern kann sich nur die Hälfte (51 %) mit der digitalen Wahl anfreunden.

Die Wahl wird im Internet entschieden

31 Prozent denken, dass die Bundestagswahl im Internet entschieden wird. Die digitalen Angebote der Parteien rund um die Wahl finden aber nur 36 Prozent gut.

Auch die Digitalkompetenz der Parteien kommt nicht gut weg: „Die Politik reagiert bislang nur unzureichend auf die Bedeutung, die die Wahlberechtigten dem Internet beimessen. Die Politik hat Lücken im Digitalen und verschenkt damit Möglichkeiten und Chancen, bei Wählerinnen und Wählern zu punkten“, so Berg.

Digitalkompetenz bekommt man nicht, indem man eine Agentur mit einem Social-Media-Clip beauftragt.

Achim Berg, Bitkom-Präsident

Etwas weniger als die Hälfte (45 %) der Befragten beteiligt sich aktiv am digitalen Wahlkampf. Das sind 12 Prozent mehr als vor vier Jahren. Von den 18- bis 29-Jährigen sind 62 Prozent online im Wahlkampf aktiv. Allerdings beschränkt sich diese Aktivität hauptsächlich auf

  • das Weiterleiten von Messenger-Nachrichten mit politischen Inhalten (35 %),
  • das Teilen, Liken oder Kommentieren von politischen Inhalten in sozialen Netzwerken (22 %),
  • das Weiterleiten von E-Mails mit politischem Inhalt (21 %),
  • das Kommentieren von Artikeln in Online-Medien (15 %) sowie
  • das Melden von Fake News (12 %).

Nur 7 Prozent verfassen eigene Posts zur politischen Lage in sozialen Netzwerken, 3 Prozent im eigenen Blog. 6 Prozent sehen sich als Mitglied der Internet-Wahlkampagne einer politischen Partei.

Online-Informationen: Trau, schau wem!

Wie auch bei der Berichterstattung zur Corona-Pandemie gibt es auch zahlreiche Menschen (30 %), die den Online-Informationen der deutschen Medien zur Bundestagswahl misstrauen. 28 Prozent sind überzeugt, dass sie nur bei YouTube, in Blogs oder bei Telegram glaubwürdige Informationen erhalten. Genauso viele trauen dem Internet als Informationsquelle überhaupt nicht.

„Das Internet bietet die Möglichkeit, sich einfach, schnell und kostengünstig zu informieren und dabei Quellen zu nutzen, die den Menschen noch vor wenigen Jahren verschlossen waren. Zugleich ist das Internet aber auch ein Raum für Verschwörungstheorien und Fake-News. Die Vermittlung von Medienkompetenz gehört daher zu den zentralen Aufgaben einer modernen Demokratie“, fordert Berg.

Für knapp drei Viertel der 18- bis 29-Jährigen sind Online-Angebote als Informationsquelle zu politischen Themen „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“. Das persönliche Gespräch mit Freunden oder Familie sowie das Fernsehen folgen mit je 72 Prozent. In der Gesamtwertung liegen die beiden letztgenannten Quellen mit 73 Prozent noch deutlich von den Online-Angeboten mit 60 Prozent. Es folgen Radio (48 %), Tageszeitungen (46 %), gedruckte Informationen der Parteien (39 %) sowie Wochenzeitungen oder Magazine (36 %) und Bücher (22 %).

Die Hälfte der Befragten, die Online-Angebote nutzen, schaut täglich nach Neuigkeiten, 15 Prozent sogar stündlich. Die User informieren sich dabei auf den Websites und in den Apps von

  • TV-Sendern (80 %),
  • klassischen Printmedien (69 %),
  • NGOs wie zum Beispiel Gewerkschaften oder Initiativen (65 %),
  • Internet- und eMail-Anbietern (63 %),
  • Mediatheken der Rundfunkanstalten (53 %),
  • Sozialen Netzwerken (44 %),
  • Parteien und Politikerinnen und Politikern (39 %)
  • dem Wahl-O-Mat (38 %)
  • Radiosender und Podcasts (25 %),
  • Blogs (23 %),
  • Videoportalen (19 %) und
  • Messenger wie Telegram oder WhatsApp (18 %).

Online-Kommunikation und -Partizipation

Auch wenn 68 Prozent der Bürger am liebsten im persönlichen Gespräch mit Politikern diskutieren möchten, können sich auch immer mehr digitale Kommunikationsmöglichkeiten vorstellen. Knapp die Hälfte (47 %) würde ein eigenes politisches Anliegen im Online-Dialog zusammen mit anderen vorbringen, ein Drittel (36 %) würde dies gerne per Video-Anruf tun und ein Viertel per eMail. „Wer als Politikerin oder Politiker wirklich den Austausch mit den Menschen sucht, der muss heute auch über digitale Kanäle erreichbar sein. Und zwar direkt, nicht nur mit einer notdürftig zusammengezimmerten Social-Media-Präsenz“, ist Berg überzeugt.

Auf Kommunal-, Landes-, Bundes- oder Europaebene hat bereits ein gutes Drittel (35 %) der Befragten online direkten Einfluss auf die Politik genommen. Die Mitwirkung auf Bundesebene, etwa über Petitionen, wurde dabei bislang am meisten in Anspruch genommen (33 %), gefolgt von der Beteiligung auf kommunaler Ebene (17 %), sowie Landes- und EU-Ebene mit je neun Prozent. „Wenn wir uns mehr Engagement und Mitsprache von Bürgerinnen und Bürgern wünschen, dann müssen wir die Möglichkeiten zur Online-Beteiligung auf allen politischen Ebenen deutlich ausbauen“, so Berg. Der Bedarf ist da: Zusätzlich zu denjenigen, die bereits direkten Einfluss genommen haben, könnten es sich weitere 54 Prozent für die Zukunft vorstellen.

Wahl-O-Mat und Bitkomat

Wer sich noch nicht sicher ist, für welche Partei er stimmen soll, kann sich beim Wahl-O-Mat, der seit heute online ist, eine Entscheidungshilfe holen.

Der Bitkomat zeigt, welche Einstellungen die im Bundestag vertretenen Parteien zu digitalpolitischen Themen haben.

Für die Studie befragte der Bitkom im August 1.007 Personen in Deutschland ab 18 Jahren telefonisch.

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Über den Autor

 Ira Zahorsky

Ira Zahorsky

Redakteurin und Online-CvD, IT-BUSINESS